FURCHTLOS. INKLUSIV. ECHT.

Dissoziative Identitätsstörung

Dissoziative Identitätsstörung: Überleben als System

Wir haben organisierte Gewalt erlebt und die Täter haben unsere DIS bewusst provoziert.

Bei einer Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) handelt es sich um eine komplexe psychische Schutzreaktion auf wiederholte Traumatisierungen. Die betroffene Person weist dadurch bedingt mehrere Persönlichkeitsanteile auf. Diese verschiedenen Identitäten können sich in puncto Alter, Geschlecht, Stimme und Mimik voneinander unterscheiden – jedoch lernen Betroffene meist früh, sich im Alltag zu maskieren, weshalb Außenstehende einen Wechsel oft gar nicht mitbekommen. Diana hat mit einer Betroffenen gesprochen, die laut eigener Aussage Persönlichkeitsanteile im dreistelligen Bereich aufweist. Da die interviewte Person anonym bleiben möchte, wurde sie auf eigenen Wunsch mit ihrem Instagram-Namen Discovered Minds angesprochen.

Triggerwarnung:

Organisierte Gewalt, Kindheitstraumata, Selbstverletzungen

Frau mit Locken und Tätowierungen, die ein glitzerndes Oberteil trägt, lächelt vor einem blauen Hintergrund.

Interview: Diana Ringelsiep

Dissoziative Identitätsstörung: Was bedeutet es, viele zu sein?

Hi, ich freue mich sehr, dass ihr da seid und ich kann mir vorstellen, dass das Pluralpronomen bei einigen Zuschauer*innen bereits zu einem ersten Irritationsmoment führt. Denn ich sage bewusst »ihr«, obwohl mir nur ein Körper gegenübersitzt. Wir sprechen heute über das Thema Dissoziations- und Identitätsstörung. Das heißt, in eurem Körper gibt es zahlreiche Persönlichkeitsanteile – ihr seid viele. Deshalb vorab: Mit wem spreche ich jetzt gerade?

Das ist bei uns immer schwer zu sagen, da es oft ein fließender Übergang ist. Es ist auch nicht immer ganz deutlich, wer gerade vorne ist. Manchmal ist man auch ein bisschen mit dabei, ohne den Körper aktiv steuern zu können.

Spannend. Fangen wir doch damit an, wie es überhaupt dazu kam und mit welchen Herausforderungen ihr im Alltag umgehen müsst. Und im zweiten Teil des Interviews können wir dann auch euren Partner Julian dazu holen.

Sehr gerne.

DIS verstehen: Was du wissen solltest

  • DIS steht für Dissoziative Identitätsstörung
  • Betroffene erleben sich nicht nur als eine einheitliche Identität
  • Verschiedene Persönlichkeitsanteile können Erinnerungen, Gefühle und Aufgaben tragen
  • Wechsel sind für Außenstehende nicht immer sichtbar
  • DIS steht häufig im Zusammenhang mit schweren, wiederholten Traumatisierungen
  • Viele Betroffene lernen früh, im Alltag zu funktionieren und sich zu maskieren

Wichtig: DIS ist keine „gefährliche gespaltene Persönlichkeit“, sondern eine komplexe Traumafolgestörung und Überlebensstrategie.

DIS und Trauma: Wenn Dissoziation zur Schutzreaktion wird

Eine Dissoziative Identitätsstörung, kurz DIS, wird in der Regel durch ein Trauma ausgelöst. Kann man bei euch zurückverfolgen, was für ein Trauma das war?

Ganz zurückverfolgen kann man das nicht, weil es nicht nur ein Trauma war, sondern eine fortlaufende Traumatisierung, die sich immer wieder wiederholt hat. Bei der Dissoziativen Identitätsstörung stecken meistens chronische Traumata in der frühesten Kindheit dahinter. Meist passiert das bis zum fünften oder sechsten Lebensjahr, was dazu führt, dass sich die Persönlichkeit nicht integrieren kann.

Also handelt es sich um einen Prozess, der über mehrere Jahre stattgefunden hat?

Ja, durch unsere gesamte Kindheit hindurch. Und diese frühen, prägenden Erfahrungen haben dazu geführt, dass wir eine DIS entwickelt haben.

Magst du sagen, was damals passiert ist?

Wir haben organisierte Gewalt erlebt, die nicht von einem Einzeltäter ausgeübt wurde, sondern von einer Tätergruppe. Das nennt sich Programmierung, das heißt, die Täter wussten, dass dabei eine DIS entstehen kann. Sie verfügten über psychologisches und medizinisches Wissen und haben sie bewusst hervorgerufen, indem sie uns gezielt traumatisiert haben.

