Ich habe mich mithilfe von Drogen selbst therapiert.
Seit online immer mehr Menschen über ihre Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung sprechen, wird ADHS gerne als »Modekrankheit« abgetan. Doch die Diagnose geht für die Betroffenen mit einer ganzen Reihe unsichtbarer Belastungen einher. Vielen fällt es schwer, sich zu konzentrieren. Sie sind impulsiv und verspüren eine ausgeprägte körperliche Unruhe. Andere entwickeln einen Hyperfokus und verlieren sich in kreativen Aufgaben, während sie alles andere ausblenden und vernachlässigen. Belinda hat im Interview mit Diana darüber gesprochen, was ihr durch eine frühere Diagnose erspart worden wäre und inwiefern auch ihr früherer Drogenkonsum mit der Erkrankung zusammenhängt.
Was ist ADHS eigentlich?
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung. Sie zeigt sich durch Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität. Typisch: Konzentrationsprobleme, emotionale Schwankungen und innere Unruhe. Bei Mädchen bleibt ADHS oft unerkannt, weil Symptome weniger auffällig sind.

Triggerwarnung:
Suchterkrankungen und Drogenkonsum

Interview: Diana Ringelsiep
ADHS Symptome in der Kindheit – wenn
Träumerei zum Problem wird
Hallo Belinda, herzlich willkommen! Wir sprechen heute über das Thema ADHS, eine neurologische Entwicklungs- und Verhaltensstörung, der häufig eine genetische Veranlagung zugrunde liegt. Wie war das bei dir, gab es in deiner Kindheit bereits erste Anzeichen, die typisch für ADHS sind?
Ja, es gab sogar ziemlich viele Anzeichen, das spiegelt sich zum Beispiel in meinen Grundschulzeugnissen wider. Da stand immer drin, dass ich viel Potenzial hätte, das ich nicht ausschöpfe. Meine Grundschullehrerin hat auch immer vor der ganzen Klasse gesagt: »Belinda, nicht träumen!« Das waren rückblickend die ersten Auffälligkeiten.
ADHS Symptome in der Kindheit – wenn Träumerei zum Problem wird

Hatte das Auswirkungen auf deine schulischen Leistungen?
In der Grundschulzeit noch nicht, aber später an der weiterführenden Schule wurden meine Noten merklich Schlechter. Die Klasse dort war größer und die Lehrer konnten sich nicht erklären, was der Grund für meine nachlassende Leistung war. Das ging so weit, dass ich einen IQ-Test machen musste. Bei dem kam heraus, dass ich hochbegabt bin. Das Rätsel bestand jedoch weiter, weil sich niemand einen Reim darauf machen konnte, warum meine Noten trotzdem so schlecht waren. Das war belastend, weil ich mich wie ein Alien gefühlt habe. Ich fragte mich, warum ich so viel investiere und lerne, und trotzdem zu keinem guten Ergebnis komme.
Inwiefern hat sich das auf deine Beziehung zu anderen Kindern ausgewirkt?
Mit ADHS geht oft eine emotionale Impulsivität einher, mit der viele Kinder nicht umgehen können. Es gab Momente, in denen ich plötzlich total traurig oder extrem euphorisch war, das kann in beide Richtungen gehen. Auf andere wirkt das unberechenbar. Ich war auch oft wütend, weil ich meist unterdrückte, was mich störte und dann alles auf einmal rauskam. Dieses Verhalten hat es mir im Grundschulalter erschwert, Beziehungen zu meinen Klassenkameraden aufzubauen.
Wie sah so ein typischer Wutanfall aus?
Ich habe mich bei einer Sportaktivität nach der Schule zum Beispiel mal mit meiner Trainerin angelegt. Ich weiß gar nicht mehr, was sie gemacht hat, aber irgendwas hat mich gestört. Jedenfalls kann mich noch daran erinnern, dass ich so wütend war, dass ich in diesem Geräteraum von der Turnhalle herumgesprungen bin und sie beschimpft habe. Wenn ich heute zurückblicke, denke ich: »Oh Gott, was war denn da los?« Aber das war natürlich ein ganz typischer Fall von emotionaler Impulsivität.
