FURCHTLOS. INKLUSIV. ECHT.

Lena

Analkrebs

Analkrebs: Fatale Folgen einer unbemerkten HPV-Infektion

Das Thema war total schambehaftet. Alles, was meinen Hintern betraf, war ein Tabu.

Bei humanen Papillom-Viren (kurz HPV) handelt es sich um eine weit verbreitete Virusart, die in über 230 verschiedene Typen unterteilt wird. Die Infektion erfolgt meist durch direkten Haut- oder Schleimhautkontakt, weshalb sich viele Menschen beim Vaginal-, Anal- oder Oralsex anstecken. Und das passiert häufiger als gedacht: Schätzungen zufolge infizieren sich im Laufe ihres Lebens 85 bis 90 Prozent der sexuell aktiven Menschen mit HP-Viren. Viele Infektionen bleiben unbemerkt, andere lösen harmlose Feigwarzen aus – aber auch Gebärmutter-, Penis- sowie Mund-Rachen-Krebs zählen zu den Folgen. Lena hat im Interview mit Diana über ihre HPV-bedingte Analkrebs-Erkrankung gesprochen.

Triggerwarnung:

Beschreibungen körperlicher Folgen der Krebsbehandlung, u. a. Strahlenschäden und Verbrennungen im Intimbereich.

Eine lächelnde Person mit Hochsteckfrisur und großen Ohrringen, vor einem hellblauen Hintergrund.

Interview: Diana Ringelsiep

HPV? Davon hatte ich vor der
Diagnose noch nie gehört

Lena, du hast vor vier Jahren die Diagnose Analkrebs erhalten. War dir zu dem Zeitpunkt bewusst, dass du dich vorher mit HP-Viren infiziert hattest?

Nein, ich kannte HPV gar nicht. Ich war darüber nie aufgeklärt worden und ich wusste auch nicht, dass man diesen Virus in sich tragen kann, ohne es zu merken.

Lena

Du sagst heute, die Infektion hätte verhindert werden können. Inwiefern?

Ich hätte geimpft werden können, beziehungsweise hätte man mir das nötige Wissen mitgeben können, um diese Entscheidung selbst zu treffen. Allerdings kann ich niemandem einen Vorwurf machen. Hätten meine Eltern mehr über HPV gewusst, hätten sie mich sicher impfen lassen oder mich zumindest aufgeklärt. Die Impfung kam jedoch erst auf den Markt, als ich in einem Alter war, in dem ich nicht mehr zur Zielgruppe gehörte.

Bei mir war das genauso. Bei der gynäkologischen Vorsorgeuntersuchung wurde damals nicht über die Impfung gesprochen. Ich weiß noch, dass in der Praxis manchmal Flyer auslagen, in denen HPV immer mit Gebärmutterhalskrebs in Verbindung gebracht wurde und da ich familiär nicht vorbelastet bin, dachte ich lange Zeit, das spielt für mich keine Rolle.

An diese Werbung kann ich mich auch noch erinnern, aber ich wusste nicht, dass ein Virus diese Krebsarten auslösen kann.

HPV und Impfung: Was du wissen solltest

  • HPV steht für humane Papillomviren
  • Übertragung meist durch direkten Haut- und Schleimhautkontakt
  • Häufige Ansteckung beim Vaginal-, Anal- oder Oralsex
  • Viele Infektionen bleiben unbemerkt und heilen von selbst aus
  • Bestimmte HPV-Typen können Feigwarzen oder Krebs begünstigen
  • Die HPV-Impfung wird für Mädchen und Jungen empfohlen
  • Besonders wirksam ist sie vor den ersten sexuellen Erfahrungen

Wichtig: HPV betrifft nicht nur Mädchen. Auch Jungen und Männer können sich infizieren, HPV weitergeben und an HPV-bedingten Krebsarten erkranken.

Ich glaube, zum ersten Mal habe ich davon gehört, als Michael Douglas seine Krebserkrankung in einem Interview auf den Oralsex mit seiner Frau Catherine Zeta Jones zurückgeführt hat. Aber das war viele Jahre später. Zurück zu dir: Wann hast du gemerkt, dass etwas nicht stimmt?

Ich bin im Oktober 2021 das zweite Mal Mama geworden und bis dahin verlief alles normal – auch die Geburt. Doch kurz darauf merkte ich, dass irgendwas nicht stimmt. Ich war zum Beispiel beim Stillen immer sehr angespannt, weil ich nicht gut sitzen konnte. Ich hatte mit massiven Verkrampfungen im Nacken und Schulterbereich zu kämpfen und konnte das Baby nicht richtig halten, weil ich mich aufgrund eines massiven Druckschmerzes immer in eine Ausgleichshaltung bringen musste. Ich habe das schon anal verortet und in Richtung Darm geschoben, aber konnte mir da nicht wirklich einen Reim drauf machen. Irgendwann war die Not dann so groß, dass es an der Zeit war, einen Arzt aufzusuchen. Aber das Thema war total schambehaftet. Alles, was meinen Hintern betraf, war ein Tabu. Die Vorstellung, dass mich ein Proktologe rektal untersucht, war das Schlimmste für mich.

Wir sind ja auch so sozialisiert worden. Es hieß immer scherzhaft: Mädchen pupsen nicht und Mädchen gehen nicht aufs Klo. Ist ja klar, dass wir das verinnerlicht haben und eine große Scham damit einhergeht. Aber du hast dich überwunden, was ist dann bei der Untersuchung herausgekommen?

Es war zum Glück ein Team von Frauen, das hat es etwas angenehmer gemacht. Fest stand auf jeden Fall, dass da etwas ist, das hat man schon gesehen. Aber ich bin in die klassische Mama-Schublade gesteckt worden, denn das Baby war bei der Untersuchung dabei und erst ein paar Monate alt. Deshalb hieß es: »Sie haben gerade ein Kind auf die Welt gebracht, das ist total normal.« Man vermutete, dass es sich um eine thrombosierte Hämorrhoide handelte – schlimmstenfalls um einen Analabszess. Mir wurde geraten, meinem Körper Zeit für die Rückbildung zu geben. Außerdem wurde mir eine Salbe und ein abschwellendes Nasenspray verschrieben.

Ein Nasenspray?

Ja, die Schleimhaut am Ende des Darms ist der in der Nase sehr ähnlich. Und alles, was in der Nase abschwellend wirkt, hat im Darm denselben Effekt. Es ist allerdings nicht so leicht in den Hintern reinzubekommen, aber für mich war das erst mal okay. Ich war erleichtert, weil es offenbar nichts Schlimmes war und die Salbe und das Nasenspray mir helfen sollten, die Beschwerden loszuwerden. Ich dachte, das geht vorbei.