War euch schon immer bewusst, dass ihr viele seid?

Das kommt tatsächlich sehr darauf an, wen man fragt. Es gibt Personen bei uns, die wussten schon immer, dass wir viele sind. Andere Personen, zum Beispiel diejenigen, die den Alltag managen, wussten das lange Zeit nicht. Sie wussten auch nicht, dass wir Trauma erlebt haben und sind aus allen Wolken gefallen, als sie davon erfahren haben.

Wie haben die denn davon erfahren?

Psychische Probleme haben wir seit unserer Jugend: Depressionen, Angststörungen und ein allgemeines Unwohlsein. Die Alltagspersonen konnten das aber nie zuordnen. Sie haben sich eher gefragt: Was ist falsch mit mir? Warum geht es mir so schlecht? Irgendwann kamen dann erste kleine Erinnerungen hoch, auch an die Missbrauchserfahrungen in der Kindheit. Daraufhin wurde uns eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) diagnostiziert. Die richtigen Symptome der DIS sind erst im frühen Erwachsenenalter aufgetreten. Damals haben wir erstmals Stimmen wahrgenommen und Zeitlücken bemerkt, weil wir uns nicht an alles erinnern konnten, was im Alltag passiert ist. Wir hatten das Gefühl, ständig die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren. Es gab zum Beispiel Selbstverletzungen, an die sich die Alltagspersonen nicht erinnern konnten. Und natürlich ist man auch immer wieder auf Sachen angesprochen worden, die man offensichtlich nicht mitbekommen hatte. Das war sehr beängstigend.

Ihr habt ja bestimmt nach Erklärungen dafür gesucht. Wie habt ihr euch diese Vorfälle erklärt?

Also was die Vergesslichkeit betrifft – wir haben einfach gedacht, dass wir verpeilt sind. Das kannten wir bereits, weil wir schon im Kindesalter vergesslich waren. Erwachsene haben uns oft als »verpeilt« oder »verträumt« bezeichnet, ohne sich etwas dabei zu denken. Und als die Stimmen dazukamen, haben wir tatsächlich gedacht, dass wir psychotisch sind oder eine Schizophrenie entwickelt haben. Doch als wir uns näher mit diesen Erkrankungen beschäftigten, war schnell klar, dass das keine Wahnvorstellungen sind.

Dissoziation erkennen: mögliche Warnzeichen ernst nehmen

  • Zeitlücken oder Blackouts im Alltag
  • Erinnerungslücken an Gespräche, Termine oder Handlungen
  • Das Gefühl, den Körper nicht steuern zu können
  • Innere Stimmen oder innere Kommunikation ohne Wahncharakter
  • Starke Reaktionen auf Trigger wie Gerüche, Geräusche, Farben oder Worte
  • Selbstverletzung oder Handlungen, an die keine Erinnerung besteht
  • Begleitende Beschwerden wie Angst, Depressionen oder PTBS-Symptome

Wichtig: Solche Erfahrungen sollten ernst genommen und fachlich abgeklärt werden. Eine Diagnose gehört in die Hände traumainformierter Fachpersonen.

Wenn die Alltagspersonen die letzten waren, die von dem Trauma erfahren haben, und sie dementsprechend auch weiterhin gut funktionierten, hat die DIS ihre »Schutzfunktion« ja ziemlich gut erfüllt, oder?

Definitiv, wir haben funktioniert. Selbst, als wir bereits weitere psychische Erkrankungen entwickelt hatten und nicht mehr stabil waren, konnten wir noch den Großteil unseres Lebens bewältigen.

Im frühen Erwachsenenalter sind erstmals Zeitlücken aufgetreten, weil wir uns nicht an alles erinnern konnten, was im Alltag passiert war – aber wir dachten, wir sind halt verpeilt.

DIS-Symptome: Zeitlücken, Stimmen und der Weg zur Diagnose

Wie kam es dann zur Diagnose?

Die Diagnose wurde von unserer ehemaligen Therapeutin gestellt, beziehungsweise erst mal der Verdacht. Sie hatte uns eine Weile in der Therapie beobachtet und unter Berücksichtigung unserer Vorgeschichte bemerkt, dass wir in ähnlichen Situationen nicht immer gleich reagierten. Die Diagnose haben wir schließlich aufgrund weiterer Beobachtungen in einer stationären Therapie erhalten. Später haben wir auch noch eine Diagnostik anhand eines Fragebogens gemacht, den die Therapeutin mit uns durchgegangen ist. Dabei hat sich auch noch mal alles bestätigt.