ADHS bei Jugendliche: Drogen und Selbstmedikation statt Diagnose
Welchen Einfluss hatte die Pubertät auf deine Verhaltensstörung? In dieser Zeit kommt ja häufig noch mal richtig Bewegung rein.
Ja, auf jeden Fall. Die Hormonumstellung in der Pubertät hat ja auch Auswirkungen auf das Dopaminsystem, dementsprechend hat sich da einiges getan. Zu Beginn meiner Jugend habe ich mich eher ins Internet zurückgezogen. Dort habe ich viele Freunde gefunden, die ich zum Teil bis heute habe. Aber irgendwann fing ich an, nach der Schule rauszugehen und mich mit irgendwelchen Leuten im Park anzufreunden. So bin ich langsam in einen Kiffer- und Drogenfreundeskreis hineingerutscht. Aufgrund meiner eigenen Andersartigkeit habe ich mich da wohlgefühlt. Und ich habe mich auch total für die verschiedenen Substanzen interessiert, die dort genommen wurden.
Von was für Substanzen sprechen wir da und welche Rolle haben die Drogen in deinem Alltag gespielt?
Angefangen hat es natürlich mit Gras. Aber durchs Internet habe ich schnell mitbekommen, dass es da noch andere Sachen gibt. An die kam ich zwar erst mal nicht heran, aber der Drive, das auszuprobieren, war von Anfang an da. Ich habe dann angefangen, mich im Botanischen Garten umzuschauen. Es gibt verschiedene Pflanzen, die halluzinogene Wirkstoffe enthalten, wie zum Beispiel Tollkirschen, Stechäpfel oder Engelstrompeten. Und die habe ich dann ausprobiert.
Alleine oder mit Freunden?
Zunächst alleine, aber irgendwann habe ich auch Freunde mitgenommen. Ich habe mich immer gefreut, wenn jemand mitgemacht hat.
Das ist ja schon speziell. Die meisten Jugendlichen, die Drogen auszuprobieren, machen das ja eher gemeinsam, auf einer Party oder so. Das heißt, du bist einfach alleine in den Park gegangen und hast diese Pflanzen ausprobiert?
Ja, so ähnlich war das. Einmal bin ich alleine in den Botanischen Garten gegangen und habe dort eine dieser großen gelben Blüten gepflückt und sie gegessen wie Salat. Und dann habe ich abgewartet. Das Ding bei Engelstrompeten ist, dass man die Halluzinationen nicht von der Realität unterscheiden kann. Ich war komplett auf dem Trip und habe mir irgendwelche Leute eingebildet, von denen ich bis heute nicht weiß, ob sie wirklich da waren. Ich habe das Gefühl für Raum und Zeit verloren und bin dann erst mal nach Hause gegangen. Dort habe ich meinem Vater am Küchentisch erzählt, dass aus den Pfirsichen in unserem Obstkorb riesige Blumen wachsen, die wir in der Schule untersuchen. Irgendwann gab er mir das Telefon und ich habe mit einem Freund von ihm gesprochen, aber ich muss eingeschlafen sein, denn als ich wieder zu mir kam, war die Leitung tot. Nebenan habe ich dann ein altes Handy ohne SIM-Karte gefunden, das den falschen Tag anzeigte. Auf dem Display stand »Dienstag«, obwohl Sonntag war. Also bin ich zu meinem Trommelkurs gefahren, der immer dienstags stattfand. Da war natürlich niemand, weshalb ich den Bus zurück nach Hause nehmen wollte. An der Bushaltestelle muss ich dann mit meinem Spiegelbild gesprochen haben, woraufhin mich zwei Typen, die gerade aus dem Fitnessstudio kamen, fragten, ob alles okay sei. Ich sagte: »Ja, auf jeden Fall« und erzählte ihnen, was los ist. Daraufhin haben sie einen Krankenwagen gerufen. Ich musste dann zwei oder drei Tage im Krankenhaus bleiben und der Trip ging sogar noch weiter. Das kann recht lange dauern.
Ich finde es schwierig, ADHS als Superpower zu bezeichnen – auch wenn ich es grundsätzlich gut finde, nicht nur das Negative zu sehen.
Und dein Vater hat nichts gemerkt, als du mit ihm am Küchentisch saßt?
Nee, scheinbar nicht. Das wundert mich auch.