Analkrebs erkennen: Beschwerden ernst nehmen

  • Blut am Toilettenpapier, im Stuhl oder in der Unterwäsche
  • Schmerzen, Druckgefühl oder Brennen am After
  • Juckreiz im Analbereich
  • Nässen, Schleim oder ungewohnte Feuchtigkeit
  • Knoten, Verhärtungen oder Fremdkörpergefühl
  • Veränderungen beim Stuhlgang
  • Beschwerden, die wiederkehren oder nicht abklingen

Wichtig: Nicht jede Veränderung bedeutet Krebs. Häufig stecken harmlose Ursachen dahinter. Trotzdem sollten Beschwerden im Analbereich ärztlich abgeklärt werden, besonders, wenn sie neu auftreten oder länger anhalten.

Wie ging es dann weiter?

Es kam keine Linderung. Im Gegenteil, ich musste sogar Schmerzmittel nehmen, weil ich sonst nicht einschlafen konnte. Bei der klassischen Rückbildungsgymnastik kam schließlich das Thema Beckenboden auf, da habe ich meine Beschwerden beim Sitzen, Laufen und Stehen angesprochen. Die Trainerin riet mir daraufhin, bei meinem Gynäkologen vorstellig zu werden, weil sie befürchtete, dass mein Beckenboden gerissen sein könnte, oder dass es eine Organ- beziehungsweise Blasensenkung gegeben hatte. Somit bin ich dann in die zweite Runde der Diagnostik gestartet.

Aber bevor wir da tiefer reingehen: Wie sah dein Alltag zu dem Zeitpunkt aus?

Ich war ja, wie gesagt, gerade zum zweiten Mal Mama geworden. Meine große Tochter ist zwei Jahre älter und war zu dem Zeitpunkt zwei. Das heißt, wir waren gerade dabei, uns als Familie wieder einzugrooven, denn von drei auf vier ist tatsächlich noch mal ein Unterschied. Aber für mich stand auch fest, dass ich möglichst schnell zurück in den Job gehe, weil ich unglaublich gerne arbeite und meine Kinder auch beide einen Charakter haben, mit dem sich das gut vereinbaren lässt.

Der Moment, in dem aus Beschwerden ein Tumorverdacht wurde

Doch dazu ist es leider nicht gekommen, da es schließlich eine Untersuchung gab, die alles veränderte. Welche Erinnerungen hast du an den Tag?

Ich bin zu meinem Gynäkologen gegangen und habe ihm von meiner Vorgeschichte erzählt, woraufhin er mich vaginal untersucht hat. Er sagte, aus gynäkologischer Sicht sei alles in Ordnung, doch mit meinem Einverständnis würde er mich zur Sicherheit auch einmal rektal untersuchen wollen, was er dann auch gemacht hat. Bei dem rektalen Ultraschall hatte ich massive Schmerzen und ich habe erstmals bewusst gespürt, dass da irgendwas ist, was nicht dort hingehört. Nach der Untersuchung ist er dann zu mir gekommen und hat mir eine Überweisung gegeben. Ich weiß noch, dass er sagte: »Erschrick bitte nicht, auf der Überweisung steht, dass da ein Tumor ist.« Ich muss dazu sagen, dass ich aus einer Ärztefamilie komme und mir durchaus bewusst ist, dass ein Tumor nicht unbedingt etwas Schlimmes sein muss. So eine Raumforderung kann ja auch gutartig sein. Trotzdem hat es mir in dem Moment den Boden unter den Füßen weggerissen.

Das klingt nach einem wegweisenden Tag. Was ist bei den Folgeuntersuchungen herausgekommen?

An dem Tag ist alles drunter und drüber gegangen. Meine große Tochter war krank und ich hatte das Baby, das heißt, ich musste mit beiden Kindern im Schlepptau ins Krankenhaus und somit war auch dort schon beim Reinkommen klar: Da kommt eine frischgebackene Mama! Der Verdacht der Kolleg*innen wurde also bestätigt: »Ja, das ist irgendwas, aber Ihr Körper befindet sich nach der Schwangerschaft noch in der Rückbildung, weshalb etwas Schlimmeres zu 90 Prozent ausgeschlossen werden kann.« Allerdings sollte ich aufgrund der starken Schmerzen trotzdem operiert werden. Ich rief meine Mutter an, damit sie ein paar Sachen packen und mir die Kinder abnehmen konnte. Zwei Stunden später führte ich bereits das Aufklärungsgespräch mit den Anästhesisten, kurz darauf wurde ich operiert.

Mit welchem Gefühl bist du nach der OP wieder zu dir gekommen? Hat man dir direkt gesagt, was los ist?

Nein, zu dem Zeitpunkt hat man mir noch gar nichts gesagt. Vor dem Eingriff wurde mir erklärt, dass die Ärzte zwar über den Schließmuskel reingehen können, aber dass zudem ein Schnitt von außen gemacht werden muss, um die Raumforderung zu erreichen. Somit war ich auf die Schmerzen bereits eingestellt. Ich hatte Drainagen im Hintern und war etwas benommen von der Narkose. Aber ansonsten war ich froh, dass ich es geschafft hatte. Ich weiß noch, dass ich dachte: »Oh Gott, wenn du jetzt aufs Klo muss, dann wird es ganz schön creepy.« Aber ansonsten ging es mir gut.

Die Diagnose: HPV-bedingtes Plattenepithelkarzinom

Aber das heißt, du hingst dann erst mal in der Luft. Wann kam es zu dem Gespräch, in dem du erfahren hast, dass es Krebs ist?

Bei der ersten Visite sagte der Professor bereits, dass das entnommene Gewebe nicht seinen Erwartungen entsprochen hätte. Und mit der Aussage bin ich dann erst mal in den Tag gestartet, aber da habe ich mir noch nichts bei gedacht. Doch später kam es dann zu einem dieser klassischen Momente, wie man es aus Filmen kennt: Der Professor kam herein, nahm den Stuhl und setzte sich in die Mitte des Raumes. In dem Moment wusste ich, dass die folgenden Worte mein Leben verändern werden. Und so war es dann auch. Er sagte, dass es sich bei dem entnommenen Gewebe, um ein HP-Viren bedingtes Plattenepithelkarzinom handelt. Von da an stand Krebs im Raum.

Plattenepithelkarzinom: Was bedeutet die Diagnose?

  • Häufige Form von Analkrebs
  • Entsteht aus sogenannten Plattenepithelzellen
  • Diese Zellen kommen an Haut und Schleimhäuten vor
  • Im Analbereich kann HPV eine Rolle spielen
  • Vor allem Hochrisiko-HPV-Typen können Zellveränderungen begünstigen
  • Eine HPV-Infektion bedeutet nicht automatisch Krebs
  • Eine Gewebeprobe bringt Klarheit über die Diagnose

Wichtig: Medizinische Begriffe können einschüchternd klingen. Lass dir die Diagnose, den Befund und die nächsten Behandlungsschritte verständlich erklären.

