FURCHTLOS. INKLUSIV. ECHT.

Eine Person mit kurzen, dunklen Haaren und Brille in einem Sweatshirt, vor einem grafischen, blauen Hintergrund.

BORDERLINE

Mein Leben mit Borderline

ICH HABE EINEN ENORM GROßEN SELBSTHASS, DER SICH IN DER SELBSTVERLETZUNG WIDERSPIEGELT.

Bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung, kurz BPS, handelt es sich um eine psychiatrische Erkrankung, unter der in Deutschland rund drei Prozent der Bevölkerung leiden. Zu den Symptomen zählen unter anderem starke Stimmungsschwankungen und impulsives Verhalten. Betroffene berichten zudem oft von einem Gefühl starker Anspannung, das sie durch Selbstverletzungen oder Alkohol- und Drogenmissbrauch zu lindern versuchen. Sammy ist eine von ihnen. Im Interview hat sie über ihren langen Weg zur Diagnose und ihren Alltag mit der stigmatisierten Persönlichkeitsstörung gesprochen.

Triggerwarnung:

Selbstverletzendes Verhalten + missbräuchlicher Alkoholkonsum.

Interview: Diana Ringelsiep

VON ERSTEN ANZEICHEN ZUR DIAGNOSE: SAMMYS WEG MIT BORDERLINE

Hi Sammy! Steigen wir doch direkt ein: Bist du schon immer so offen mit deiner Borderline-Erkrankung umgegangen oder ist das auch mal anders gewesen?

Seit ich meine Diagnose bekommen habe, bin ich eigentlich immer relativ offen damit umgegangen. Ich habe
mich viel dazu belesen und nach Informationen von anderen Betroffenen gesucht. Leider bin ich dabei nur
selten auf die Infos gestoßen, die ich finden wollte. So kam es, dass ich meinen eigenen Weg bei Instagram
gepostet habe

Wenn man sich in das Thema einliest, stellt man relativ schnell fest, dass die Erkrankung für viele Betroffene mit Scham behaftet ist. Warum ist das so?

Die Borderline-Erkrankung geht mit starken negativen Stereotypen einher. Zum
Beispiel, dass man übergriffig sei, manipulativ oder drogenabhängig. Diese Vorurteile finden sich vor allem in Aussagen von Personen wieder, die selbst nicht betroffen sind. Somit beschleicht einen mit der Diagnose direkt das Gefühl: Okay, ich habe eine schlimme Erkrankung, die mich zu einem schlechteren Menschen macht.

Betroffene blicken oft auf einen langen Leidensweg zurück, wenn es zur Diagnose kommt. Wie war das bei dir? Gab es rückblickend bereits Auffälligkeiten in deiner Kindheit, die damals nicht ernstgenommen wurden?

Total viele, wenn ich heute auf meine Kindheit zurückschaue, waren da auf jeden Fall schon Symptome vorhanden. Inzwischen habe ich gemerkt, dass viele meiner vermeintlichen „Charakterzüge“ eigentlich Ausprägungen der Erkrankung sind. Mit 14 habe ich die Diagnose Depression bekommen. Mit 18 kam eine Angststörung dazu und erst als diese mit 19 oder 20 richtig schlimm wurde, hat mich mein Therapeut auf Bordeline getestet. Das war vor neun Jahren. Als ich mir die typischen Symptome daraufhin näher anschaute, merkte ich: Oh, da ist ja eine Menge los bei mir, davon trifft wirklich vieles auf mich zu. In den letzten Jahren habe ich mich dann an immer mehr Dinge erinnert, die darauf hinweisen, dass das schon ganz früh bei mir angefangen hat.

BORDERLINE SYMPTOME IN DER KINDHEIT: FRÜHE ANZEICHEN ERKENNEN

Was für Symptome sind das gewesen, wenn du an die kleine Sammy von damals denkst?

Auf jeden Fall die Stimmungsschwankungen und dass meine Gefühle schon immer sehr extrem ausgeprägt waren. Ich denke da zum Beispiel an dieses klassische Bild von einem Kind, das sich im Supermarkt hysterisch auf den Boden wirft und sehr wütend wird, weil sich in dem Moment alles so schlimm anfühlt – das war ich. Aber ich konnte zehn Minuten später auch wieder das liebste, ruhigste und zurückhaltendste Kind sein. Rückblickend ist das auf jeden Fall schon ein Hinweis gewesen.

Frühe Anzeichen von Borderline:

  • Intensive Gefühlsausbrüche
  • Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation
  • Unsicheres Selbstbild
  • Probleme in sozialen Beziehungen

Wichtig: Wenn du mehrere dieser Anzeichen bei dir erkennst, ist das kein Grund zur Panik. Sprich mit Menschen, denen du vertraust, und hole dir professionelle Unterstützung. Eine frühe Diagnose kann den Weg zur Heilung erleichtern.

Ist das Krankheitsbild im Laufe deiner Jugend langsam vorangeschritten oder gab es Ereignisse in deinem Leben, die die Symptome verstärkt haben?

Von Grund auf betrachtet, gab es bei mir einige frühkindliche Traumata. Zum Beispiel, dass mein leiblicher Vater relativ früh nicht mehr Teil unserer Familie war. Das ist tatsächlich ein klassischer Borderline-Auslöser. Und dann ist, als ich 14 war, mein Stiefvater bei einem Autounfall gestorben. Das war sehr schlimm, denn ich habe ihn Papa genannt und auch als diesen betrachtet. Sein plötzlicher Tod hat dazu geführt, dass ich extrem depressiv wurde und auch die Borderline Symptome viel stärker herausgekommen sind.

Wie sind die Erwachsenen in deinem Leben damit umgegangen?