Wie hast du diese Trips denn selbst empfunden? Hat dir das Angst gemacht?
Ich glaube schon, dass ab und zu auch so was wie Angst und Panik da war, aber irgendwie hat mich das in dem Moment selbst nie gestört. Später kam dann auch LSD dazu und ich kann mich erinnern, dass ich auf einem dieser Trips mal in einen Club gegangen bin und plötzlich glaubte, sterben zu müssen. Aber ich habe mich dann mit dem Gedanken angefreundet und die Angst ist verschwunden. Es gab auch einige richtig schlechte Trips, aber irgendwie ist das immer vorübergegangen, weshalb ich es dann noch mal gemacht habe.
Ist denn kein Erwachsener auf deinen Drogenkonsum aufmerksam geworden?
Ich bin in der Schule ein paar Mal auffällig geworden, das hat sich ja auch rumgesprochen, weil ich in den Pausen immer weg war und gekifft oder was getrunken habe. Aber den Lehrern sind da zum Teil auch die Hände gebunden, wenn sie keine klaren Nachweise haben. Ich habe ja auch nicht nach Hilfe gesucht, weil ich niemandem vertraut habe.
Jetzt haben wir ausführlich über deine Drogenvergangenheit gesprochen, aber was hat das eigentlich mit ADHS zu tun?
Ich glaube, dass viele Menschen mit ADHS den Hang haben, Drogen auszuprobieren. Bei mir lag das hauptsächlich daran, dass ich mich schon immer anders gefühlt habe. Durch die Drogen hatte ich das Gefühl, in eine ganz neue Welt einzutauchen. Später habe ich auch viel Speed konsumiert. Rückblickend habe ich festgestellt, dass ich mich damit selbst behandelt habe. Von meinem 16. Lebensjahr bis zum Abi habe ich täglich Speed genommen. Zwischen den Unterrichtsstunden bin ich aufs Klo gegangen und hab eine Line gezogen. Das war normal für mich. Später, als meine Nase immer geblutet hat, habe ich das Speed in Zigarettenpapier eingedreht und als »Bombe« geschluckt. Das habe ich gemacht, weil ich mich dann besser konzentrieren konnte. Klar, es gab auch mal einen Tag Pause. Aber dann war ich so aufgedreht, dass meine Mitschüler mich gefragt haben, ob ich was genommen hätte. Da sieht man mal, wie sehr sie daran gewöhnt waren, dass die Amphetamine mich ruhig gemacht haben.
Dabei ist Speed ja eigentlich eine aufputschende Droge. War die ADHS der Grund für diese gegenteilige Wirkung?
Genau, wenn man ADHS hat, ist es in der Regel so, dass solche Substanzen eher beruhigend wirken und man sich besser konzentrieren kann. Bei ADHS funktionieren Neurotransmitter, wie Dopamin und Noradrenalin, anders als bei gesunden Menschen. Amphetamine beeinflussen genau diese Rezeptoren, wodurch sich das Verhalten von Betroffenen eher normalisiert, während sie Leute ohne ADHS eher aufputschen.
Aber dieser ausgeprägte Konsum muss ja irre teuer auch gewesen sein, wie hast du das als Teenagerin überhaupt finanziert?
Ich habe mein ganzes Taschengeld dafür ausgegeben und auch Sachen aus den Taschen von anderen genommen. Das finde ich mittlerweile richtig schlimm, aber damals war ich darauf angewiesen.
Inwiefern hat sich deine dadurch verbesserte Konzentrationsfähigkeit auf deine Noten ausgewirkt?
Es lässt sich tatsächlich genau ablesen, in welchen Schulhalbjahren ich Amphetamine genommen habe und in welchem ich gekifft habe. In den Amphetamin-Halbjahren waren meine Noten deutlich besser.
Schließlich hast du Abi gemacht und angefangen, zu studieren. Wie ging es dann weiter?