Inwiefern hat die Diagnose euren Alltag verändert?

Im ersten Moment gar nicht so viel. Wir Alltagspersonen konnten das gar nicht richtig glauben und haben die Diagnose sehr lange angezweifelt. Das heißt, wir haben genauso weitergelebt wie vorher. Gegen die Diagnose konnten wir ja nichts machen, aber mit den anderen Personen wollten wir nichts zu tun haben. Wir haben sie als Eindringlinge betrachtet, die unser Leben stehlen wollen und nur Probleme machen. Erst viele Jahre später fingen wir an, miteinander ins Gespräch zu kommen. Denn dieses Zusammenleben funktioniert nicht, wenn die Alltagspersonen versuchen, ein normales Leben zu führen, indem sie alle anderen wegdrängen.

Dissoziation im Körper: Lähmungen, Bewegungsstörungen und Trigger

Irgendwann sind ja auch Bewegungsstörungen und sogar Lähmungserscheinungen dazukommen. Was hat es damit auf sich?

Manche Innenpersonen können nicht laufen, weil sie beispielsweise immer in Situationen vorne waren, wenn die Beine medikamentös gelähmt waren. Das war auch der Zweck: Die Täter wollten nicht, dass diese Personen laufen lernen. Wenn das heute ausgelöst wird, sind wir dauerhaft auf die Hilfe von anderen Menschen angewiesen – in der Regel auf die unseres Partners, der uns dann pflegen und tragen muss. Wir haben inzwischen auch einen Rollstuhl, den wir nutzen können. Was die Bewegungsstörung betrifft, da sind wir uns noch nicht ganz sicher, wodurch genau diese auslöst wird. Wenn wir sehr getriggert sind, kann es eben passieren, dass diese Störungen auftreten und wir unseren Körper nicht mehr koordinieren können. Wir können dann nicht mehr richtig laufen, die Beine schlackern nur so herum und das tut auch sehr weh, weil die Muskeln und Gelenke dabei ziemlich strapaziert werden.

Habt ihr eine Vorstellung davon, wie viele Persönlichkeitsanteile euer System hat?

Ja, wir haben eine ungefähre Vorstellung, aber für uns spielt das tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle. Es ist nicht relevant, wie viele man ist. Die Anzahl der Persönlichkeitsanteile steht auch nicht stellvertretend dafür, wie viel Trauma man erlebt hat, weil das von System zu System unterschiedlich sein kann. Das hängt mit vielen Faktoren zusammen. Wir wissen, dass wir im dreistelligen Bereich liegen, aber kennen keine konkrete Zahl.

Du hast gerade schon die sogenannten Alltagspersönlichkeiten erwähnt, die in ungewohnten Situationen wie jetzt gut funktionieren. Sind diese Personen öfter vorne als andere? Und wie entscheidet sich, wer nach vorne darf?

Früher war es definitiv so, dass Alltagspersonen größtenteils vorne waren. Da gab es nur wenige Wechsel, um normal funktionieren zu können und nicht aufzufallen. Inzwischen ist es ein bisschen anders. Es gibt sogar relativ viele Wechsel und es sind auch nicht mehr nur klassische Alltagspersonen vorne, sondern auch welche, die die Traumata miterlebt haben. Das hat sich im Laufe der Heilung und der Innenarbeit im Rahmen der Therapie so entwickelt. Mittlerweile sind wir auch anfälliger dafür, dass Trigger zu uns durchdringen. Ein Wechsel wird ja immer durch etwas Bestimmtes ausgelöst. Meistens sind es Reize von außen, die uns an das Trauma erinnern. Es kann aber auch sein, dass eine bestimmte Person eine Aufgabe im Außen ausführen muss und deshalb gezielt nach vorne kommt.

Kann man grob sagen, wie oft solche Wechsel stattfinden? Passiert das mehrmals am Tag oder eher einmal pro Woche?

Also bei uns ist es nicht so, dass einzelne Personen über einen längeren Zeitraum vorne bleiben. Das kann sich aber von System zu System unterscheiden. Bei uns passieren Wechsel sehr schnell und oft, daher können wir nicht sagen, wie viele es am Tag sind. Wir zählen nicht mit.

Und wie fühlt sich ein Wechsel körperlich an?