Das war gemischt. Damals stand eher die Trauerbewältigung im Vordergrund, so kam es auch zu der Depressionsdiagnose.
Borderline war zu dem Zeitpunkt noch überhaupt kein Thema. Ich muss aber dazu sagen, dass ich damals schon ein enorm zurückhaltender Mensch war. Ich wollte diese Dinge mit mir selbst ausmachen.

ICH GEHÖRE ZU DER SORTE DER LEISEN BORDERLINER. DAS HEIßT, DASS SICH MEINE WUT GEGEN MICH SELBST RICHTET. MEINE WUTANFÄLLE FINDEN NUR HINTER VERSCHLOSSENER TÜR STATT.

Kommen wir noch mal zurück zur Impulsivität. Viele Betroffene berichten in dem Zusammenhang von richtigen Wutanfällen. Kennst du das nur aus deiner Kindheit oder kommt das auch heute noch vor?

Ja, auf jeden Fall, wobei sich die Wut bei jedem anders äußert. Man unterscheidet beim Borderline zwischen sogenannten lauten Borderlinern und leisen Borderlinern. Ich gehöre zu der Sorte der leisen Borderliner. Das heißt, dass sich meine Wut gegen mich selbst richtet. Meine Wutanfälle finden nur hinter verschlossener Tür statt. Da darf keiner in der Nähe sein und ich muss mich komplett abgeschottet fühlen. Aber dann kommt es auch zu Ausbrüchen, bei denen ich auf die Wand einschlage, oder mich selbst verletze.

SELBSTVERLETZENDES VERHALTEN BEI BORDERLINE: EIN TEUFELSKREIS

Selbstverletzendes Verhalten ist ja oft das erste, was Außenstehende mit einer Borderline-Erkrankung assoziieren. Gab es Zeiten in deinem Leben, in denen du dir selbst wehgetan hast?

Ich habe angefangen, mich selbst zu verletzen, als ich 14 Jahre alt war und der besagte Trauerfall so viel Raum in mir einnahm. Da ich keinen anderen Weg gefunden habe, mit meinen Emotionen umzugehen, ist damals das Schneiden in mein Leben gekommen – als schneller Stressrelief. Anfangs, wie man das kennt, an den Armen. Doch dann wurde ich darauf angesprochen und habe gemerkt, dass das zu viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Deshalb habe ich es später an versteckten Stellen gemacht, wie an den Oberschenkelinnenseiten, die keiner sehen konnte. Ich habe mich auch gekratzt, mir die Fingernägel ausgerissen und andere Wege gefunden – bis hin zu Alkohol- oder Drogenkonsum.

Es heißt ja oft, dass selbstverletzendes Verhalten ein Hilferuf sei. Gleichzeitig findet es meist im Verborgenen statt oder wird durch langärmlige Kleidung versteckt. Wie erklärst du dir diesen Widerspruch?

Ja, das ist ein bisschen schwierig und war auch für mich lange schwer zu verstehen, weil ich die Unterstellung eines Hilferufs vehement abgestritten habe. Ich war davon überzeugt, dass ich das für mich mache, weil es meine Art ist, mit der Trauer umzugehen. Aber rückblickend weiß ich, dass es ein Hilferuf aus meinem tiefsten Inneren war – von meinem inneren Kind. Ich verletzte mich in der Hoffnung, dass irgendjemand mitbekommt,dass es mir nicht gut geht. Für viele Nicht-Betroffene ist es wahrscheinlich nur schwer nachzuvollziehen, warum man sich selbst wehtun möchte und warum sich das in dem Moment gut anfühlt.

Kannst du versuchen, das zu erklären?

Die Borderline-Erkrankung geht mit enorm intensiven Gefühlen und einer extremen Anspannung einher, die eigentlich immer da ist – gerade in schwierigen Situationen, wenn ich mich gestresst fühle. Das einzige Mittel, das ich damals kannte, um diese Anspannung zu reduzieren, war das Schneiden. Es half mir in dem Moment, weil ich nur auf den Schmerz, den ich mir gerade zufügte, fokussiert war und so von meinen belastenden Gedanken und Emotionen abgelenkt wurde

Kannst du versuchen, das zu erklären?

Die Borderline-Erkrankung geht mit enorm intensiven Gefühlen und einer extremen Anspannung einher, die eigentlich immer da ist – gerade in schwierigen Situationen, wenn ich mich gestresst fühle. Das einzige Mittel, das ich damals kannte, um diese Anspannung zu reduzieren, war das Schneiden. Es half mir in dem Moment, weil ich nur auf den Schmerz, den ich mir gerade zufügte, fokussiert war und so von meinen belastenden Gedanken und Emotionen abgelenkt wurde.

Du hast in dem Zusammenhang eben auch einen kritischen Alkoholkonsum erwähnt. Wie kam es dazu und was hat sich dadurch verändert?

Ich hatte durch meine Erkrankung und die erwähnten Umstände nicht das klassische Teenagerleben, weil ich sehr mit mir selbst, mit meiner Trauer und meinen Problemen beschäftigt war. Dadurch habe ich nicht die klassischen Jugenderfahrungen gemacht. Andere haben sich langsam an Alkohol herantastet und sich vielleicht auch mal abgeschossen und daraus gelernt. Das habe ich alles erst mit 20 nachgeholt und dann sehr exzessiv getrunken, weil ich keine Impulskontrolle habe. So bin ich von der Selbstverletzung zum Trinken gekommen. Zum einen, weil ich in sozialen Situationen dazugehören wollte, aber auch, weil ich mich unter Menschen sehr unwohl gefühlt habe. Und dann sind Dinge passiert, die mir sehr unangenehm waren und für die ich mich selbst nicht mochte. So ist ein Kreislauf entstanden, der alles noch schlimmer gemacht hat.