Da muss dir ja wahnsinnig viel durch den Kopf gegangen sein – oder vielleicht auch gar nichts. Welche Erinnerungen hast du an diesen Moment?

Meine Mama war bei diesem Gespräch dabei und ich weiß noch, dass sie kurz scharf eingeatmet hat. Außerdem erinnere ich mich noch an den Abend, bevor ich ins Krankenhaus gegangen bin. Wir waren im Schlafzimmer und ich hatte das Baby gerade gestillt und gewickelt – mein Partner und die große Tochter schliefen schon. Jedenfalls gab es da diesen einen Moment, in dem ich mich von meiner schlafenden Familie verabschiedet habe, weil ich tief in mir drin bereits wusste, dass einiges auf uns zukommen wird. Irgendwie hat mich mein Unterbewusstsein bereits darauf vorbereitet, wahrscheinlich hat mich die Diagnose am Ende auch deshalb nicht vom Hocker gehauen. Ich muss aber auch dazu sagen, dass ich mit der Diagnose nie alleine war. Ich hatte beispielsweise von Anfang an eine Psychoonkologin an meiner Seite, die mich bis heute begleitet. Therapeutisch und auch privat hatte ich immer ein Netz um mich herum, was mich aufgefangen hat.

Krebsdiagnose mit Baby: Wenn die Familie plötzlich alles auffangen muss

Das ist ja auch eine logistische Herausforderung, die so ein langer Behandlungsweg mit sich bringt. Wie habt ihr das als junge Eltern gelöst?

Meine Eltern sind sofort eingesprungen. Wie gesagt, meine Mama war bei der Diagnose dabei und sie hat im Hintergrund direkt alle Hebel in Bewegung gesetzt. Wir durften dann mit Sack und Pack bei meinen Eltern einziehen. Sie sind zusammengerückt und haben uns den Rücken freigehalten. Meine Mutter hat ab dem Zeitpunkt der Diagnose auch das Baby übernommen. So ist sie als Oma quasi noch mal Mama von einem Säugling geworden, was aus der positiven Perspektive betrachtet, unglaublich schön für die beiden ist – bis heute. Die Große wurde von ihrem Papa, meinen Eltern und meinen Geschwistern betreut. Es waren wirklich alle da, ich konnte mich auf die Logistik meiner Familie verlassen und die Krankheit in Ruhe durchstehen.

Kommen wir noch mal zurück zum Tag der Diagnose. Du durftest dann erst mal nach Hause. Was hast du an dem Abend und den folgenden Tagen gemacht?

Ich habe direkt entschieden abzustillen und das Wochenende bei mir zu Hause mit engen Freunden und meinen Geschwistern verbracht. Die große Tochter ist dann mit ihrem Papa zu meinen Schwiegereltern nach Berlin gefahren und ich habe die verbleibende Zeit für mich genutzt, bevor ich sonntags endgültig zu meinen Eltern gezogen bin.

Am nächsten Tag bin ich notoperiert worden und habe einen künstlichen Darmausgang bekommen. Seitdem lebe ich mit Beutel.«

Notoperation und künstlicher Darmausgang

Dort ging es dir bereits in der ersten Nacht rapide schlechter. Was war da los?

Mein Papa hatte seine Betthälfte geräumt und ich durfte mit meiner Mama und dem Baby im Ehebett schlafen. Während unserer Abendroutine, als wir uns fertig machten, merkte ich beim Toilettengang plötzlich, dass der Stuhl unkontrolliert aus mir rauslief. Ich weiß noch, dass ich zu meiner Mama sagte: »Irgendwas stimmt nicht, ich kann den Stuhl nicht mehr halten, es läuft einfach aus mir raus.« Sie versuchte irgendwelche Erklärungen dafür zu finden, doch mir war das nicht geheuer. Das war der Zeitpunkt, an dem ich jegliche Scham verlor, denn ich habe mich daraufhin im Vierfüßlerstand vor meinen Papa hingehockt und ihn gebeten, das einmal zu kontrollieren.

Ist dein Vater Arzt?

Tierarzt, um genau zu sein, aber am Ende ist ein Arzt ein Arzt. Er hat sich das angeschaut und gesagt: »Lena, es tut mir total leid, aber du kannst deinen Koffer gepackt lassen, weil du morgen zurück ins Krankenhaus musst.« Es hatte sich eine Fistel gebildet und somit war meine letzte Nacht vor dem Krankenhaus ziemlich beschissen, um es auf den Punkt zu bringen.

Wie ging es dann weiter?

Da die Ärzte anfangs nicht von Krebs ausgegangen waren, war der Tumor nicht im Gesunden herausgeschnitten worden. Das bedeutet, die Wundränder waren zu dem Zeitpunkt noch von Krebszellen besetzt und die haben verhindert, dass das Gewebe heilen konnte – sprich, die Naht hatte nicht gehalten. Ich bin dann am nächsten Tag notoperiert worden und habe einen künstlichen Darmausgang bekommen. Seitdem lebe ich mit Beutel.

Das ist alles über Nacht passiert und du hattest überhaupt keine Zeit, dich vorab mit den lebenslangen Konsequenzen auseinanderzusetzen. Wie ging es dir damit?

Gott sei Dank hatte ich keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen. Ich glaube, das hätte alles nur schwerer gemacht. Jegliche Akzeptanz wäre erschwert worden, aber ich hatte ja gar keine Wahl. Ich bin von einer Besprechung in die nächste gegangen und dann hatte ich auch schon die Markierungen drauf und es ging in den OP. Bevor es losging, habe ich das noch kurz in unsere Familien-WhatsApp-Gruppe geschrieben: »So sieht‘s aus.« Natürlich war das Thema sehr schambehaftet für mich. Ich habe einfach alles über mich ergehen lassen und bin dann aus der Narkose mit Beutel aufgewacht. Aber auch da gab es ganz tolle Menschen, die mich begleitet haben.

Stoma: Leben mit künstlichem Darmausgang

  • Ein Stoma ist ein künstlich angelegter Ausgang
  • Stuhl wird über die Bauchdecke in einen Beutel abgeleitet
  • Ein Stoma kann vorübergehend oder dauerhaft sein
  • Es kann nach Operationen oder Komplikationen notwendig werden
  • Die Umstellung ist körperlich und emotional belastend
  • Stomatherapeut*innen helfen bei Versorgung, Hautpflege und Alltag
  • Auch Austausch mit anderen Betroffenen kann entlasten

Ziel: Sicherheit im Umgang mit dem Stoma gewinnen, Beschwerden vermeiden und den Alltag Schritt für Schritt wieder selbstbestimmt gestalten.

Was waren das für Menschen und wie haben sie dir geholfen, den künstlichen Darmausgang zu akzeptieren?