Unterschiedlich. Also ich, als Alltagsperson, bin dann einfach weg. Ich kriege das oft gar nicht richtig mit und habe entweder einen Blackout – also kein Bewusstsein für die Zeit, in der ich nicht vorne bin – oder ich bin im Bewusstsein. Das heißt, ich kriege noch mit, was passiert, kann aber den Körper nicht mehr steuern und keinen Einfluss auf die Situation nehmen. Andere beschreiben es so, dass ihnen schwindelig wird oder dass es sich anfühlt, als würden sie unter Wasser gedrückt. Wieder andere sagen, dass sie weggerissen werden, als würden sie ohnmächtig werden. Das ist von Person zu Person verschieden.

Du hast du gerade bereits Trigger erwähnt, die zu einem plötzlichen Wechsel führen können. Wie sehen die typischen Trigger in eurem Alltag aus?

Das können Gerüche oder Geräusche sein, aber auch bestimmte Worte oder eine Farbe – im Grunde kann es alles sein. Auf Außenstehende wirkt ein Trigger oft komplett normal, doch in unserem System schafft er es, einen Persönlichkeitswechsel auszulösen.

Trigger im Alltag

  • Trigger können Gerüche, Geräusche, Farben, Worte oder Situationen sein
  • Sie erinnern das Nervensystem an frühere traumatische Erfahrungen
  • Ein Trigger kann Dissoziation, Panik, Flashbacks oder Wechsel auslösen
  • Für Außenstehende wirken Trigger oft unsichtbar oder alltäglich
  • Routinen, Skills, Notfallpläne und sichere Bezugspersonen können stabilisieren

Tipp: Trigger sind individuell. Hilfreich ist nicht Bewertung, sondern ein ruhiges, ernstnehmendes Nachfragen, was gerade Unterstützung geben könnte.

Wissen immer alle Anteile, was die anderen erlebt haben oder gibt es auch welche, die gar nichts von der Außenwelt mitbekommen?

Viele von uns haben komplette Amnesien, das heißt, wenn sie nicht selbst vorne sind, kriegen sie auch nichts vom Alltag mit. Es gibt aber auch Personen, die ständig im Bewusstsein sind und eine Beobachterposition einnehmen – diejenigen wissen quasi alles, was draußen passiert. Und bei uns Alltagspersonen ist es mal so, mal so. Wir sind zwar häufig im Bewusstsein, aber es gibt auch Zeiten, die uns komplett fehlen.

Leben mit DIS: Alltag, Zeitlücken und Persönlichkeitsanteile

Zu welchen Herausforderungen führt das im Alltag?

Es gibt viele Situationen, in denen wir Erinnerungslücken haben. Das ist uns immer unfassbar peinlich, vor allem, wenn wir das selbst nicht wahrnehmen. Außenstehenden fällt meistens zuerst auf, dass wir etwas nicht wissen, woran wir uns aber erinnern müssten. Das ist sehr schambehaftet für uns und passiert ständig. Manchmal ist man zum Beispiel überzeugt davon, etwas Bestimmtes eingekauft zu haben, aber das ist nie passiert. An anderen Tagen war man tatsächlich einkaufen und fragt sich abends: »Woher kommt das?« Außerdem verlegen wir hundertmal am Tag das Handy, weil es jede Person woanders hinlegt. Es kommt aber auch vor, dass wir wichtige Termine vergessen. Früher ist uns das häufig passiert, inzwischen behält zum Glück unser Partner den Kalender im Blick – denn es gibt auch Personen bei uns, die Termine löschen, auf die sie keine Lust haben. Und dann klingelt plötzlich das Telefon und wir kommen in Erklärungsnot.

Wir alle müssen im Alltag zahlreiche Entscheidungen treffen, zum Beispiel, was wir anziehen oder später zum Abendbrot essen. Aber es gibt ja auch weitreichendere Entscheidungen. Beispielsweise, ob ich mir die Haare rot färbe oder das Wohnzimmer grün streiche – womit in eurem Fall ja alle leben müssten. Geratet ihr dabei manchmal aneinander?

Also einig sind wir uns eigentlich nie, es gibt immer jemanden, der unzufrieden ist. Aber wir haben inzwischen gelernt, damit umzugehen. Weitreichende Entscheidungen treffen meistens die Alltagspersonen, weil viele andere auch gar nicht die Lebenserfahrung haben, bestimmte Entscheidungen treffen zu können. Natürlich fragt unser Partner manchmal auch verschiedene Personen, was ihre Meinung zu einer Sache ist, damit wir ein Stimmungsbild aus dem System bekommen. Aber wir können nicht immer alle miteinbeziehen, das würde zu viel Zeit und Kraft kosten. Kleine Alltagsentscheidungen, bezüglich des Outfits oder des Essens darf jede Person für sich selbst treffen. Wenn sich die nächste Person nach einem Wechsel nicht wohl in den Sachen fühlt, kann sie sich ja umziehen. Aber das kommt eher selten vor.