MEINE SELBSTWERTKISTE HILFT MIR DABEI POSITIVE DINGE ÜBER MICH ZU VERINNERLICHEN.

Wie ist es vor neun Jahren schließlich zu deiner Diagnose gekommen?

Zu meiner Diagnose bin ich eher durch Zufall gekommen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich enorme Angstzustände, sodass ich manchmal tagelang mein Zimmer nicht verlassen konnte, geschweige denn das Haus. Ich war gerade in eine neue Stadt gezogen und hatte mit meinem Studium begonnen. Es gab also viele Veränderungen in meinem Leben, und Menschen mit Borderline kommen mit Veränderungen nicht gut klar. Das wusste ich damals aber noch nicht. Irgendwann merkte ich, dass es so nicht weitergehen konnte und ich habe mir Hilfe gesucht. Der Therapeut, zu dem ich damals ging, sagte nach meinen Schilderungen, dass er mich gerne auf Borderline testen würde.

Wie läuft so eine Borderline-Testung ab?

Zu Beginn führt man erst mal ein therapeutisches Gespräch über zurückliegende Situationen ausder Kindheit und dem Jugendalter – aber auch über den aktuellen Alltag. So bekommt man einen guten Überblick, wie man mit bestimmten Situationen und Emotionen umgeht und wie man im Alltag handelt. Da gibt es meistens schon die ersten Hinweise.

Wie ging es dir mit der Diagnose? Hattest du damit gerechnet oder kam sie eher überraschend?

Die Diagnose war total überraschend für mich, weil ich vorher nicht viel über Borderline wusste und es bis dahin keinerlei Berührungspunkte gab. lch habe mich dann erst mal umfassend dazu belesen. Das ist bei mir eh so eine Sache: Ich brauche sehr viele Informationen und Fakten, um mir ein Bild machen zu können. Jedenfalls habe ich schnell gemerkt, dass es da viele Übereinstimmungen gibt, was mich erleichtert hat.

Eine weitere große Rolle spielt in dem Kontext das mangelnde Selbstwertgefühl, unter dem viele Betroffene leiden. Nun sitze ich dir hier gegenüber und sehe eine selbstbewusste junge Frau – inwiefern kollidiert das mit deiner Selbstwahrnehmung?

Das ist genau das Thema: Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung gehen da gerade sehr weit auseinander bei mir. Mein Selbstwert ist sehr gering, aber das hat sich in den letzten Monaten zum Glück schon etwas gebessert. Das Thema begleitet mich bereits seit meiner Kindheit und ich habe dahingehend sehr mit mir zu kämpfen, auch wenn es nach außen nicht so wirkt. Ich habe einen enorm großen Selbsthass, der sich auch in der Selbstverletzung widerspiegelt und in meinem impulsiven Verhalten.

Es muss schwer sein, derart verinnerlichte Denkmuster zu durchbrechen. Gibt es irgendwelche Techniken, die dir dabei helfen?

In der Borderline-Behandlung, nennt man diese Denkmuster auch Glaubenssätze:
Ich bin wertlos. Ich bin nicht gut genug. Ich muss mich beweisen, damit andere mit mir Zeit verbringen möchten. Diese Muster aufzubrechen, erfordert viel Übung und Zeit, weil jede Situation, die ich erlebe, durch diese Glaubenssätze gefiltert wird. Das heißt, ich werde ständig davon beeinflusst. In der Therapie habe ich eine hilfreiche Sache an die Hand bekommen, die sich „Selbstwertkiste“ nennt. Darin befinden sich viele kleine Zettelchen, auf denen positive Eigenschaften von mir stehen, die ich zum Teil selbst geschrieben habe. Andere stammen von Personen, die mir nahestehen, zum Beispiel von meinem Partner oder meiner kleinen Schwester. Es tut gut, diese schönen Dinge über mich zu lesen. So lerne ich, diese Aussagen zu verinnerlichen und für mich anzunehmen.

Inzwischen nimmst du auch Medikamente. Inwiefern helfen sie dir im Alltag?

Ich habe schon seit meiner Kindheit enorme Probleme einzuschlafen und durchzuschlafen. Unter anderem, weil ich sehr drastische Albträume habe. Ein weiteres Problem sind die sogenannten Pseudo-Halluzinationen. Inzwischen weiß ich, dass auch das ein Borderline-Symptom ist. Ich weiß bereits währenddessen, dass die Halluzinationen nicht real sind, trotzdem lösen sie eine große Angst in mir aus. Die Medikamente helfen mir, das runterzufahren.

Das klingt beängstigend. Passiert das nur nachts oder können die Halluzinationen auch tagsüber auftreten?

Vorrangig habe ich das nachts, aber wenn es mir mental nicht gut geht, kann es auch schon mal tagsüber passieren. Zum Beispiel, wenn ich gestresst bin oder ich irgendeinen anderen Struggle habe. Aber wenn das der Fall ist, weiß ich, dass ich an einer großen Grenze angekommen bin und unbedingt Hilfe brauche.

DBT-THERAPIE BEI BORDERLINE: DER WEG ZUR BESSERUNG

Jetzt haben wir über zahlreiche Symptome und Ausprägungen deiner Persönlichkeitsstörungen gesprochen, aber die gute Nachricht ist, dass es dir inzwischen besser geht. Was hat dir rückblickend am meisten geholfen?

Das war das sogenannte DBT-Programm – eine Therapieform, die extra für Menschen mit Borderline-Erkrankung entwickelt wurde. Und zwar von einer Ärztin, die selbst betroffen ist und lange Zeit nicht die Behandlung bekommen hat, die sie gebraucht hätte. Schließlich hat sie aus vielen verschiedenen Therapieansätzen dieses Programm zusammengestellt. Und das ist das Beste, was ich machen konnte, weil ich wirklich sehr viel daraus mitgenommen habe.