Ich habe mein Abi gerade so geschafft. Das war kein gutes Abi. Und dann habe ich erst mal fünf Jahre ohne ADHS-Diagnose studiert. Irgendwann kam es zum Drittversuch einer wichtigen Prüfung, an der dann alles hing. Wenn ich durchgefallen wäre, hätte ich neu anfangen müssen. Dazu muss ich sagen, dass ich nach dem Abi aufgehört habe, Drogen zu nehmen. Ich habe mich komplett davon distanziert, von dem ganzen Freundeskreis, weil ich nichts mehr damit zu tun haben wollte. Aber dann gab es eben diesen Drittversuch und ich dachte: »Okay, irgendwas muss ich jetzt machen.« Also habe ich den alten Freundeskreis wieder reaktiviert, weil ich zuvor gehört hatte, dass Ritalin helfen soll. Doch das konnte mir niemand verschaffen. Einer dieser Freunde meinte dann, er hätte etwas Besseres und hat mir Modafinil gegeben. Das ist ein Medikament für Menschen mit Narkolepsie, also für Leute, die die ganze Zeit einschlafen. Das habe ich ihm dann abgekauft und plötzlich war ich total fokussiert. Ich konnte mich wieder konzentrieren und habe direkt Nachschub geholt, weil sich damit so gut lernen ließ. Die Prüfung habe ich dann auch bestanden, aber ich hatte noch ein paar Hausarbeiten offen, deshalb habe ich weitergemacht. Aber irgendwann wurde es diesem Freund zu viel und er hat mir gezeigt, wie ich das Medikament selbst im Darknet bestellen kann. Das Modafinil kam dann immer per Post in einem Umschlag, der Absender war ein »Fotostudio« in Frankreich. Das habe ich ungefähr ein halbes Jahr gemacht, aber ich hatte ständig Angst, dass ich auffliege und meine WG-Mitbewohner das bemerken.
ADHS Diagnose & Behandlung – endlich verstehen, was im Kopf passiert
ADHS Test bei Erwachsenen:
- Standardisierte Tests & Interviews (z. B. DIVA 2.0)
- Fremdanamnese (Eltern, Partner, Freunde)
- Schulzeugnisse & Lebenslaufanalyse
- Ausschluss anderer Ursachen (z. B. Depression, Trauma)
Wie kam es dann schließlich zur Diagnose?
Etwa zur selben Zeit kam eine Freundin von mir auf die Idee, dass ich ADHS haben könnte. Ich habe zum Beispiel immer sehr lange gebraucht, wenn ich los musste, weil meine Sachen in der kompletten Wohnung verteilt waren und ich erst mal alles suchen musste. Meine Freundin wusste, dass das typisch für ADHS ist, aber ich dachte nur: »Hä? Warum ADHS? Das haben doch nur kleine Jungs, die wie Flummis über Tische hüpfen.« Das passte nicht zu mir, aber ich bin trotzdem zum Arzt gegangen und habe ihm auch davon erzählt, welche Auswirkungen das Modafinil auf mich hatte. Er sagte, dass es sehr auffällig sei, dass mich das eher ruhig gemacht hat, weil es eigentlich ein aufputschendes Mittel sei. Daraufhin haben wir einen ADHS-Test gemacht, aber das hat sich alles über ein paar Monate gezogen. Ich war bei drei verschiedenen Ärzten, weil die Wartezeiten echt anstrengend in Deutschland sind. Jedenfalls kam bei dem Test heraus, dass ich eine starke Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung habe. Seitdem bekomme ich Medikamente verschrieben, die alles verändert haben. Meine Noten waren ja zum Beispiel immer mittelmäßig, aber dann habe ich meinen Masterabschluss mit 1,0 gemacht. Meine ganze Interaktion mit anderen Leuten hat sich verändert, weil ich plötzlich zuhören konnte. Weil ich plötzlich verstanden habe, worum es ging. Früher waren meine Gedanken immer schon zehn Schritte weiter und ich habe nur noch so getan, als würde ich zuhören. Heute kann ich Gesprächen folgen. Da ist auf verschiedenen Ebenen ganz viel passiert und ich habe endlich verstanden, was mit mir los ist. Das war eine wahnsinnige Erleichterung.
Ich glaube, dass viele Menschen mit ADHS den Hang haben, Drogen auszuprobieren.
Inwiefern unterscheidet sich die Wirkung der ADHS-Medikamente von deiner drogenbasierten Selbstmedikation?
