ICH HABE EINEN ENORM GROßEN SELBSTHASS, DER SICH IN DER SELBSTVERLETZUNG WIDERSPIEGELT.
Bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung, kurz BPS, handelt es sich um eine psychiatrische Erkrankung, unter der in Deutschland rund drei Prozent der Bevölkerung leiden. Zu den Symptomen zählen unter anderem starke Stimmungsschwankungen und impulsives Verhalten. Betroffene berichten zudem oft von einem Gefühl starker Anspannung, das sie durch Selbstverletzungen oder Alkohol- und Drogenmissbrauch zu lindern versuchen. Sammy ist eine von ihnen. Im Interview hat sie über ihren langen Weg zur Diagnose und ihren Alltag mit der stigmatisierten Persönlichkeitsstörung gesprochen.

Triggerwarnung:
Selbstverletzendes Verhalten + missbräuchlicher Alkoholkonsum.

Interview: Diana Ringelsiep
VON ERSTEN ANZEICHEN ZUR DIAGNOSE: SAMMYS WEG MIT BORDERLINE
Hi Sammy! Steigen wir doch direkt ein: Bist du schon immer so offen mit deiner Borderline-Erkrankung umgegangen oder ist das auch mal anders gewesen?
Seit ich meine Diagnose bekommen habe, bin ich eigentlich immer relativ offen damit umgegangen. Ich habe
mich viel dazu belesen und nach Informationen von anderen Betroffenen gesucht. Leider bin ich dabei nur
selten auf die Infos gestoßen, die ich finden wollte. So kam es, dass ich meinen eigenen Weg bei Instagram
gepostet habe

Wenn man sich in das Thema einliest, stellt man relativ schnell fest, dass die Erkrankung für viele Betroffene mit Scham behaftet ist. Warum ist das so?
Die Borderline-Erkrankung geht mit starken negativen Stereotypen einher. Zum
Beispiel, dass man übergriffig sei, manipulativ oder drogenabhängig. Diese Vorurteile finden sich vor allem in Aussagen von Personen wieder, die selbst nicht betroffen sind. Somit beschleicht einen mit der Diagnose direkt das Gefühl: Okay, ich habe eine schlimme Erkrankung, die mich zu einem schlechteren Menschen macht.
Betroffene blicken oft auf einen langen Leidensweg zurück, wenn es zur Diagnose kommt. Wie war das bei dir? Gab es rückblickend bereits Auffälligkeiten in deiner Kindheit, die damals nicht ernstgenommen wurden?
Total viele, wenn ich heute auf meine Kindheit zurückschaue, waren da auf jeden Fall schon Symptome vorhanden. Inzwischen habe ich gemerkt, dass viele meiner vermeintlichen „Charakterzüge“ eigentlich Ausprägungen der Erkrankung sind. Mit 14 habe ich die Diagnose Depression bekommen. Mit 18 kam eine Angststörung dazu und erst als diese mit 19 oder 20 richtig schlimm wurde, hat mich mein Therapeut auf Bordeline getestet. Das war vor neun Jahren. Als ich mir die typischen Symptome daraufhin näher anschaute, merkte ich: Oh, da ist ja eine Menge los bei mir, davon trifft wirklich vieles auf mich zu. In den letzten Jahren habe ich mich dann an immer mehr Dinge erinnert, die darauf hinweisen, dass das schon ganz früh bei mir angefangen hat.
BORDERLINE SYMPTOME IN DER KINDHEIT: FRÜHE ANZEICHEN ERKENNEN
Was für Symptome sind das gewesen, wenn du an die kleine Sammy von damals denkst?
Auf jeden Fall die Stimmungsschwankungen und dass meine Gefühle schon immer sehr extrem ausgeprägt waren. Ich denke da zum Beispiel an dieses klassische Bild von einem Kind, das sich im Supermarkt hysterisch auf den Boden wirft und sehr wütend wird, weil sich in dem Moment alles so schlimm anfühlt – das war ich. Aber ich konnte zehn Minuten später auch wieder das liebste, ruhigste und zurückhaltendste Kind sein. Rückblickend ist das auf jeden Fall schon ein Hinweis gewesen.