DBT-Therapie bei Borderline: Das Wichtigste im Überblick
Die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) ist eine der wichtigsten und erfolgreichsten Therapieformen für Menschen mit Borderline:

  • Entwickelt von der Psychologin Marsha M. Linehan, die selbst Borderline-Erfahrung hat
  • Vermittelt praktische Übungen für den Alltag
  • Kombination aus Einzelgesprächen und Gruppenarbeit
  • Hilft beim Umgang mit starken Gefühlen und Stress
  • Vermittelt praktische Übungen für den Alltag

Mehr Informationen zur DBT findest du beim Dachverband DBT unter www.dachverband-dbt.de

Du hast ja auch etwas mitgebracht, was dir in kritischen Momenten sehr hilft – deine Skillstasche. Was ist das?

Genau, meine Skillstasche kommt in extremen Anspannungssituationen zum Einsatz und hilft mir, mich insolchen Momenten selbst zu regulieren. Und zwar, ohne dass mein antrainiertes Problemverhalten greift. Im DBT-Programm wird die Anspannung in drei Phasen gemessen. Alles, was über 70 geht, ist die sogenannte Hochanspannung, in der es kritisch wird. In diesen Notfällen kann ein Griff in die Skillstasche helfen, mich abzulenken.

Interessant, bei welchem Anspannungswert bist du jetzt gerade?

Ich bin aufgrund der Interview-Situation ein bisschen aufgeregt, deswegen würde ich mich bei einer 55 einordnen.

Okay, also alles noch im grünen Bereich. Aber jetzt hast du mich natürlich neugierig gemacht. Was ist in deiner Skillstasche drin?

Insgesamt befinden sich darin meist drei bis vier Skills, auf die ich im Ernstfall zurückgreifen kann. Mir helfen vor allem Skills, die etwas mit physischen Reizen zu tun haben – extrem saure Bonbons zum Beispiel. Die geben mir einen starken physischen Reiz, der mich im Notfall aus einer stressigen Situation herausholen kann. Das heißt, ich bin in dem Moment nur noch damit beschäftigt, wie sich meine Zunge gerade anfühlt. Das ist das Beste, was ich machen kann. Und dann habe ich noch Kärtchen dabei, auf denen ich ein paar Ablenkungsstrategien notiert habe, die mir in dem Moment vermutlich nicht einfallen würden. Zum Beispiel die Stresshocke: Dabei stellt man sich im 90-Grad-Winkel an eine Wand und versucht die Haltung möglichst lange zu halten. Oder die ABC-Kette zur gedanklichen Ablenkung, aber die funktioniert leider nicht immer. Geht es beispielsweise um das Thema Tiere, muss man erst ein Tier mit A finden, dann eins mit B, dann eins mit C und so weiter. Noch besser ist es, wenn eine eingeweihte Person dabei ist, die mitmachen kann.

Ich glaube, damit hast du vielen Betroffenen, schon ein paar hilfreiche Tipps an die Hand gegeben. Gibt es sonst noch etwas, was du anderen mit auf den Weg geben möchtest?

Ich kann Betroffenen nur dazu raten, sich mit der Erkrankung auseinandersetzen, sich zu belesen und sich Hilfe suchen. Es gibt viele Möglichkeiten, an sich selbst zu arbeiten, insbesondere mithilfe des DBT-Programms. Selbst wenn man nicht aktiv an dem Programm teilnehmen kann, lohnt es sich, es einfach mal zu googeln. Es gibt zum Beispiel hilfreiche Arbeitsblätter dazu. Und wenn die Möglichkeit besteht, das DBT-Programm wahrzunehmen, kann ich das wirklich jedem ans Herzen legen.

Sammy, vielen lieben Dank, dass du so offen mit mir über deine Erkrankung gesprochen hast. Ich glaube, du hast vielen Menschen da draußen Mut gemacht und ich wünsche dir von Herzen alles Gute für deinen weiteren Weg.

Vielen Dank. Es hat mich sehr gefreut, darüber reden zu dürfen.

BORDERLINE-Glossar

Wichtige Begriffe erklärt

Buchstabe A

A wie Affektlabilität:

Affektlabilität beschreibt die raschen und intensiven Stimmungsschwankungen, die ein Kernmerkmal der Borderline Persönlichkeitsstörung (BPS) sind. Diese emotionalen Wechsel können innerhalb von Minuten oder Stunden auftreten und sich in Intensität und Art stark unterscheiden – von tiefer Traurigkeit über Wut bis hin zu Angst oder Euphorie. Oft werden diese starken Emotionen durch scheinbar geringfügige Auslöser hervorgerufen, was für Betroffene und ihr Umfeld sehr belastend sein kann. Die Schwierigkeit, Emotionen zu regulieren und eine emotionale Stabilität aufrechtzuerhalten, prägt das Erleben und Verhalten von Menschen mit BPS maßgeblich. Es ist wichtig zu verstehen, dass diese intensiven Gefühlswellen nicht willentlich gesteuert werden können und für die Betroffenen sehr real und überwältigend sind.