Zum einen war das die bereits erwähnte Psychoonkologin, die immer für mich da war, zum anderen hatte ich eine ganz tolle Stoma-Pflegerin. Letztere hat mich mit so viel Hingabe zu diesem Beutel begleitet, dass mir das bezüglich der Akzeptanz unglaublich geholfen hat. Am Ende bin ich auch einfach jemand, die aus einer Situation lieber das Positive rausholt. Ein Magen-Darm-Infekt ist mit Beutel zum Beispiel sehr viel erträglicher. Ich bleibe einfach auf der Couch liegen, warte bis er voll ist und muss nicht zur Toilette rennen. Ich glaube, dank dieser Einstellung konnte ich das gut in mein Leben integrieren.

Aber nun gab es ja immer noch die zurückgebliebenen Krebszellen an den Wundrändern. Wie sah dein weiterer Behandlungsplan aus?

Geplant war eine Radiochemotherapie. Da diese Tumorart tendenziell gut auf Bestrahlung anspricht, lag der Fokus dabei auf der Bestrahlung – unterstützt durch eine Chemotherapie. Allerdings wollte man nicht direkt die Fistel bestrahlen, also auf den künstlich entstandenen Wundausgang, weil Verbrennungen auf einer Wunde natürlich mit starken Schmerzen verbunden sind. Deshalb haben die Ärzte beschlossen, eine VAC-Pumpe einzusetzen. Diese Vakuumpumpen werden beispielsweise auch bei Knie-OPs eingesetzt, um Flüssigkeit von der Wunde fernzuhalten und den Heilungsprozess zu beschleunigen. Das war auch bei mir der Plan, also haben sie mir einen Schwamm in den Hintern gesteckt und ein Vakuum gezogen, damit die Flüssigkeit von den Schleimhäuten nicht auf die Wunde gelangt. Das hat aber nicht funktioniert und tat sehr weh. Irgendwann konnte ich nicht mehr und habe gesagt: »Zieht das Ding raus, ich will das nicht mehr!« Von da an wurde der Schwamm immer unter Narkose gewechselt – fast jeden zweiten Tag über vier Wochen. Doch am Ende hat es nicht geklappt.

Behandlung bei Analkrebs und deren Langzeitfolgen

Was war die Konsequenz daraus?

Die Konsequenz war eine direkte Bestrahlung der Wunde. Die Krebszellen sind ja noch nicht draußen gewesen und auch die Blut- und Lymphbahnen waren bereits betroffen. Deshalb mussten die Ärzte schnell handeln und die Krebstherapie im Bestrahlungsinstitut in die Wege leiten.

Behandlung bei Analkrebs

  • Therapie hängt von Lage, Größe und Stadium des Tumors ab
  • Häufig wird eine Radiochemotherapie eingesetzt
  • Dabei werden Bestrahlung und Chemotherapie kombiniert
  • Ziel ist es, den Tumor zu zerstören
  • Der Schließmuskel soll möglichst erhalten bleiben
  • In manchen Fällen kann eine Operation notwendig sein
  • Nebenwirkungen und Spätfolgen sollten früh besprochen werden

Wichtig: Die Behandlung wird individuell geplant. Frage nach, welche Therapie empfohlen wird, welche Nebenwirkungen möglich sind und welche Unterstützung dir zusteht.

Wie lange dauerte die Strahlentherapie und wie ging es dir psychisch zu der Zeit?

Ich habe insgesamt 33 Bestrahlungen bekommen. Jeden Tag, außer an den Wochenenden und Feiertagen. Somit zog sich das über mehr als sechs Wochen. Anfangs ging es mir gut. Die Chemotherapie habe ich über einen Port bekommen, das heißt, ich musste nicht stundenlang in diesem klassischen Stuhl sitzen, sondern konnte die Pumpe mit nach Hause nehmen. Das ließ sich noch relativ gut in den Alltag integrieren. Natürlich war ich müde von der Bestrahlung und ein bisschen geschwächt, aber es war auszuhalten. Doch ab der zehnten Bestrahlung wurde es sehr unangenehm, weil dabei einfach alles verbrennt. Man muss sich das vorstellen wie einen starken Sonnenbrand im Intimbereich, den man jeden Tag aufs Neue in die pralle Sonne hält. Das gesamte kleine Becken wurde bestrahlt und mir wurde alles weggebrannt – von der Vagina bis zum Popo.

Wie ging es deinem Partner zu der Zeit? Sein Leben stand ja auch von heute auf morgen komplett auf dem Kopf.

Vorweg: Er ist immer noch da. Das muss ich an dieser Stelle betonen, denn so eine Krebstherapie ist für eine Beziehung wirklich ein Kraftakt. Als Patientin lernst du dein Leben noch mal neu kennen, weshalb dein Partner diese Entwicklung notgedrungen auch durchmachen muss. Er ist diesen Weg mit mir gegangen und das rechne ich ihm hoch an. Doch er ist auch ein Mensch, der Angst nicht zulässt, indem er beispielsweise darüber redet. Stattdessen verdrängt er diese Gefühle und wechselt in den Funktionsmodus. Er sucht sich Aufgaben und funktioniert.

Kommen wir noch mal zurück zu den Verbrennungen, die du eben erwähnt hast. Ist dein Intimbereich wieder vollständig verheilt oder gibt es Langzeitfolgen mit denen du leben musst?

Es ist alles verbrannt, mein Intimbereich ist eigentlich nicht mehr vorhanden. Durch die Verbrennungen der Strahlentherapie klebten die Schleimhäute zusammen, die Wundflächen sind infolgedessen zusammengewachsen. Leider ist die Medizin noch nicht so weit, dass man Frauen dahingehend auf dem Schirm hat. Es gibt keine Therapien oder Ansätze, die das verhindern. Ich habe mal mit einer Patientin gesprochen, deren Gynäkologe ihr vor den Bestrahlungen geraten hatte, während der gesamten Therapie Tampons zu tragen, damit die Schleimhäute getrennt voneinander heilen können. Diese Info hatte ich zum Beispiel nicht – was übrigens für die meisten Patientinnen gilt, die ich im Laufe der Zeit kennengelernt habe. Fast alle haben mit langfristigen Stenosen und Vernarbungen zu kämpfen. Narbengewebe ist weder dehnbar noch flexibel, weshalb die ganze Vagina zerstört wird, vom Darm ganz zu schweigen. Bei mir kam noch dazu, dass auch meine Gebärmutter und die Eierstöcke entfernt wurden, um mein HPV-Risiko einzudämmen. Durch die Bestrahlung auf das kleine Becken wäre sowieso alles kaputtgegangen, trotzdem habe ich den Moment ganz schlimm in Erinnerung, als der Strahlentherapeut mir das mitteilte. Es wäre einfach schön gewesen, wenn eine Frau diesen Behandlungsbogen mit dir durchgegangen wäre. Stattdessen war ich auf mich allein gestellt und dachte: »Okay, du bist Mitte 30 und wirst von jetzt auf gleich in die Wechseljahre kommen.« Das war auch noch mal ein Schlag. Jedenfalls hat die Narbe von der Gebärmutterentfernung nicht gehalten, da ich aufgrund der Strahlentherapie eine Wundheilungsstörung entwickelt habe. Sie ist immer wieder gerissen, sodass ich heute keine Vagina mehr habe – vielleicht noch ein oder zwei Zentimeter, das war’s.