Frühe Anzeichen von Borderline:
- Intensive Gefühlsausbrüche
- Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation
- Unsicheres Selbstbild
- Probleme in sozialen Beziehungen
Wichtig: Wenn du mehrere dieser Anzeichen bei dir erkennst, ist das kein Grund zur Panik. Sprich mit Menschen, denen du vertraust, und hole dir professionelle Unterstützung. Eine frühe Diagnose kann den Weg zur Heilung erleichtern.
Ist das Krankheitsbild im Laufe deiner Jugend langsam vorangeschritten oder gab es Ereignisse in deinem Leben, die die Symptome verstärkt haben?
Von Grund auf betrachtet, gab es bei mir einige frühkindliche Traumata. Zum Beispiel, dass mein leiblicher Vater relativ früh nicht mehr Teil unserer Familie war. Das ist tatsächlich ein klassischer Borderline-Auslöser. Und dann ist, als ich 14 war, mein Stiefvater bei einem Autounfall gestorben. Das war sehr schlimm, denn ich habe ihn Papa genannt und auch als diesen betrachtet. Sein plötzlicher Tod hat dazu geführt, dass ich extrem depressiv wurde und auch die Borderline Symptome viel stärker herausgekommen sind.
Wie sind die Erwachsenen in deinem Leben damit umgegangen?
Das war gemischt. Damals stand eher die Trauerbewältigung im Vordergrund, so kam es auch zu der Depressionsdiagnose.
Borderline war zu dem Zeitpunkt noch überhaupt kein Thema. Ich muss aber dazu sagen, dass ich damals schon ein enorm zurückhaltender Mensch war. Ich wollte diese Dinge mit mir selbst ausmachen.
ICH GEHÖRE ZU DER SORTE DER LEISEN BORDERLINER. DAS HEIßT, DASS SICH MEINE WUT GEGEN MICH SELBST RICHTET. MEINE WUTANFÄLLE FINDEN NUR HINTER VERSCHLOSSENER TÜR STATT.
Kommen wir noch mal zurück zur Impulsivität. Viele Betroffene berichten in dem Zusammenhang von richtigen Wutanfällen. Kennst du das nur aus deiner Kindheit oder kommt das auch heute noch vor?
Ja, auf jeden Fall, wobei sich die Wut bei jedem anders äußert. Man unterscheidet beim Borderline zwischen sogenannten lauten Borderlinern und leisen Borderlinern. Ich gehöre zu der Sorte der leisen Borderliner. Das heißt, dass sich meine Wut gegen mich selbst richtet. Meine Wutanfälle finden nur hinter verschlossener Tür statt. Da darf keiner in der Nähe sein und ich muss mich komplett abgeschottet fühlen. Aber dann kommt es auch zu Ausbrüchen, bei denen ich auf die Wand einschlage, oder mich selbst verletze.
SELBSTVERLETZENDES VERHALTEN BEI BORDERLINE: EIN TEUFELSKREIS
Selbstverletzendes Verhalten ist ja oft das erste, was Außenstehende mit einer Borderline-Erkrankung assoziieren. Gab es Zeiten in deinem Leben, in denen du dir selbst wehgetan hast?
Ich habe angefangen, mich selbst zu verletzen, als ich 14 Jahre alt war und der besagte Trauerfall so viel Raum in mir einnahm. Da ich keinen anderen Weg gefunden habe, mit meinen Emotionen umzugehen, ist damals das Schneiden in mein Leben gekommen – als schneller Stressrelief. Anfangs, wie man das kennt, an den Armen. Doch dann wurde ich darauf angesprochen und habe gemerkt, dass das zu viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Deshalb habe ich es später an versteckten Stellen gemacht, wie an den Oberschenkelinnenseiten, die keiner sehen konnte. Ich habe mich auch gekratzt, mir die Fingernägel ausgerissen und andere Wege gefunden – bis hin zu Alkohol- oder Drogenkonsum.
Es heißt ja oft, dass selbstverletzendes Verhalten ein Hilferuf sei. Gleichzeitig findet es meist im Verborgenen statt oder wird durch langärmlige Kleidung versteckt. Wie erklärst du dir diesen Widerspruch?