Buchstabe B

B wie Beziehungen (instabile):

Instabile Beziehungen sind ein weiteres zentrales Kriterium der Borderline Persönlichkeitsstörung. Menschen mit BPS haben oft Schwierigkeiten, stabile und gesunde Beziehungen zu führen. Dies ist häufig geprägt von einem Wechsel zwischen Idealisierung und Entwertung anderer Personen ("Schwarz-Weiß-Denken"). Zunächst wird eine Person idealisiert und als perfekt angesehen, doch bei der kleinsten Enttäuschung oder dem Gefühl der Zurückweisung kann diese positive Sichtweise abrupt ins Gegenteil umschlagen. Die Angst vor dem Verlassenwerden ist dabei ein starker Motor für dieses wechselhafte Beziehungsverhalten. Betroffene können klammerndes Verhalten zeigen, um Nähe zu erzwingen, oder aber sich impulsiv distanzieren, um einer vermeintlichen Zurückweisung zuvorzukommen. Diese Dynamiken führen oft zu konfliktreichen und zerbrechlichen Beziehungen.

Buchstabe C

C wie Chronizität:

Obwohl die Borderline Persönlichkeitsstörung als eine schwerwiegende psychische Erkrankung gilt, ist es wichtig zu betonen, dass sie nicht zwangsläufig chronisch verlaufen muss. Viele Betroffene erleben im Laufe der Zeit, insbesondere durch konsequente Therapie, eine deutliche Reduktion ihrer Symptome und eine Verbesserung ihrer Lebensqualität. Die Intensität der Symptomatik kann im Laufe des Lebens variieren. Während einige Betroffene über Jahre hinweg schwere Episoden erleben, können andere Phasen relativer Stabilität erreichen. Eine frühzeitige Diagnose und der Zugang zu spezialisierten Therapieformen wie der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) spielen eine entscheidende Rolle für den langfristigen Verlauf der Erkrankung. Es gibt Hoffnung auf ein erfüllteres Leben mit BPS.

Buchstabe D

D wie Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT):

Die DBT ist der wichtigste Therapieansatz bei Borderline. Sie hilft Betroffenen, mit intensiven Gefühlen umzugehen und neue Verhaltensweisen zu erlernen. Ein zentraler Punkt ist das "Sowohl-als-auch"-Prinzip: Gefühle dürfen da sein UND man kann lernen, besser mit ihnen umzugehen. Die Therapie kombiniert Einzelgespräche mit Gruppentherapie und vermittelt konkrete Skills für den Alltag. Betroffene lernen, Krisen zu bewältigen und ihre Emotionen zu regulieren.

Buchstabe E

E wie Emotionsregulation (Störung):

Die Kernproblematik der Borderline Persönlichkeitsstörung liegt in der ausgeprägten Störung der Emotionsregulation. Menschen mit BPS erleben Emotionen nicht nur intensiver als andere, sondern haben auch erhebliche Schwierigkeiten, diese Gefühle zu modulieren, ihre Intensität zu begrenzen und angemessen auf sie zu reagieren. Selbst alltägliche emotionale Reaktionen können sich schnell zu überwältigenden Zuständen entwickeln, die schwer zu kontrollieren sind. Dies führt häufig zu impulsiven Verhaltensweisen als dysfunktionale Versuche, die quälenden Emotionen zu bewältigen – beispielsweise selbstverletzendes Verhalten, Substanzmissbrauch oder riskante sexuelle Kontakte. Die Entwicklung von effektiven Strategien zur Emotionsregulation ist ein zentraler Bestandteil der psychotherapeutischen Behandlung von BPS.

Buchstabe F

F wie Fragmentierung (Identität):

Viele Menschen mit Borderline Persönlichkeitsstörung erleben eine diffuse oder fragmentierte Identität. Das bedeutet, dass ihr Selbstbild, ihre Ziele im Leben, ihre sexuellen Orientierungen und ihre Wertvorstellungen instabil und widersprüchlich sein können. Es kann zu häufigen und abrupten Veränderungen in diesen Bereichen kommen, die für die Betroffenen selbst und ihr Umfeld verwirrend sind. Sie haben oft ein unklares Gefühl, wer sie wirklich sind und wonach sie streben. Dieses Gefühl der Identitätsdiffusion trägt zur inneren Unsicherheit und den Schwierigkeiten in Beziehungen bei. Die Therapie zielt darauf ab, ein kohärenteres und stabileres Selbstbild zu entwickeln und die verschiedenen widersprüchlichen Anteile der Persönlichkeit zu integrieren.

Buchstabe G

G wie Gefühl der Leere:

Ein tiefgreifendes und quälendes Gefühl der inneren Leere ist ein häufig berichtetes Symptom bei der Borderline Persönlichkeitsstörung. Betroffene beschreiben oft ein Gefühl der Sinnlosigkeit, der inneren Abwesenheit oder des Nicht-Vorhandenseins. Dieses Gefühl kann sehr unangenehm sein und zu kompensatorischen Verhaltensweisen führen, wie beispielsweise exzessive Suche nach Stimulation, riskantes Verhalten oder die Idealisierung von Beziehungen in der Hoffnung, diese innere Leere zu füllen. Die chronische Leere kann auch zu depressiven Verstimmungen und einem erhöhten Suizidrisiko beitragen. In der Therapie wird daran gearbeitet, die Ursachen dieser Leere zu verstehen und alternative Wege zu finden, ein Gefühl von Sinn und Lebendigkeit zu entwickeln, das nicht von äußeren Faktoren abhängig ist.

Buchstabe H

H wie Häufigkeit:

Die Borderline Persönlichkeitsstörung ist eine relativ häufige psychische Erkrankung. Schätzungen zufolge betrifft sie etwa 1 bis 3 Prozent der Allgemeinbevölkerung und ist bei Menschen in psychiatrischen Behandlungseinrichtungen deutlich häufiger anzutreffen. Frauen werden etwas häufiger mit BPS diagnostiziert als Männer, wobei dies auch auf mögliche diagnostische Verzerrungen zurückzuführen sein könnte. Die Störung manifestiert sich typischerweise im jungen Erwachsenenalter. Es ist wichtig zu betonen, dass BPS keine seltene oder exotische Erkrankung ist und dass viele Betroffene erfolgreich behandelt werden können und ein erfülltes Leben führen können. Die Entstigmatisierung der Erkrankung ist daher von großer Bedeutung.