Euer Alltag ist sehr strukturiert, aber ihr macht auch krasse Reisen. Letztes Jahr seid ihr zum Beispiel mit eurem Partner in Thailand gewesen. Welche Herausforderungen – im Positiven und im Negativen – bringt so eine Reise mit sich?

Das Reisen ist auf der einen Seite super heilsam für uns, weil wir innerhalb kürzester Zeit sehr viele neue Erfahrungen sammeln und diese unterwegs auch ganz anders aufnehmen können. Zu Hause sind mit vielen Erlebnissen Traumareaktionen und negative Erinnerungen verbunden. Deshalb fällt es uns im Alltag oft schwer, nicht komplett weggetreten zu sein, weil wir viel dissoziieren – also nicht alles mitbekommen. Im Urlaub ist das weniger der Fall. Aber es ist natürlich auch eine große Herausforderung für uns, unser vertrautes Umfeld und unsere Routinen zu verlassen, denn Struktur gibt uns Sicherheit. Diese Reisen sind nur möglich, weil unser Partner dabei ist. Wir sagen deshalb auch immer, dass er unser Zuhause ist. Dazu muss allerdings gesagt sein, dass uns der Umgang mit triggernden Situationen im Urlaub sehr schwerfällt. Es ist schon häufiger vorgekommen, dass wir komplett aufgelöst waren und unseren Partner angefleht haben, mit uns nach Hause zu fliegen. Es hat seine Vor- und Nachteile.

Gibt es eigentlich bestimmte Fähigkeiten – wie Fremdsprachen oder Schwimmen – die manche Persönlichkeitsanteile beherrschen und andere nicht?

Das hängt davon ab, was die betreffende Person in der Vergangenheit gelernt hat. Es gibt zum Beispiel viele bei uns, die nicht lesen oder schreiben können. Das ist eine große Einschränkung für diese Personen, aber wir haben nicht die Zeit, dass allen beizubringen. Auch Schwimmen oder Fahrradfahren können nicht alle, aber der Vorteil bei physischen Fähigkeiten ist das Körpergedächtnis. Es lernt sich leichter, was der Körper schon kann, weil die Bewegungsabläufe bereits gespeichert sind. Die Personen müssen dann nur lernen, die Bewegungen bewusst umzusetzen.

In der Popkultur werden wir immer wieder stigmatisiert. Gerade bekannte Filme wie >Split<, in denen die DIS als etwas Böses oder Bedrohliches dargestellt wird, tragen zu Vorurteilen bei.

DIS in Filmen und Serien: Warum falsche Bilder stigmatisieren

Auch popkulturell wird die DIS sehr gerne aufgegriffen. Ich denke da zum Beispiel an Hollywood-Filme wie »Split« etc. Was haltet ihr von so narrativen Darstellungen?

Das ist tatsächlich sehr schwierig für Betroffene, weil wir deshalb immer wieder stigmatisiert werden. Gerade bekannte Filme wie »Split«, in denen die DIS als etwas Böses oder Bedrohliches dargestellt wird, tragen zu Vorurteilen bei. Außerdem bewegen sich diese Filme fernab der Realität. Die Dissoziative Identitätsstörung ist eine Traumafolgestörung. Es gibt keine bösen Persönlichkeiten, die obendrein Serienmörder sind. Jede Persönlichkeit entsteht aus einem bestimmten Grund und aufgrund eines bestimmten Traumas, um zu überleben. Und es ist ermüdend, aufgrund solcher Filme immer wieder die gleichen Fragen gestellt zu bekommen und immer wieder mit denselben Vorurteilen konfrontiert zu werden. Deswegen ist es unserer Meinung nach auch so wichtig, dass sich immer mehr Betroffene öffentlich zu Wort melden, die Einblicke in ihren Alltag geben und darauf aufmerksam machen, dass diese Narrative falsch sind.