Ja, das ist ein bisschen schwierig und war auch für mich lange schwer zu verstehen, weil ich die Unterstellung eines Hilferufs vehement abgestritten habe. Ich war davon überzeugt, dass ich das für mich mache, weil es meine Art ist, mit der Trauer umzugehen. Aber rückblickend weiß ich, dass es ein Hilferuf aus meinem tiefsten Inneren war – von meinem inneren Kind. Ich verletzte mich in der Hoffnung, dass irgendjemand mitbekommt,dass es mir nicht gut geht. Für viele Nicht-Betroffene ist es wahrscheinlich nur schwer nachzuvollziehen, warum man sich selbst wehtun möchte und warum sich das in dem Moment gut anfühlt.
Kannst du versuchen, das zu erklären?
Die Borderline-Erkrankung geht mit enorm intensiven Gefühlen und einer extremen Anspannung einher, die eigentlich immer da ist – gerade in schwierigen Situationen, wenn ich mich gestresst fühle. Das einzige Mittel, das ich damals kannte, um diese Anspannung zu reduzieren, war das Schneiden. Es half mir in dem Moment, weil ich nur auf den Schmerz, den ich mir gerade zufügte, fokussiert war und so von meinen belastenden Gedanken und Emotionen abgelenkt wurde
Kannst du versuchen, das zu erklären?
Die Borderline-Erkrankung geht mit enorm intensiven Gefühlen und einer extremen Anspannung einher, die eigentlich immer da ist – gerade in schwierigen Situationen, wenn ich mich gestresst fühle. Das einzige Mittel, das ich damals kannte, um diese Anspannung zu reduzieren, war das Schneiden. Es half mir in dem Moment, weil ich nur auf den Schmerz, den ich mir gerade zufügte, fokussiert war und so von meinen belastenden Gedanken und Emotionen abgelenkt wurde.
Du hast in dem Zusammenhang eben auch einen kritischen Alkoholkonsum erwähnt. Wie kam es dazu und was hat sich dadurch verändert?
Ich hatte durch meine Erkrankung und die erwähnten Umstände nicht das klassische Teenagerleben, weil ich sehr mit mir selbst, mit meiner Trauer und meinen Problemen beschäftigt war. Dadurch habe ich nicht die klassischen Jugenderfahrungen gemacht. Andere haben sich langsam an Alkohol herantastet und sich vielleicht auch mal abgeschossen und daraus gelernt. Das habe ich alles erst mit 20 nachgeholt und dann sehr exzessiv getrunken, weil ich keine Impulskontrolle habe. So bin ich von der Selbstverletzung zum Trinken gekommen. Zum einen, weil ich in sozialen Situationen dazugehören wollte, aber auch, weil ich mich unter Menschen sehr unwohl gefühlt habe. Und dann sind Dinge passiert, die mir sehr unangenehm waren und für die ich mich selbst nicht mochte. So ist ein Kreislauf entstanden, der alles noch schlimmer gemacht hat.
MEINE SELBSTWERTKISTE HILFT MIR DABEI POSITIVE DINGE ÜBER MICH ZU VERINNERLICHEN.
Wie ist es vor neun Jahren schließlich zu deiner Diagnose gekommen?
Zu meiner Diagnose bin ich eher durch Zufall gekommen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich enorme Angstzustände, sodass ich manchmal tagelang mein Zimmer nicht verlassen konnte, geschweige denn das Haus. Ich war gerade in eine neue Stadt gezogen und hatte mit meinem Studium begonnen. Es gab also viele Veränderungen in meinem Leben, und Menschen mit Borderline kommen mit Veränderungen nicht gut klar. Das wusste ich damals aber noch nicht. Irgendwann merkte ich, dass es so nicht weitergehen konnte und ich habe mir Hilfe gesucht. Der Therapeut, zu dem ich damals ging, sagte nach meinen Schilderungen, dass er mich gerne auf Borderline testen würde.
Wie läuft so eine Borderline-Testung ab?
Zu Beginn führt man erst mal ein therapeutisches Gespräch über zurückliegende Situationen ausder Kindheit und dem Jugendalter – aber auch über den aktuellen Alltag. So bekommt man einen guten Überblick, wie man mit bestimmten Situationen und Emotionen umgeht und wie man im Alltag handelt. Da gibt es meistens schon die ersten Hinweise.