Buchstabe I

I wie Impulsivität:

Impulsivität ist ein weiteres Kernmerkmal der Borderline Persönlichkeitsstörung. Menschen mit BPS neigen dazu, spontan und ohne Berücksichtigung der Konsequenzen zu handeln. Dies kann sich in verschiedenen Bereichen äußern, wie beispielsweise Geldausgaben (Kaufsucht), Sexualität (riskante oder ungeschützte Kontakte), Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, Essstörungen oder selbstverletzendes Verhalten. Diese impulsiven Handlungen dienen oft als kurzfristige Versuche, intensive negative Emotionen zu bewältigen oder innere Leere zu füllen. Langfristig führen sie jedoch häufig zu negativen Konsequenzen in Beziehungen, im Beruf und in der persönlichen Entwicklung. Die Therapie zielt darauf ab, die Impulskontrolle zu verbessern und alternative, adaptivere Bewältigungsstrategien zu entwickeln.

Buchstabe J

J wie Jugendalter (Beginn):

Die Borderline Persönlichkeitsstörung beginnt typischerweise im späten Jugendalter oder frühen Erwachsenenalter. In dieser Lebensphase, in der die Identitätsentwicklung noch nicht abgeschlossen ist und intensive emotionale Erfahrungen gemacht werden, können sich die charakteristischen Symptome der BPS manifestieren. Frühe traumatische Erfahrungen, eine genetische Veranlagung und ungünstige Umweltfaktoren in der Kindheit und Jugend können die Entwicklung der Störung begünstigen. Es ist wichtig, erste Anzeichen frühzeitig zu erkennen und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, da eine frühzeitige Intervention den langfristigen Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen kann. Die Diagnose im Jugendalter erfordert eine sorgfältige Abgrenzung von normalen Entwicklungsprozessen und anderen psychischen Störungen.

Buchstabe K

K wie Komorbidität:

Die Borderline Persönlichkeitsstörung tritt häufig in Verbindung mit anderen psychischen Erkrankungen auf, was als Komorbidität bezeichnet wird. Häufige komorbide Störungen sind affektive Störungen (wie Depressionen und bipolare Störungen), Angststörungen (wie Panikstörungen und soziale Phobien), Essstörungen (insbesondere Bulimie), Substanzmissbrauchsstörungen und andere Persönlichkeitsstörungen. Das Vorliegen komorbider Erkrankungen kann die Diagnose und Behandlung von BPS erschweren und den Schweregrad der Symptomatik erhöhen. Eine umfassende Diagnostik, die alle vorliegenden psychischen Probleme berücksichtigt, ist daher entscheidend für die Entwicklung eines individualisierten Behandlungsplans. Die gleichzeitige Behandlung der komorbiden Störungen ist oft notwendig für einen erfolgreichen Therapieerfolg.

Buchstabe L

L wie Langzeittherapie:

Aufgrund der Komplexität und der tief verwurzelten Muster im Denken, Fühlen und Verhalten erfordert die Behandlung der Borderline Persönlichkeitsstörung in der Regel eine langfristige psychotherapeutische Begleitung. Kurzzeitige Interventionen sind meist nicht ausreichend, um nachhaltige Veränderungen zu bewirken. Therapieansätze wie die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT), die Übertragungsfokussierte Psychotherapie (TFP) und die Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) haben sich in der Langzeitbehandlung von BPS als wirksam erwiesen. Diese Therapieformen zielen darauf ab, die Emotionsregulation zu verbessern, die Impulsivität zu reduzieren, stabilere Beziehungen aufzubauen, das Selbstbild zu festigen und traumatische Erfahrungen zu bearbeiten. Eine kontinuierliche und engagierte Teilnahme an der Therapie ist entscheidend für den langfristigen Erfolg.

Buchstabe M

M wie Medikamente:

Obwohl es keine spezifischen Medikamente zur Behandlung der Borderline Persönlichkeitsstörung selbst gibt, können Psychopharmaka eine unterstützende Rolle bei der Reduktion bestimmter Begleitsymptome spielen. Antidepressiva (insbesondere SSRIs) können bei depressiven Verstimmungen und Angstsymptomen helfen. Stimmungsstabilisierer können bei der Reduktion von Stimmungsschwankungen und Impulsivität eingesetzt werden. In akuten Krisensituationen können kurzzeitig niedrig dosierte Neuroleptika zur Beruhigung beitragen. Es ist wichtig zu betonen, dass Medikamente in der Regel keine alleinige Behandlung darstellen, sondern als Ergänzung zur Psychotherapie eingesetzt werden sollten. Die medikamentöse Behandlung erfordert eine sorgfältige Abwägung von Nutzen und Risiken durch einen erfahrenen Facharzt.

Buchstabe N

N wie Nicht-Suizidalitätspakt:

In der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) spielt der Nicht-Suizidalitätspakt eine wichtige Rolle, insbesondere bei Patienten mit einem hohen Risiko für selbstverletzendes Verhalten und Suizidgedanken. Dabei handelt es sich um eine Vereinbarung zwischen dem Therapeuten und dem Patienten, in der sich der Patient verpflichtet, bestimmte selbstschädigende Verhaltensweisen während eines festgelegten Zeitraums zu unterlassen und stattdessen alternative Bewältigungsstrategien anzuwenden und im Krisenfall den Therapeuten oder andere Hilfsangebote zu kontaktieren. Der Nicht-Suizidalitätspakt dient dazu, die Sicherheit des Patienten zu gewährleisten und ihm zu helfen, akute Krisen zu überwinden, ohne auf selbstzerstörerische Verhaltensweisen zurückzugreifen. Er ist ein wichtiger Baustein in der Reduktion von selbstverletzendem Verhalten.