So wie du das beschreibst, muss das ja auch Auswirkungen auf dein heutiges Sexleben haben, weil beispielsweise keine Penetration mehr stattfinden kann. Wie geht ihr als Paar damit um?

Gott sei Dank entspannt. Aber, das stimmt, es kann keine Penetration mehr stattfinden. Ich hatte dazu mal ein Gespräch mit einer Strahlentherapeutin, die meinte, dass wir Männer vielleicht auch manchmal unfair behandeln, wenn wir ihnen unterstellen, dass sie unbedingt Penetration beim Sex brauchen. Mein Partner hat es mit mir dahingehend leicht gemacht und wir haben unseren Weg gefunden. Es gibt ja noch genug andere Möglichkeiten, sein Sexualleben auszuleben.

Aber das betrifft ja auch dein eigenes Körpergefühl. Hast du noch ein Gespür in deiner Klitoris?

Ja, klitoral merke ich noch etwas. Aber ich lasse meinen Intimbereich nicht mehr gern berühren, weil er viel zu empfindlich ist. Außerdem bin ich durch die Bestrahlung inkontinent geworden. Man nennt das Stuhlinkontinenz, obwohl bei mir kein Stuhl mehr herauskommt. Doch es läuft permanent Flüssigkeit und Schleim heraus. Ich kann auch nicht mehr gut Urin halten und bin einfach sehr empfindlich. Das ist der Grund dafür, dass ich mich im Intimbereich nicht mehr anfassen lassen möchte – weder medizinisch noch von meinem Partner. Vor Untersuchungen muss ich tatsächlich sediert werden, weil ich das ansonsten nicht zulassen kann. Meine Gynäkologin ist die einzige Ausnahme, weil sie wirklich sehr empathisch ist. Ich glaube, ein Mann kann nicht nachempfinden, wie weh das tut.

Gäbe es denn die Möglichkeit deine Vagina im Rahmen einer Rekonstruktionsoperation wiederherzustellen?

Es gibt tatsächlich einen ganz tollen Spezialisten, bei dem ich mich auch bereits vorgestellt habe. Ein wunderbarer Mann, der sich auf die Rekonstruktion des weiblichen Geschlechtsorgans spezialisiert hat, um Frauen zu helfen, die beispielsweise Gewalt oder eine Beschneidung erlebt haben. Dafür hat er die sogenannte Lappenplastik erfunden, bei der Haut aus der Innenseite der Oberschenkel entnommen und in die Vagina eingeklappt wird. Das funktioniert auch bei Frauen, bei denen durch eine Bestrahlung eine Verengung vorliegt. Der Vaginaleingang kann mithilfe einer solchen Lappenplastik rekonstruiert werden. Im ersten Schritt würde mir die rund vierzehnstündige OP jedoch bloß fünf Zentimeter Vagina bringen – hinzu käme bei mir die Gefahr der Wundheilungsstörung. Dazu bin ich nicht bereit. Es sind fünf Zentimeter! Das heißt, danach müsste man überlegen, was die nächsten Schritte sind. Also, nee…

Klingt nach einer Never-Ending-Story. Kriegst du überhaupt noch zusammen, wie viele Eingriffe es bisher waren?

Viele. Also, wenn ich zählen müsste: vielleicht acht oder zehn? Ich weiß es nicht mehr.

Verständlich, dass du müde bist und damit abschließen möchtest.

Das Leben hat ja gerade erst wieder angefangen. Würde ich mich für diese Wiederherstellungsoperation entscheiden, würde mich das wieder rausreißen. Ich müsste mir wieder Ruhe nehmen, dabei will ich diese Ruhe für mich gerade nicht haben. Ich will nicht wieder heilen müssen und in diese Abhängigkeit geraten. Angefangen beim Finanziellen, aber auch in puncto Kinderbetreuung und Haushalt – das will ich nicht. Zumindest im Moment nicht. Ich lebe in einer stabilen Partnerschaft und wir planen auch nicht, dass das endet. Aber manche Beziehungen halten nun mal nicht ein Leben lang und ich frage mich manchmal: Was mache ich dann? Denn für den klassischen Partnermarkt bin ich ja – zumindest in meinem Kopf – gar nicht mehr zu haben. Wenn ich mich zurückerinnere, an den Anfang vergangener Partnerschaften: Mein Gott, da war die Libido aber ganz weit oben, eigentlich existierte man nur noch aus Libido. Und das habe ich ja nicht mehr. Davor habe ich tatsächlich Angst und ich finde es so gemein, in einer Situation zu sein, in der ich nicht mehr für mich selbst entscheiden darf.

Krebsfrei leben, aber ohne Garantie

Das verstehe ich sehr gut, aber wie sieht dein Leben denn aktuell aus?

Gut, ich bin krebsfrei und in einem Jahr gelte ich als geheilt. Nicht, dass das irgendwas bedeutet, kein Mensch, der diese Erkrankung durchhat, bekommt eine Garantie. Aber ich glaube, man wird unglaublich sensibel für sich und seinen Körper. Jedes Ziepen nimmt man plötzlich deutlicher wahr. Ich bin sehr resilient und stark, was die Psyche betrifft. Aber es gibt trotzdem immer wieder Dinge, die mich mental aus der Bahn werfen. Nichtsdestotrotz ist es ein Meilenstein, wenn man diese fünf Jahre geschafft hat. Ich lebe, mein Leben ist schön, ich darf meine Kinder großwerden sehen und sie dürfen mit ihrer Mama aufwachsen. Ich liebe mein Leben.

Nachsorge bei Analkrebs

  • Regelmäßige Kontrolluntersuchungen nach der Therapie
  • Abklärung neuer oder wiederkehrender Beschwerden
  • Kontrolle möglicher Spätfolgen
  • Gespräche über Schmerzen, Verdauung und Kontinenz
  • Unterstützung bei Sexualität und verändertem Körpergefühl
  • Psychoonkologische Begleitung bei Ängsten oder Belastung
  • Beratung durch Krebsberatungsstellen oder Selbsthilfegruppen

Tipp: Der Nachsorgeplan wird individuell festgelegt. Auch seelische Belastungen, Scham, Erschöpfung oder Probleme im Alltag dürfen Teil der Nachsorge sein.