Wie ging es dir mit der Diagnose? Hattest du damit gerechnet oder kam sie eher überraschend?
Die Diagnose war total überraschend für mich, weil ich vorher nicht viel über Borderline wusste und es bis dahin keinerlei Berührungspunkte gab. lch habe mich dann erst mal umfassend dazu belesen. Das ist bei mir eh so eine Sache: Ich brauche sehr viele Informationen und Fakten, um mir ein Bild machen zu können. Jedenfalls habe ich schnell gemerkt, dass es da viele Übereinstimmungen gibt, was mich erleichtert hat.
Eine weitere große Rolle spielt in dem Kontext das mangelnde Selbstwertgefühl, unter dem viele Betroffene leiden. Nun sitze ich dir hier gegenüber und sehe eine selbstbewusste junge Frau – inwiefern kollidiert das mit deiner Selbstwahrnehmung?
Das ist genau das Thema: Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung gehen da gerade sehr weit auseinander bei mir. Mein Selbstwert ist sehr gering, aber das hat sich in den letzten Monaten zum Glück schon etwas gebessert. Das Thema begleitet mich bereits seit meiner Kindheit und ich habe dahingehend sehr mit mir zu kämpfen, auch wenn es nach außen nicht so wirkt. Ich habe einen enorm großen Selbsthass, der sich auch in der Selbstverletzung widerspiegelt und in meinem impulsiven Verhalten.
Es muss schwer sein, derart verinnerlichte Denkmuster zu durchbrechen. Gibt es irgendwelche Techniken, die dir dabei helfen?
In der Borderline-Behandlung, nennt man diese Denkmuster auch Glaubenssätze:
Ich bin wertlos. Ich bin nicht gut genug. Ich muss mich beweisen, damit andere mit mir Zeit verbringen möchten. Diese Muster aufzubrechen, erfordert viel Übung und Zeit, weil jede Situation, die ich erlebe, durch diese Glaubenssätze gefiltert wird. Das heißt, ich werde ständig davon beeinflusst. In der Therapie habe ich eine hilfreiche Sache an die Hand bekommen, die sich „Selbstwertkiste“ nennt. Darin befinden sich viele kleine Zettelchen, auf denen positive Eigenschaften von mir stehen, die ich zum Teil selbst geschrieben habe. Andere stammen von Personen, die mir nahestehen, zum Beispiel von meinem Partner oder meiner kleinen Schwester. Es tut gut, diese schönen Dinge über mich zu lesen. So lerne ich, diese Aussagen zu verinnerlichen und für mich anzunehmen.
Inzwischen nimmst du auch Medikamente. Inwiefern helfen sie dir im Alltag?
Ich habe schon seit meiner Kindheit enorme Probleme einzuschlafen und durchzuschlafen. Unter anderem, weil ich sehr drastische Albträume habe. Ein weiteres Problem sind die sogenannten Pseudo-Halluzinationen. Inzwischen weiß ich, dass auch das ein Borderline-Symptom ist. Ich weiß bereits währenddessen, dass die Halluzinationen nicht real sind, trotzdem lösen sie eine große Angst in mir aus. Die Medikamente helfen mir, das runterzufahren.
Das klingt beängstigend. Passiert das nur nachts oder können die Halluzinationen auch tagsüber auftreten?
Vorrangig habe ich das nachts, aber wenn es mir mental nicht gut geht, kann es auch schon mal tagsüber passieren. Zum Beispiel, wenn ich gestresst bin oder ich irgendeinen anderen Struggle habe. Aber wenn das der Fall ist, weiß ich, dass ich an einer großen Grenze angekommen bin und unbedingt Hilfe brauche.
DBT-THERAPIE BEI BORDERLINE: DER WEG ZUR BESSERUNG
Jetzt haben wir über zahlreiche Symptome und Ausprägungen deiner Persönlichkeitsstörungen gesprochen, aber die gute Nachricht ist, dass es dir inzwischen besser geht. Was hat dir rückblickend am meisten geholfen?
Das war das sogenannte DBT-Programm – eine Therapieform, die extra für Menschen mit Borderline-Erkrankung entwickelt wurde. Und zwar von einer Ärztin, die selbst betroffen ist und lange Zeit nicht die Behandlung bekommen hat, die sie gebraucht hätte. Schließlich hat sie aus vielen verschiedenen Therapieansätzen dieses Programm zusammengestellt. Und das ist das Beste, was ich machen konnte, weil ich wirklich sehr viel daraus mitgenommen habe.