Buchstabe O

O wie Objektkonstanz (Mangel):

Ein Mangel an Objektkonstanz ist ein psychologisches Konzept, das im Zusammenhang mit der Borderline Persönlichkeitsstörung relevant ist. Es beschreibt die Schwierigkeit, ein inneres, stabiles und kohärentes Bild von wichtigen Bezugspersonen aufrechtzuerhalten, insbesondere in deren Abwesenheit oder bei negativen Erfahrungen. Menschen mit mangelnder Objektkonstanz können dazu neigen, andere Personen entweder idealisiert oder abgewertet zu sehen, ohne eine differenzierte Sichtweise zu bewahren. Die Abwesenheit einer geliebten Person kann als vollständiger Verlust und als Beweis für mangelnde Zuneigung erlebt werden. Dies trägt zu der starken Angst vor dem Verlassenwerden und den instabilen Beziehungen bei. Die Entwicklung einer besseren Objektkonstanz ist ein wichtiger Aspekt in der psychotherapeutischen Behandlung.

Buchstabe P

P wie Psychotherapie:

Die Psychotherapie ist die zentrale und wirksamste Behandlungsmethode für die Borderline Persönlichkeitsstörung. Verschiedene Therapieansätze haben sich als hilfreich erwiesen, darunter die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT), die Übertragungsfokussierte Psychotherapie (TFP), die Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) und schematherapeutische Ansätze. Diese Therapieformen zielen darauf ab, die Kernsymptome der BPS zu behandeln, wie Emotionsregulationsstörungen, Impulsivität, instabile Beziehungen, Identitätsdiffusion und das Gefühl der Leere. Sie vermitteln den Betroffenen neue Bewältigungsstrategien, fördern die Selbstwahrnehmung und die Entwicklung eines stabileren Selbstbildes. Eine langfristige und intensive Psychotherapie ist in der Regel notwendig, um nachhaltige Veränderungen zu erreichen.

Buchstabe Q

Q wie Qualität (Lebensqualität):

Die Borderline Persönlichkeitsstörung kann die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Die intensiven emotionalen Schwankungen, die Schwierigkeiten in Beziehungen, die Impulsivität und andere Symptome können zu Problemen im Beruf, in sozialen Interaktionen und im persönlichen Wohlbefinden führen. Viele Menschen mit BPS berichten von einem Gefühl der inneren Zerrissenheit, von Schwierigkeiten, ihre Ziele zu verfolgen und ein erfülltes Leben zu führen. Die psychotherapeutische Behandlung zielt unter anderem darauf ab, die Symptomatik zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen nachhaltig zu verbessern. Dies beinhaltet den Aufbau stabilerer Beziehungen, die Entwicklung von Bewältigungsstrategien für emotionale Krisen und die Förderung eines positiveren Selbstbildes.

Buchstabe R

R wie Rückfälle:

Wie bei vielen psychischen Erkrankungen können auch bei der Borderline Persönlichkeitsstörung Rückfälle auftreten. Phasen, in denen die Symptome wieder stärker werden, sind möglich, insbesondere in Zeiten von Stress oder nach belastenden Lebensereignissen. Es ist wichtig, Rückfälle als Teil des Genesungsprozesses zu verstehen und nicht als persönliches Versagen zu interpretieren. Die in der Therapie erlernten Bewältigungsstrategien können helfen, mit Rückfällen umzugehen und zu verhindern, dass sie sich zu schweren Krisen entwickeln. Eine kontinuierliche Anbindung an die Therapie und Selbsthilfegruppen kann ebenfalls dazu beitragen, die Stabilität langfristig zu erhalten und Rückfällen vorzubeugen.

Buchstabe S

S wie Selbstverletzendes Verhalten:

Selbstverletzendes Verhalten (SVV) ist ein häufiges und besorgniserregendes Symptom der Borderline Persönlichkeitsstörung. Betroffene fügen sich absichtlich Verletzungen zu, wie beispielsweise Schneiden, Ritzen, Verbrennen oder Schlagen. SVV dient in der Regel nicht als Suizidversuch, sondern als dysfunktionale Bewältigungsstrategie, um intensive negative Emotionen wie Wut, Angst, Leere oder innere Spannung zu reduzieren. Es kann auch ein Mittel sein, sich zu spüren, wenn man sich dissoziiert oder leer fühlt. SVV ist ein Alarmsignal für tiefes psychisches Leid und erfordert eine dringende therapeutische Intervention. Die Therapie zielt darauf ab, die zugrunde liegenden emotionalen Ursachen zu verstehen und alternative, sicherere Bewältigungsstrategien zu entwickeln.

Buchstabe T

T wie Trauma:

Traumatische Erfahrungen in der Kindheit oder Jugend, wie Vernachlässigung, Misshandlung oder der Verlust wichtiger Bezugspersonen, spielen eine bedeutende Rolle in der Entstehung und Aufrechterhaltung der Borderline Persönlichkeitsstörung. Viele Betroffene berichten von einer oder mehreren traumatischen Belastungen in ihrer Vergangenheit. Diese Erfahrungen können die Entwicklung der Emotionsregulation, des Selbstbildes und der Beziehungsfähigkeit nachhaltig beeinträchtigen und zur Vulnerabilität für BPS beitragen. Die Auseinandersetzung mit traumatischen Erfahrungen ist ein wichtiger Bestandteil der psychotherapeutischen Behandlung, um die Auswirkungen des Traumas zu verarbeiten und neue, gesündere Bewältigungsstrategien zu entwickeln.