Du sagst, dass du dich während deiner Erkrankung immer auf die positiven Aspekte konzentriert hast. Welche waren das?

Natürlich meine Familie. Als meine Mutter das Baby genommen hat, ist sie einerseits in eine unglaubliche Stressphase geraten, andererseits ist sie aber auch als Oma noch mal Mama geworden. Heute sind die beiden ein Arsch und ein Eimer. Natürlich war das nicht immer leicht. Einmal ist meine Mama mit dem Baby ins Krankenhaus gekommen und hat es mir auf den Arm gegeben. Aber mein Baby hat erst mich und dann die Oma angeguckt und schließlich zu weinen angefangen. Sie hat mich nicht erkannt und die Hände nach der Oma ausgestreckt. In dem Moment hat es mir mein Mamaherz zerrissen – aber gleichzeitig war ich froh, dass sie es geschafft hat, eine Bindung zur Oma aufzubauen. Meine Mama hat ihr so viel Sicherheit geschenkt, dass sie ihr Hafen war. Und das hat mir dann wiederum den Raum und die Kraft für meine Genesung gegeben, weil ich mir keine Sorgen machen musste. Zudem habe ich durch meine Erkrankung ganz tolle Menschen kennengelernt. Es sind Freundschaften entstanden, die ich sonst nie gehabt hätte. Und auch mein Bewusstsein für die Menschen, die vorher schon da waren, hat sich zum Positiven verändert. Natürlich gab es auch Personen, die mich nicht so eng begleiten konnten, weil sie das zeitlich oder mental nicht geschafft haben. Aber sie sind alle noch da. Das ist einfach unglaublich schön.

Inzwischen kämpfst du für Sichtbarkeit und leistest wichtige Aufklärungsarbeit im Bereich HPV. Wie kam es dazu?

Mein Elternhaus war immer offen und ehrlich. Uns wurde nichts verheimlicht und unsere Eltern haben uns wirklich gut aufgeklärt. Wir durften jede Frage stellen und trotzdem wusste ich nichts über HPV. Es ist einfach so schräg: Es ist 2026 und es gibt einen Virus, gegen den wir uns sogar impfen lassen können – doch den Virus kennt keiner, weil zu wenig darüber gesprochen wird. Deshalb habe ich für mich entschieden: Wenn kein anderer darüber redet, muss ich es halt tun. Ich weiß, dass meine Krebsart sehr selten ist und meist Personen betrifft, die wesentlich älter sind als ich zum Zeitpunkt der Diagnose war. Aber ich habe inzwischen zwei Freundinnen kennengelernt, die bei der Diagnose genauso alt waren wie ich und die den gleichen Lebensstil hatten. Beide waren gerade Mama geworden und wir leben nur hundert Kilometer voneinander entfernt. Also reden wir hier offenbar über eine Seltenheit, die wir vielleicht noch mal infrage stellen müssen.

Man muss ja auch dazu sagen: Es gibt über 200 verschiedene HP-Viren und nicht alle davon können Analkrebs oder Gebärmutterhalskrebs auslösen. Aber diese Viren lösen dann wiederum andere Erkrankungen und Krebsarten aus. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens mit HPV in Kontakt kommen, ist es erschreckend, wie viel Unwissenheit auf dem Gebiet noch herrscht.

Etwa 90 Prozent aller sexuell aktiven Menschen infizieren sich im Laufe ihres Lebens mit HPV – und das ist auch nichts Schlimmes, weil HPV eine Virusart ist, die der Körper durchaus selbst bekämpfen kann. Die meisten kriegen das gar nicht mit, weil man es oft nicht bemerkt, wenn man sich angesteckt hat. Am leichtesten ist es beim Sex übertragbar, aber man kann es auch schon durch nahen Körperkontakt bekommen, zum Beispiel beim Knutschen.

Richtig, hauptsächlich durch Schleimhautkontakt. Wir hatten anfangs ja schon das Beispiel von Michael Douglas, der sich beim Oralverkehr infiziert haben soll. Deshalb gibt es in vielen Drogeriemärkten sogenannte »Lecktücher« zu kaufen, mit denen man sich beim Oralsex schützen kann. Aber wer weiß schon davon? Umso wichtiger ist es, dass du deine Geschichte heute mit uns geteilt hast. Gibt es abschließend noch etwas, was du loswerden möchtest?

Also erst mal möchte ich den Appell loswerden, dass wir unseren Kindern Wissen schuldig sind. Ich bin selbst Mama und ich weiß, dass es Gespräche gibt, die Schamgefühle in uns hervorrufen, vielleicht auch kulturell bedingt. Aber wir sind es unseren Kindern schuldig, alle Infos auf den Tisch zu legen, damit sie selbst eine Entscheidung für sich treffen können. Das gilt auch dann, wenn man als Elternteil gegen eine Impfung ist. Ich persönlich teile diese Ansicht nicht, aber ich akzeptiere die Tatsache, dass es Menschen gibt, die Impfungen skeptisch gegenüberstehen. Diese Eltern sollten sich jedoch darüber im Klaren sein, dass es eine Impfung gibt, die ihre Kinder vor Krebsarten wie Analkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Vaginalkrebs, Peniskrebs sowie Mund- und Rachenkrebs schützen kann. Schweigen kann Leben kosten. Auch Scham kann Leben kosten. Daher achtet auf euren Körper und passt einfach auf.

Und ganz wichtig: Die Impfung ist nicht nur bei Mädchen sinnvoll, sondern auch bei Jungs und jungen Männern.

Genau, HPV kann nicht nur Gebärmutterhalskrebs auslösen, sondern auch Analkrebs und zahlreiche weitere Krebsarten. Auch ein Mann hat einen Mund, eine Zunge und Mandeln. Auch ein Penis kann – ausgelöst durch HPV – an Krebs erkranken.

Liebe Lena, vielen Dank für alles. Ich drück dir die Daumen, dass du noch viele Möglichkeiten bekommst, dem Thema mehr Sichtbarkeit zu verschaffen.

Danke, dass ihr mir die Möglichkeit gebt, laut zu werden und meine Geschichte zu platzieren.

Die STIKO empfiehlt die HPV-Impfung geschlechtsunabhängig für ALLE Kinder im Alter von 9 bis 14 Jahren. Die Impfung schützt nicht nur vor der Infektion selbst, sondern auch vor daraus entstehenden Krebserkrankungen – und zwar nicht nur die geimpfte Person, sondern auch all ihre künftigen Partner*innen.

Bei wechselnden Sexualpartner*innen kann eine HPV-Impfung auch noch im Erwachsenenalter sinnvoll sein. Bei Interesse lasst euch in eurer Hausarztpraxis beraten oder von eurem Gynäkologen oder eurer Urologin.