Das ist ein riesiger Unterschied. Der Speedkonsum hat ja auch zahlreiche Nebenwirkungen mit sich gebracht. Ich habe aufgrund der dauerhaften Appetitlosigkeit damals ungefähr zehn Kilo weniger gewogen als heute. Ich hatte auch Haarausfall und schlechte Haut. Logisch, das war ja nicht gesund. Ich bin daher sehr froh, dass die verschriebenen Medikamente wirklich auf mich abgestimmt sind und dass ich immer Rücksprache mit meinem Arzt halten kann. Ich weiß nun, was ich bekomme und wie lange die Wirkung anhalten wird. Ich springe nicht einfach ins Blaue.
Behandlungsmöglichkeiten bei ADHS:
- Medikamente: Stimulanzien (Methylphenidat, Amphetamine), Nicht-Stimulanzien (Atomoxetin)
- Verhaltenstherapie: Umgang mit Impulsivität & Selbststrukturierung
- ADHS-Coaching: Strategien für Alltag & Beruf
- Achtsamkeit & Bewegung: zur Stressreduktion und Reizregulation
Hyperfokus, Paralyse & Prokrastination – wenn das ADHS-Gehirn bremst und beschleunigt zugleich
Du hast es gerade schon angedeutet, das ADHS-Klischee ist der kleine Flummi-Junge, der über Tisch und Bänke springt. In den Sozialen Medien melden sich aber auch immer mehr Frauen zu Wort, die eine späte ADHS-Diagnose erhalten haben und ganz andere Symptome zeigen. Der Hyperfokus dürfte beispielsweise vielen bekannt vorkommen. Was hat es damit auf sich?
Der Hyperfokus tritt auch geschlechtsunabhängig auf, aber dafür müssen verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein. Man muss sich beispielsweise so stark für eine Sache interessieren, dass die gesamte Aufmerksamkeit dorthin fließt. Ist das der Fall, lässt sich der Hyperfokus nicht verhindern – die Aufmerksamkeit fließt dahin, wie Wasser bergab fließt. In dem Moment kann man sich auf nichts anderes mehr konzentrieren, weil alles andere ausgeblendet wird. Ist der Fokus erst mal da, kann man sich länger und besser auf ein Thema konzentrieren als die meisten Menschen ohne ADHS. Das Problem ist, dass sich das nicht steuern lässt. Und je nachdem, welcher Reiz der Auslöser ist, kann das positiv oder negativ ausfallen. Denn es ist leider so, dass auch negative Reize im Fokus stehen können – das ist der sogenannte »negative Hyperfokus«. Und das kann fatale Folgen haben, denn wenn man sich zum Beispiel auf einen Fehler konzentriert, den man gemacht hat, kann der negative Hyperfokus so groß werden, dass man seinen gesamten Wert in Frage stellt. Das kann dann sehr belastend sein und großen Schaden anrichten, insbesondere wenn dann auch noch impulsives Handeln hinzukommt.
Dieser krasse Arbeitstunnel, in den manche Menschen geraten, führt doch bestimmt auch zu einem erhöhten Burnout-Risiko, oder?
Ja, das kann in beide Richtungen gehen. Beim positiven Hyperfokus, es ist so, dass man sich stundenlang auf eine Sache konzentrieren kann, die einen begeistert. Das ist ja erst mal gut, aber es kann auch dazu führen, dass man das Zeitgefühl verliert und das Essen und Trinken vergisst. Manche sind so sehr im Fokus, dass sie Termine verpassen und nicht mehr ansprechbar sind. Auf der anderen Seite kann dieser Enthusiasmus auch eine Burnout-Prävention sein. ADHSler sind nämlich besonders burnoutgefährdet, wenn der Hyperfokus nicht da ist und sie trotzdem funktionieren müssen. Da schleichen sich dann oft Fehler ein und man muss häufig Überstunden machen, weil man nicht effizient arbeitet. Eine Freundin von mir hat in einem Labor gearbeitet und irgendwann 140 Überstunden angesammelt, weil sie den Job so langweilig fand. Sie ist komplett ins Burnout gerast, wodurch ihre ADHS dann aber auch zum Glück erkannt wurde.
Das Prokrastinieren, also das Aufschieben von Dingen, die keinen Spaß machen, ist ja auch so ein typisches Symptom, obwohl es sich dabei ja eigentlich um das Gegenteil vom Hyperfokus handelt. Wie passt das zusammen?