Buchstabe U

U wie Unberechenbarkeit:

Das Verhalten von Menschen mit Borderline Persönlichkeitsstörung kann für Außenstehende oft als unberechenbar erlebt werden. Die rapiden Stimmungsschwankungen, die impulsiven Handlungen und die wechselhaften Beziehungen können es schwierig machen, vorherzusagen, wie Betroffene in bestimmten Situationen reagieren werden. Diese Unberechenbarkeit ist Ausdruck der inneren emotionalen Instabilität und der Schwierigkeiten in der Emotionsregulation. Sie kann zu Missverständnissen und Konflikten in Beziehungen führen und die soziale Interaktion erschweren. In der Therapie lernen Betroffene, ihre inneren Prozesse besser zu verstehen und ihre Reaktionen bewusster zu steuern, was zu mehr Stabilität und Vorhersagbarkeit im Verhalten führen kann.

Buchstabe V

V wie Vulnerabilität:

Menschen mit Borderline Persönlichkeitsstörung weisen eine erhöhte emotionale Vulnerabilität auf. Das bedeutet, dass sie empfindlicher auf emotionale Reize reagieren, Emotionen intensiver erleben und eine langsamere Rückkehr zum emotionalen Grundzustand haben. Diese angeborene oder erworbene Empfindlichkeit in Kombination mit einer defizitären Emotionsregulation führt zu den charakteristischen starken und schwer zu bewältigenden Gefühlswellen. Die Therapie, insbesondere die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT), zielt darauf ab, die emotionale Vulnerabilität nicht zu beseitigen, sondern den Betroffenen Strategien zu vermitteln, um mit ihrer Sensibilität umzugehen und ihre Reaktionen besser zu kontrollieren.

Buchstabe W

W wie Wut:

Intensive und unkontrollierte Wut ist ein häufiges und oft sehr belastendes Symptom der Borderline Persönlichkeitsstörung. Die Wut kann plötzlich auftreten, sehr heftig sein und sich gegen andere oder gegen sich selbst richten. Oft wird sie durch geringfügige Auslöser oder das Gefühl der Zurückweisung oder Kränkung ausgelöst. Die Schwierigkeit, diese Wut angemessen auszudrücken und zu regulieren, führt häufig zu impulsiven und destruktiven Verhaltensweisen, die Beziehungen belasten und zu Schuldgefühlen führen können. In der Therapie lernen Betroffene, die Ursachen ihrer Wut zu verstehen, Frühwarnzeichen zu erkennen und alternative, konstruktive Wege zu finden, mit Ärger und Frustration umzugehen.

Buchstabe X

X wie Xanthippisch:

Der Begriff "xanthippisch" – also aufbrausend und schnell erregbar – beschreibt einen wichtigen Aspekt der Borderline Persönlichkeitsstörung. Diese intensive emotionale Reaktivität ist jedoch nicht einfach nur "schlecht gelauntes Verhalten", sondern Teil des Krankheitsbildes. Betroffene erleben Gefühle oft überwältigend stark und können sie schwerer regulieren als andere Menschen. In der Therapie lernen sie, diese intensiven Emotionen besser zu verstehen und zu steuern. Dabei ist wichtig zu verstehen: Die erhöhte Reaktivität ist kein Charakterfehler, sondern ein behandelbares Symptom der Erkrankung.

Buchstabe Y

Y wie Yes-No-Thinking (Schwarz-Weiß-Denken):

Das Schwarz-Weiß-Denken oder Alles-oder-Nichts-Denken ist ein typisches kognitives Muster bei der Borderline Persönlichkeitsstörung. Menschen mit BPS neigen dazu, die Welt und die Menschen in ihrem Umfeld in extremen Kategorien zu sehen – entweder ganz gut oder ganz schlecht, ohne Graustufen oder differenzierte Bewertungen zuzulassen. Dies betrifft sowohl die Wahrnehmung anderer als auch das Selbstbild. Eine Person kann in einem Moment idealisiert und im nächsten Moment aufgrund einer kleinen Enttäuschung vollständig abgewertet werden. Dieses rigide Denkmuster trägt zu den instabilen Beziehungen und den intensiven emotionalen Reaktionen bei. Die Therapie zielt darauf ab, flexiblere und realistischere Denkweisen zu entwickeln.

Buchstabe Z

Z wie Zukunftsperspektive (Beeinträchtigung):

Die Borderline Persönlichkeitsstörung kann die Fähigkeit von Betroffenen, eine klare und positive Zukunftsperspektive zu entwickeln, erheblich beeinträchtigen. Die inneren Unsicherheiten, die instabilen Beziehungen und die Schwierigkeiten, langfristige Ziele zu verfolgen, können zu einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit und einer eingeschränkten Vorstellung von der eigenen Zukunft führen. Es kann schwerfallen, Pläne zu schmieden oder sich auf langfristige Projekte einzulassen. Die Therapie unterstützt Betroffene dabei, ihre Werte und Ziele zu erkunden, realistische Erwartungen zu entwickeln und Strategien zu erlernen, um ihre Zukunft aktiv zu gestalten und ein Gefühl von Sinn und Hoffnung zu entwickeln.

Hilfreiche Anlaufstellen für Borderline-Betroffene

Du bist nicht allein
Wenn dich Sammys Geschichte berührt hat oder du selbst Hilfe suchst: Der erste Schritt ist oft der schwerste, aber es gibt Menschen und Anlaufstellen, die dir zuhören und helfen können. Unter den folgenden Links findest du weitere Informationen und professionelle Unterstützung.

Neurologen und Psychiater im Netz
findest du hier.

Dachverband DBT e. V.
findest du hier.

Psychotherapie am Markt (Heerbrugg) – Kostenlose Arbeitsblätter
findest du hier.

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