DBT-Therapie bei Borderline: Das Wichtigste im Überblick
Die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) ist eine der wichtigsten und erfolgreichsten Therapieformen für Menschen mit Borderline:
- Entwickelt von der Psychologin Marsha M. Linehan, die selbst Borderline-Erfahrung hat
- Vermittelt praktische Übungen für den Alltag
- Kombination aus Einzelgesprächen und Gruppenarbeit
- Hilft beim Umgang mit starken Gefühlen und Stress
- Vermittelt praktische Übungen für den Alltag
Mehr Informationen zur DBT findest du beim Dachverband DBT unter www.dachverband-dbt.de
Du hast ja auch etwas mitgebracht, was dir in kritischen Momenten sehr hilft – deine Skillstasche. Was ist das?
Genau, meine Skillstasche kommt in extremen Anspannungssituationen zum Einsatz und hilft mir, mich insolchen Momenten selbst zu regulieren. Und zwar, ohne dass mein antrainiertes Problemverhalten greift. Im DBT-Programm wird die Anspannung in drei Phasen gemessen. Alles, was über 70 geht, ist die sogenannte Hochanspannung, in der es kritisch wird. In diesen Notfällen kann ein Griff in die Skillstasche helfen, mich abzulenken.
Interessant, bei welchem Anspannungswert bist du jetzt gerade?
Ich bin aufgrund der Interview-Situation ein bisschen aufgeregt, deswegen würde ich mich bei einer 55 einordnen.
Okay, also alles noch im grünen Bereich. Aber jetzt hast du mich natürlich neugierig gemacht. Was ist in deiner Skillstasche drin?
Insgesamt befinden sich darin meist drei bis vier Skills, auf die ich im Ernstfall zurückgreifen kann. Mir helfen vor allem Skills, die etwas mit physischen Reizen zu tun haben – extrem saure Bonbons zum Beispiel. Die geben mir einen starken physischen Reiz, der mich im Notfall aus einer stressigen Situation herausholen kann. Das heißt, ich bin in dem Moment nur noch damit beschäftigt, wie sich meine Zunge gerade anfühlt. Das ist das Beste, was ich machen kann. Und dann habe ich noch Kärtchen dabei, auf denen ich ein paar Ablenkungsstrategien notiert habe, die mir in dem Moment vermutlich nicht einfallen würden. Zum Beispiel die Stresshocke: Dabei stellt man sich im 90-Grad-Winkel an eine Wand und versucht die Haltung möglichst lange zu halten. Oder die ABC-Kette zur gedanklichen Ablenkung, aber die funktioniert leider nicht immer. Geht es beispielsweise um das Thema Tiere, muss man erst ein Tier mit A finden, dann eins mit B, dann eins mit C und so weiter. Noch besser ist es, wenn eine eingeweihte Person dabei ist, die mitmachen kann.
Ich glaube, damit hast du vielen Betroffenen, schon ein paar hilfreiche Tipps an die Hand gegeben. Gibt es sonst noch etwas, was du anderen mit auf den Weg geben möchtest?
Ich kann Betroffenen nur dazu raten, sich mit der Erkrankung auseinandersetzen, sich zu belesen und sich Hilfe suchen. Es gibt viele Möglichkeiten, an sich selbst zu arbeiten, insbesondere mithilfe des DBT-Programms. Selbst wenn man nicht aktiv an dem Programm teilnehmen kann, lohnt es sich, es einfach mal zu googeln. Es gibt zum Beispiel hilfreiche Arbeitsblätter dazu. Und wenn die Möglichkeit besteht, das DBT-Programm wahrzunehmen, kann ich das wirklich jedem ans Herzen legen.
Sammy, vielen lieben Dank, dass du so offen mit mir über deine Erkrankung gesprochen hast. Ich glaube, du hast vielen Menschen da draußen Mut gemacht und ich wünsche dir von Herzen alles Gute für deinen weiteren Weg.
Vielen Dank. Es hat mich sehr gefreut, darüber reden zu dürfen.