Wir können uns ja nicht aussuchen, was uns interessiert und worauf der Hyperfokus fällt. Aufgaben, die uns nicht so viel Spaß machen, werden dann gerne aufgeschoben. Da spielt auch die ADHS-Paralyse mit rein. Viele Betroffene fühlen sich wie paralysiert, bevor sie mit einer Sache anfangen, weil Übergänge sehr schwierig sein können. Man müsste dann eigentlich diese eine Sache erledigen und weiß auch, dass es einem danach besser gehen würde. Aber man schafft es einfach nicht anzufangen. Beim Prokrastinieren kann es vorkommen, dass man sich das Dopamin dann aus anderen Quellen holt – weil die Hürde niedriger ist, mit etwas anzufangen, was Spaß macht.
Womit wir bei dem berühmten ungeöffneten Brief vom Finanzamt wären….
Genau! Es gibt auch dieses Gegensatzpaar zwischen Prokrastinieren und Perfektionismus. Bei ADHS ist es häufig so, dass man entweder die ganze Zeit prokrastiziert oder die Dinge komplett perfektionistisch angeht. Beides hat dieselbe Ursache – weil es Menschen mit ADHS schwerfällt, zu unterscheiden, was wichtig ist und was nicht.
ADHS bei Frauen – Aufklärung, Akzeptanz und neues Selbstverständnis
Bei TikTok und Instagram ist ja inzwischen auch immer öfter von einer »ADHS-Superpower« die Rede. Wie stehst du zu diesem Begriff?
Gespalten, weil das dazu führen kann, dass ADHS verherrlicht wird. Es ist aber wichtig, genau hinzuschauen, welche Schwierigkeiten es gibt. Es reicht nicht, Medikamente draufzuschmeißen und zu hoffen, dass alles weg ist. Es ist wichtig, Strategien zu entwickeln, um besser damit umgehen zu können. Zuspätkommen ist ja auch so ein Thema – vielleicht ist es auf Dauer dann einfach besser, sich einen Job mit Gleitzeit zu suchen, in dem Pünktlichkeit nicht so wichtig ist. Was die Superpower betrifft: Natürlich bietet ADHS auch viele Ressourcen. Man ist zum Beispiel kreativer und spontaner. Ich funktioniere auch gut in Situationen, die für andere die Hölle sind. Wenn es unübersichtlich wird, weil ich dank ADHS daran gewöhnt bin, mich in einem unbekannten Umfeld zu bewegen. Dementsprechend gibt es zum Beispiel auch viele Rettungssanitäter mit ADHS, weil sie sich in stressreichen Situationen gut konzentrieren können. Also ja, es gibt diese Ressourcen, aber ich finde es schwierig, ADHS als Superpower zu bezeichnen – auch wenn ich es grundsätzlich gut finde, nicht nur das Negative zu sehen.
Du klärst in den Sozialen Medien über ADHS bei Frauen auf und hast dir inzwischen einen großen Kanal aufgebaut. Was waren dein Beweggründe?
Ich habe damit zu einem Zeitpunkt angefangen, als es noch nicht viele Informationen zu dem Thema für Frauen gab. Als Betroffene habe ich das natürlich auch für mich gemacht. Als ich zum Beispiel erfahren habe, dass die Medikamente in bestimmten Zyklusphasen nicht so gut wirken, wollte ich das kommunizieren, weil mir das in meinem Diagnoseprozess auch nicht gesagt wurde. Dabei habe ich erfahren, dass nur sehr wenige Studien an Frauen durchgeführt werden. Der Grund dafür sind die hormonellen Schwankungen durch den weiblichen Zyklus, die wissenschaftliche Beobachtungen erschweren. Außerdem war es mir wichtig, mit dem Vorurteil aufzuräumen, dass nur kleine Jungs ADHS haben. Ich wollte eine Gegenkraft zu den ganzen Content-Creatorn und Podcast-Bros schaffen, die ADHS als Superpower verkaufen. Ich wollte, dass die Leute sich anhand meiner Quellen selbst ins Thema einlesen können.
Und das wird ja sehr gut angenommen. Wie sieht das Feedback aus, das du bekommst?