Therapie bei DIS: Traumatherapie, EMDR, DBT und Versorgungslücken

Welche therapeutischen oder medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Spezielle Medikamente gegen die Symptome einer DIS gibt es nicht, lediglich unterstützende Arzneimittel, wie beispielsweise Antidepressiva oder angstlösende Medikamente, sofern ein Bedarf besteht. Generell sind Medikamente bei einer DIS mit Vorsicht zu genießen, weil jede Person des Systems anders auf ein Medikament regieren kann. Das heißt, bei der einen Person kann es bereits in niedriger Dosierung sehr stark wirken, während eine andere Person eine viel höhere Dosierung bräuchte, um überhaupt eine Wirkung zu spüren. Teilweise kommt es auch zu paradoxen Wirkungen, was die medikamentöse Einstellung oft sehr schwierig macht. Die meisten machen daher eine Psychotherapie, um traumatherapeutisch zu arbeiten. Wir haben die besten Erfahrungen mit Therapeutinnen und Therapeuten gemacht, die viele verschiedene Techniken zur Verfügung haben, weil nicht jede Person von uns auf dieselbe Technik anspringt. Manche sind sehr kognitiv veranlagt, da funktioniert DBT ganz gut. Andere sind eher emotional veranlagt, weshalb für sie EMDR besser passt. Je vielschichtiger die Therapie, desto eher kann sie unserem System helfen.

Therapie bei DIS

  • Im Mittelpunkt steht meist eine traumatherapeutische Psychotherapie
  • Wichtige Ziele sind Stabilisierung, Sicherheit und bessere innere Kommunikation
  • DBT kann bei Gefühlsregulation und Krisenbewältigung unterstützen
  • EMDR kann bei Traumaverarbeitung eingesetzt werden, sollte aber fachkundig begleitet sein
  • Medikamente können Begleitsymptome lindern, heilen DIS aber nicht direkt
  • Jeder Heilungsweg ist individuell und braucht Zeit

Wichtig: Therapie sollte traumasensibel, stabilisierend und an das jeweilige System angepasst sein. Druck oder Überforderung können kontraproduktiv sein.

Der staatliche »Fonds Sexueller Missbrauch« ist 2025 eingestellt worden und auch für dieses Jahr sind keine neuen Fördermittel zur Therapiefinanzierung geplant. Daher kommen aktuell immer mehr Betroffene an ihre Grenzen – ist das für euch auch ein Problem?

Für uns persönlich aktuell noch nicht, aber das wird in der Zukunft zu einem Problem werden. Das ist für viele Betroffene ein krasser Tiefschlag gewesen, weil sie im Regen stehengelassen wurden – ohne jegliche Hilfe. Im schlimmsten Fall bedeutet das für einige, dass sie nicht überleben werden, weil das ohne Hilfe kaum zu schaffen ist. Es gibt sowieso schon zu wenig Therapieplätze. Und wenn man endlich einen gefunden hat und nach zwei Jahren keine Finanzierung mehr bekommt, ist das für viele Betroffene eine Katastrophe. Vor allem, weil du in der Therapie im besten Falle auch die schwierigen Themen deines Traumas aufarbeitet. Das heißt, du bringst dort schwerwiegende Erfahrungen ans Licht – und es wird immer erst mal schlimmer, bevor eine Verbesserung eintritt. Im schlimmsten Fall werden Betroffene dann mit vielen offenen Wunden fallengelassen, die nicht mehr versorgt werden können.

DIS und Beziehung: Partnerschaft mit einem System

Umso wichtiger ist es, dass ihr einen Partner an eurer Seite habt – und deshalb holen wir jetzt Julian dazu, um abschließend noch über euren gemeinsamen Alltag zu sprechen.

(Julian nimmt Platz.)

Schön, dass du da bist, Julian. Erzähl doch mal, wie seid ihr zusammengekommen?

Hallo erst mal. Ja, wir haben uns tatsächlich, wie in der heutigen Zeit üblich, per Onlinedating kennengelernt.

Wusstest du von Anfang an von der DIS, oder wann hast du davon erfahren?

Nein, ich wusste nicht davon. Das wurde mir erst ein oder zwei Monate später von einer anderen Person gesteckt, die zu dem Zeitpunkt gerade vorne war. Ich war natürlich wütend, weil mir das verheimlicht worden war. Denn ich finde schon, dass das etwas ist, was man vorher wissen sollte. Doch je mehr Zeit verstrichen ist, desto mehr habe ich verstanden, dass es eben auch Zeit braucht, sich dahingehend zu öffnen. Anfangs war ich eher abwehrend und wollte damit nichts zu tun haben. Für mich war das nur eine Person und ich habe abgestritten, dass da noch mehr sind, weil ich das nicht in meinem Leben haben wollte. Ich wollte eine Partnerin und nicht viele.

Hat es euch verletzt, dass euer Partner so dicht gemacht hat?