Analkrebs-Glossar

Wichtige Begriffe erklärt

Buchstabe A

Analkrebs

Analkrebs, medizinisch auch Analkarzinom genannt, ist eine bösartige Tumorerkrankung im Bereich des Afters, des Analkanals oder des Analrands. Die Erkrankung ist selten, kann aber starke körperliche und seelische Folgen haben. Häufig steht Analkrebs mit einer länger bestehenden Infektion mit humanen Papillomviren, kurz HPV, in Verbindung. Früh erkannt, kann die Behandlung oft gezielter geplant werden.

Buchstabe B

Blut im Stuhl

Blutungen im Analbereich können ein mögliches Warnzeichen sein. Sie zeigen sich zum Beispiel als Blut am Toilettenpapier, im Stuhl oder in der Unterwäsche. Häufig stecken harmlose Ursachen wie Hämorrhoiden, kleine Schleimhautrisse oder Entzündungen dahinter. Trotzdem sollten Blutungen am After ärztlich abgeklärt werden, besonders wenn sie neu auftreten, wiederkehren, stärker werden oder länger anhalten.

Buchstabe C

Chemotherapie

Die Chemotherapie ist eine medikamentöse Krebsbehandlung, die Krebszellen im Körper angreifen soll. Bei Analkrebs wird sie häufig gemeinsam mit einer Strahlentherapie eingesetzt. Dann spricht man von einer Radiochemotherapie. Ziel ist es, den Tumor möglichst vollständig zurückzudrängen und die Erkrankung zu kontrollieren. Welche Medikamente infrage kommen, hängt vom individuellen Befund und dem Behandlungsplan ab.

Buchstabe D

Darmausgang

Ein künstlicher Darmausgang, auch Stoma genannt, kann bei Analkrebs vorübergehend oder dauerhaft notwendig werden, etwa nach bestimmten Operationen oder bei schweren Komplikationen. Dabei wird ein Teil des Darms durch die Bauchdecke nach außen geführt, sodass Stuhl in einem Beutel aufgefangen wird. Für Betroffene bedeutet das eine große Umstellung, bei der spezialisierte Stomatherapeut*innen unterstützen können.

Buchstabe E

Erstanzeichen

Erstanzeichen von Analkrebs können Blutungen, Schmerzen am After, Juckreiz, Nässen, ein Fremdkörpergefühl, ein Knoten im Analbereich oder Veränderungen beim Stuhlgang sein. Diese Symptome können auch andere Ursachen haben, etwa Hämorrhoiden, Entzündungen oder kleine Verletzungen der Schleimhaut. Wichtig ist, Beschwerden nicht aus Scham zu ignorieren, wenn sie anhalten, stärker werden oder wiederkehren.

Buchstabe F

Feigwarzen

Feigwarzen sind gutartige Haut- oder Schleimhautveränderungen, die durch bestimmte HPV-Typen ausgelöst werden können. Sie treten häufig im Genital- oder Analbereich auf und sind meist nicht gefährlich, können aber unangenehm, belastend und schambesetzt sein. Andere HPV-Typen gelten als Hochrisikotypen und können langfristig das Risiko für bestimmte Krebsarten erhöhen, darunter Analkrebs und Gebärmutterhalskrebs.

Buchstabe G

Gewebeprobe

Eine Gewebeprobe, medizinisch Biopsie genannt, ist bei einem Tumorverdacht besonders wichtig. Dabei wird eine kleine Menge Gewebe aus einer auffälligen Stelle entnommen und im Labor untersucht. So lässt sich feststellen, ob es sich um entzündetes Gewebe, eine gutartige Veränderung, eine Krebsvorstufe oder ein Analkarzinom handelt. Die Biopsie schafft damit wichtige Klarheit für die weitere Behandlung.

Buchstabe H

HPV

HPV steht für humane Papillomviren. Viele Menschen infizieren sich im Laufe ihres Lebens mit HPV, oft ohne es zu bemerken. Meist heilt die Infektion von selbst wieder aus. Bleibt eine Infektion mit bestimmten Hochrisiko-HPV-Typen jedoch über längere Zeit bestehen, können Zellveränderungen entstehen. Daraus können sich HPV-bedingte Krebsarten wie Analkrebs entwickeln.

Buchstabe I

Inkontinenz

Inkontinenz bedeutet, dass Stuhl, Schleim, Flüssigkeit oder Urin nicht mehr zuverlässig gehalten werden können. Bei Analkrebs kann Inkontinenz durch den Tumor selbst, durch Operationen, Bestrahlung oder andere Behandlungsfolgen entstehen. Für Betroffene ist das oft körperlich und emotional belastend. Umso wichtiger ist es, Beschwerden offen anzusprechen, damit passende Unterstützung möglich wird.

Buchstabe J

Juckreiz

Juckreiz am After kann viele Ursachen haben, zum Beispiel Hautreizungen, Hämorrhoiden, Pilzinfektionen, Entzündungen oder Feigwarzen. In manchen Fällen kann anhaltender Juckreiz auch im Zusammenhang mit Krebsvorstufen oder Analkrebs auftreten. Wenn Juckreiz neu auftritt, länger anhält oder zusammen mit Blutungen, Schmerzen, Nässen oder Knoten vorkommt, sollte er zeitnah ärztlich abgeklärt werden.

Buchstabe K

Krebsvorstufen

Krebsvorstufen sind Zellveränderungen, aus denen sich im Laufe der Zeit Krebs entwickeln kann. Im Analbereich können solche Veränderungen unter anderem durch eine länger bestehende Infektion mit Hochrisiko-HPV-Typen entstehen. Eine HPV-Infektion bedeutet jedoch nicht automatisch Krebs, denn viele Infektionen heilen von selbst wieder aus. Auffällige Beschwerden oder sichtbare Veränderungen sollten trotzdem ärztlich abgeklärt werden.

Buchstabe L

Lymphknoten

Bei Analkrebs wird geprüft, ob Lymphknoten betroffen sind, zum Beispiel in der Leiste oder im Beckenbereich. Lymphknoten gehören zum Immunsystem und können bei Entzündungen, Infektionen oder Krebs anschwellen. Ob Lymphknoten befallen sind, ist wichtig für die Einschätzung des Tumorstadiums und für die Planung der Behandlung, etwa bei Bestrahlung oder Chemotherapie.

Buchstabe M

Metastasen

Metastasen sind Absiedlungen von Krebszellen in anderen Körperregionen. Bei Analkrebs wird durch weitere Untersuchungen geprüft, ob sich die Erkrankung ausgebreitet hat. Das ist wichtig, um die passende Therapie zu planen und den Krankheitsverlauf einzuschätzen. Nicht jede Analkrebs-Diagnose bedeutet, dass Metastasen vorhanden sind. Viele Behandlungsentscheidungen hängen vom Stadium der Erkrankung ab.