Viele Frauen, die sich in meinen Inhalten wiedererkennen, sind erleichtert. Andererseits gibt es auch immer wieder Kritik, weil ich mich auf das Krankheitsbild von Frauen konzentriere. Dann heißt es: »Dieses Symptom ist nicht nur für Frauen da, das haben Männer auch.« Das streite ich ja nicht ab, aber mir ist es eben wichtig, das Thema ADHS spezifisch für Frauen aufzubereiten. Ansonsten geht es natürlich auch oft um fehlende Therapieplätze und die Hürden auf dem Weg zur Diagnose.
Seit immer mehr Frauen im Netz über ihren Alltag mit ADHS sprechen, taucht in dem Zusammenhang auch regelmäßig der Begriff »Modekrankheit« auf. Was möchtest du dazu sagen?
Ja, das ist unglaublich. Man muss sich im Laufe seines Lebens ja sowieso einiges anhören, wenn man ADHS hat, weil es Leute gibt, die einfach nicht daran glauben. Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, weil es genügend Belege dafür gibt, dass ADHS real ist. Natürlich ist es wichtig, genau hinzuschauen, weil es auch Symptome gibt, die denen von ADHS sehr ähnlich sind, aber andere Ursachen haben. Wenn jemand sehr viel Zeit vor dem Bildschirm verbringt, kann das zum Beispiel aussehen wie ADHS. Und auch hinsichtlich Depression und Antriebslosigkeit gibt es Überschneidungen. Aber diese sind in der Regel zeitlich begrenzt, während ADHS das ganze Leben über präsent bleibt. Dementsprechend liegt es an den diagnostizierenden Ärzten, eine treffende Differentialdiagnose zu stellen. Dadurch, dass das Thema in den Sozialen Medien aktuell mehr Aufmerksamkeit bekommt, denken manche Leute vielleicht, dass es eine Modediagnose sei. Aber eigentlich ist es ja gut, dass immer mehr Menschen eine Diagnose bekommen. Gerade Frauen, die früher einfach durchs Raster gefallen sind.
Inwiefern hätte dein Leben anders verlaufen können, wenn du früher diagnostiziert worden wärst?
Mein Leben wäre komplett anders verlaufen. Die größten Auswirkungen sehe ich beim Thema Selbstwert. Ich habe immer bemerkt, dass ich manche Sachen nicht so gut wie andere schaffe. Weil ich mich nicht so gut konzentrieren kann und im menschlichen Umgang irgendwie anders bin. Wäre das früher entdeckt worden, hätte ich mich ganz anders selbst erfahren und vermutlich gäbe es viele der Selbstzweifel nicht, an denen ich heute arbeiten muss. Wahrscheinlich wäre auch meine Schullaufbahn einfacher gewesen und den ganzen Drogenteil hätte ich mir ebenfalls sparen können.
Fühlst du dich rückblickend manchmal betrogen?
Am Anfang war ich schon traurig darüber. Ich glaube, das gehört dazu, wenn man eine ADHS-Diagnose bekommt. Man trauert um die Zeit, die über die Jahre verloren gegangen ist. Das habe ich auch von anderen Betroffenen gehört, aber da muss man durch. Auf der anderen Seite ist es wichtig, an diesem Punkt nicht zu verharren, sondern sich darauf zu konzentrieren, etwas zu machen, was einen wirklich begeistert.
Angenommen, jemand hat sich dieses Interview angeschaut und gedacht: »Oh Gott, ich kann mit allem relaten!« Was möchtest du dieser Person sagen?
Ich würde ihr dazu raten, bei der 116117 anzurufen. Das ist die Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes, da bekommt man innerhalb von einem Monat einen Termin für ein Erstgespräch zur ADHS-Diagnostik. Wenn man den Verdacht hat, sollte man das unbedingt abklären lassen, weil ADHS von allen psychischen Störungen am besten behandelbar ist. Auf die Diagnostik kann man sich auch sehr gut vorbereiten, indem man zum Beispiel alte Zeugnisse heraussucht und Belege sammelt – das kann es dem Arzt einfacher machen. Auch Aussagen von Freunden, Mitbewohnern und Eltern sind hilfreich.
Liebe Belinda, vielen Dank für deine Aufklärungsarbeit und dafür, dass du mir heute so persönliche Einblicke in deine Geschichte gegeben hast, um mehr Awareness zu schaffen.
Vielen Dank, dass ich hier sein durfte.