Ja und nein. Wir Alltagspersonen hatten dafür mehr Verständnis als andere Innenpersonen, weil wir diesen Prozess ja selbst durchgemacht haben. Uns ist aufgefallen, dass Außenstehende oft einen ähnlichen Prozess durchmachen wie die Betroffenen selbst. Als wir von der Diagnose erfahren haben, waren wir auch erst mal überfordert und sind in eine Abwehrhaltung verfallen. Also haben wir Julian Zeit gegeben. Natürlich wussten wir: Wenn das jetzt dauerhaft so bleibt und keine Akzeptanz eintritt, müssen wir uns die Frage stellen, ob die Beziehung überhaupt Sinn macht. Aber wir haben ihm die Zeit eingeräumt, weil wir wussten, dass das nicht so einfach ist. Außerdem befanden wir uns damals in einer sehr schwierigen Lebenslage und waren froh, dass er trotzdem eine Vertrauensperson für uns war.

Wie ist das denn überhaupt? Julian, bist du mit allen in einer Liebesbeziehung oder nur mit einem Persönlichkeitsanteil?

Zusammen bin ich tatsächlich nur mit Daily. Das ist eine der Alltagspersonen des Systems. Die anderen sind, je nach Altersstufe, eher Kumpels. Und die Kiddies sehen in mir einen großen Bruder. Also ja, die Liebesbeziehung führe ich nur mit Daily.

Wie kam es dazu, dass du die DIS letztendlich doch akzeptiert hast?

Geändert hat sich das kurz darauf in der Weihnachtszeit. Wir wollten dekorieren und ich war gerade dabei, Fensterbilder aufzukleben, als sich plötzlich irgendwas veränderte. Und dann bemerkte ich ein Kind, beziehungsweise eine kindliche Persönlichkeit. Es stand einfach da und beobachtete mich. Keine Ahnung, warum, aber in dem Moment hat es in meinem Kopf »Klick« gemacht und ich habe das Kind eingeladen, mir zu helfen. Das war der Startschuss für unser neues Leben. Weihnachten haben wir dann tatsächlich schon mit mehreren Personen gefeiert.

Ihr seid damals auch schnell zusammengezogen. Welche Alltagsherausforderungen haben das »Outing« und euer Zusammenleben mit sich gebracht?

Viele, aber ich weiß gar nicht, ob es mehr Herausforderungen waren als vorher, weil es anfangs einfach sehr unentspannt war. Er hat ja gemerkt, das irgendetwas nicht stimmt und es gab viele Situationen, die für ihn nicht erklärbar waren. Wir haben hingegen immer versucht, uns zusammenzureißen, aber das hat nicht gut funktioniert. Als Julian dann Bescheid wusste, haben sich die Herausforderung geändert. Er musste noch einige Personen kennenlernen und sich ständig auf jemand anderen einstellen, das brauchte einfach Zeit. Wir sind schließlich alle unterschiedlich und alle mit einem anderen Erfahrungshintergrund in die Beziehung gekommen. Ich glaube, die größte Herausforderung war zu dem Zeitpunkt die Selbstverletzung. Julian musste erst lernen, einen Umgang damit zu finden und realisieren, dass wir das als System nicht bewusst beeinflussen können. Daher ist es beispielsweise auch nicht hilfreich, wütend auf die Person zu sein, die das macht. Im Gegenteil, da hilft meist nur Verständnis.

Julian, du musst in dieser Beziehung deutlich mehr Verantwortung übernehmen, als du es wahrscheinlich aus deinen vorherigen Beziehungen kennst – vom Terminkalender bis hin zu den pflegebedürftigen Tagen deiner Beziehungspersonen. Wie bist du damit umgegangen?

Anfangs war ich noch in der Ausbildung, aber die habe ich dann abgeschlossen, woraufhin ich zunächst Vollzeit in meinen Beruf eingestiegen bin. Leider haben wir schnell gemerkt, dass das nicht funktioniert. Ich kann mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren und zu Hause jemanden haben, auf den ich aufpassen muss. Wir haben dann für uns entschieden, dass es so nicht weitergehen kann und ich habe meine Stelle auf 50 Prozent reduziert. Da ich im Schichtdienst gearbeitet habe, musste ich schließlich auch die Nachtschichten einstellen, damit ich nachts – wenn es oft am schlimmsten ist – zu Hause sein kann. Aber auch das hat auf Dauer nicht funktioniert, sodass ich am Ende meinen eigentlichen Job aufgeben musste.