Buchstabe N

Narben

Narben können nach Operationen, Bestrahlung oder Wundheilungsstörungen entstehen. Im Anal- und Intimbereich können sie besonders belastend sein, weil das Gewebe dort empfindlich ist und Narben Schmerzen, Spannungsgefühl oder Einschränkungen verursachen können. Nach einer Strahlentherapie kann Gewebe zusätzlich verhärten oder schlechter heilen. Wenn Narben Beschwerden machen, sollten sie ärztlich besprochen und gezielt behandelt werden.

Buchstabe O

Onkologie

Die Onkologie ist der medizinische Fachbereich, der sich mit Krebserkrankungen beschäftigt. Bei Analkrebs arbeiten häufig verschiedene Fachrichtungen zusammen, zum Beispiel Onkologie, Strahlentherapie, Chirurgie, Proktologie, Gynäkologie, Urologie und Psychoonkologie. Diese Zusammenarbeit hilft, Behandlung und Nachsorge individuell abzustimmen. So können nicht nur der Tumor, sondern auch Nebenwirkungen, Spätfolgen und seelische Belastungen berücksichtigt werden.

Buchstabe P

Plattenepithelkarzinom

Ein Plattenepithelkarzinom ist eine bestimmte Krebsform, die aus sogenannten Plattenepithelzellen entsteht. Diese Zellen kommen unter anderem an der Haut und an Schleimhäuten vor, auch im Analbereich. Viele Analkarzinome sind Plattenepithelkarzinome. Im Analbereich kann diese Krebsform mit einer länger bestehenden HPV-Infektion zusammenhängen. Der Begriff beschreibt also, aus welchem Zelltyp der Tumor entstanden ist.

Buchstabe Q

Queerness

Analkrebs kann Menschen aller Geschlechter und sexuellen Orientierungen betreffen. Bestimmte Gruppen können jedoch ein erhöhtes Risiko haben, zum Beispiel Männer, die Sex mit Männern haben, insbesondere bei zusätzlicher HIV-Infektion oder geschwächtem Immunsystem. Wichtig ist eine sachliche, nicht stigmatisierende Aufklärung. Beschwerden im Analbereich sollten ernst genommen und unabhängig von Identität oder Sexualität medizinisch abgeklärt werden.

Buchstabe R

Radiochemotherapie

Die Radiochemotherapie kombiniert Strahlentherapie und Chemotherapie. Sie ist bei vielen Analkarzinomen eine zentrale Behandlungsform. Ziel ist es, den Tumor zu zerstören und den Schließmuskel möglichst zu erhalten. Die Therapie kann wirksam sein, aber auch Nebenwirkungen und Spätfolgen verursachen, etwa Schmerzen, Hautreizungen, Durchfall, Erschöpfung oder Veränderungen im Intimbereich.

Buchstabe S

Stoma

Ein Stoma ist ein künstlich angelegter Ausgang, über den Stuhl oder Urin aus dem Körper abgeleitet wird. Bei Analkrebs kann ein künstlicher Darmausgang vorübergehend oder dauerhaft notwendig werden, zum Beispiel nach bestimmten Operationen oder bei schweren Komplikationen. Spezialisierte Stomatherapeut*innen unterstützen beim Umgang mit Beutel, Hautpflege, Kleidung, Ernährung, Bewegung und Alltag.

Buchstabe T

Tumor

Ein Tumor am After ist nicht automatisch bösartig. Der Begriff bedeutet zunächst nur, dass es eine Gewebeveränderung oder Raumforderung gibt. Trotzdem sollte ein auffälliger Befund medizinisch abgeklärt werden. Durch Untersuchung, Bildgebung und Gewebeprobe kann festgestellt werden, ob es sich um eine harmlose Veränderung, eine Krebsvorstufe oder ein Analkarzinom handelt.

Buchstabe U

Urologie

Die Urologie beschäftigt sich unter anderem mit Erkrankungen der Harnwege und der männlichen Geschlechtsorgane. Im Zusammenhang mit HPV ist sie wichtig, weil HPV nicht nur Gebärmutterhalskrebs, sondern auch Peniskrebs, Analkrebs und Krebs im Mund-Rachen-Bereich begünstigen kann. Auch Beschwerden im Genitalbereich, Fragen zur HPV-Impfung oder Probleme mit dem Wasserlassen nach einer Krebstherapie können urologisch abgeklärt werden.

Buchstabe V

Vorsorge

Eine allgemeine Analkrebs-Vorsorge für alle Menschen gibt es nicht. Umso wichtiger sind HPV-Aufklärung, HPV-Impfung und die ärztliche Abklärung auffälliger Beschwerden. Kondome und Lecktücher können das Risiko einer HPV-Übertragung senken, schützen aber nicht vollständig, weil HPV auch über direkten Haut- und Schleimhautkontakt übertragen werden kann. Individuelle Risiken sollten ärztlich besprochen werden.

Buchstabe W

Wundheilung

Wundheilung beschreibt den Prozess, bei dem verletztes Gewebe wieder heilt. Nach Operationen, Bestrahlung oder Entzündungen im Anal- und Intimbereich kann die Wundheilung erschwert sein. Besonders nach einer Strahlentherapie kann Gewebe empfindlicher reagieren, schlechter heilen oder langfristig vernarben. Wenn Wunden nicht heilen, wieder aufgehen, nässen oder starke Schmerzen verursachen, sollte medizinische Hilfe gesucht werden.

Buchstabe Z

Zellveränderungen

Bestimmte HPV-Typen können Zellveränderungen verursachen. Meist heilt eine HPV-Infektion folgenlos aus. Wenn Hochrisiko-HPV-Typen jedoch länger im Körper bleiben, können sich Krebsvorstufen entwickeln. Aus solchen Vorstufen kann über Jahre Analkrebs entstehen. Aufklärung, HPV-Impfung und die Abklärung auffälliger Beschwerden sind deshalb wichtige Bausteine, um HPV-bedingte Erkrankungen früher zu erkennen oder vorzubeugen.

Hilfreiche Anlaufstellen zu Analkrebs

Scham ist kein Grund zu warten
Wenn du dich über Analkrebs, HPV, Symptome, Behandlung oder Nachsorge informieren möchtest, gibt es zuverlässige Stellen, die geprüfte Informationen anbieten. Gerade bei Beschwerden im Analbereich gilt: Nicht aus Scham abwarten, sondern Veränderungen ärztlich abklären lassen.

Entschieden gegen Krebs
https://www.entschiedengegenkrebs.de/was-ist-hpv/

Infektionsschutz.de – Wissen, was schützt
https://www.infektionsschutz.de/impfen/fuer-kinder-0-12-jahre/hpv-impfung-bei-kindern/

Deutsches Krebsforschungszentrum
https://www.dkfz.de/aktuelles/pressemitteilungen/detail/hpv-positiv-kein-zeichen-fuer-untreue

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