Wir hatten eingangs ja schon mal das Thema »Systeminterne Konflikte«. Wie ist das in puncto Beziehung? Sind alle Persönlichkeitsanteile mit eurer Liebe einverstanden? Oder gibt es auch welche, die Julian nicht leiden können?

Ja, die gibt es. Aber es wissen auch gar nicht alle, dass wir eine Beziehung mit Julian haben. Viele gehen davon aus, dass wir noch immer im Umfeld der organisierten Gewalt leben, aus dem wir kommen. Diese Personen sind schockiert, wenn sie das erste Mal nach Jahren im Außen sind und realisieren, dass sich alles verändert hat. Das löst oft Angst und Abwehr aus. Und es gibt natürlich auch Innenpersonen, die nicht wollen, dass wir eine positive Beziehung führen und deshalb regelrechte Manipulations- oder Sabotage-Versuche starten. Aber da wir sehr offen kommunizieren und gemeinsam nach Lösungen suchen, hat es bisher eigentlich immer funktioniert. Mit der Zeit lassen sich die meisten auf das Zusammenleben ein.

Und wie kann so eine Sabotage aussehen?

Die Selbstverletzung ist so ein Beispiel, das für eine Weile ein massives Problem war und immer mal wieder ein Thema ist, weil die betreffenden Personen wissen, dass das eine krasse Belastung für unsere Beziehung darstellt.

Wie oft ist Daily überhaupt anwesend, also wie viel Zeit könnt ihr als Paar miteinander verbringen?

Aktuell sind es vielleicht zwei bis drei Stunden pro Tag. Wir verbringen meistens den Morgen zusammen und dann haben wir abends noch mal ein bisschen Zeit.

Und wie verbringst du, Julian, die Zeit mit den anderen Anteilen? Gibt es zum Beispiel Hobbys, die du nur mit bestimmten Persönlichkeitsanteilen teilst?

Ja, das ist tatsächlich so. Die Teenies sind eher beim Thema Zocken dabei. Das war auch mein großes Hobby in dem Alter, ich habe damals stundenlang vorm Computer gesessen, deshalb freue ich mich, dass sich einige dafür begeistern können. Andere gucken gerne Filme – manche lieben Dinosaurier-Filme, andere stehen auf Horror, da finden wir schon immer das Passende. Manchmal spielen wir auch Gesellschaftsspiele, einige der kleineren Kinder mögen zum Beispiel Uno.

Ihr lebt inzwischen seit zweieinhalb Jahren zusammen. Wie sieht das Verhältnis zu euren Familien und Freund*innen aus – bekommt ihr im Alltag Unterstützung aus eurem Umfeld?

Schwieriges Thema. Vor allem für sie ist es schwer, neue Personen kennenzulernen und Vertrauen aufzubauen. Es hat auch einige Zeit gedauert, bis wir meiner Familie alles erzählt haben. Tatsächlich wissen es immer noch nicht alle. Ich sage mal so: Es ist ausbaufähig.

Dasselbe gilt für Freundschaften: es ist schwierig, aber nicht unmöglich. Wir haben ein paar wenige Freunde, für die wir sehr dankbar sind. Aber wir lassen nur wenige Menschen in unser Leben. Das hat Schutzgründe. Auf der einen Seite, weil man nie wissen kann, wer diese Menschen sind. Auf der anderen Seite, weil wir uns auch nicht gerne in die klassischen sozialen Situationen begeben, in denen man neue Leute kennenlernt. Menschengruppen mögen wir gar nicht, deshalb würden wir dort auch niemals Freundschaften schließen, weil wir sehr zurückgezogen sind.

DIS-Aufklärung: Social Media, innere Kommunikation und Sichtbarkeit

In den Sozialen Medien geht ihr hingegen sehr offen mit der DIS um. Ihr teilt dort euren Alltag mit allen Herausforderungen. Warum habt ihr euch entschieden, das zu tun?

Ich glaube, wir haben uns nicht wirklich dazu entschieden. Es gab zumindest nie einen Moment, in dem wir gesagt haben: »Jetzt starten wir durch und machen Aufklärungsarbeit«. Es hat sich mit der Zeit entwickelt. Damit angefangen haben wir in der stationären Therapie, weil wir den Menschen zeigen wollten, dass das Leben nicht vorbei ist, wenn man diesen Schritt geht. Denn vor der Psychiatrie haben viele Menschen große Angst. Irgendwann haben wir dann auch über die DIS gesprochen, anfangs noch sehr wenig, aber dann kamen immer mehr Fragen von Zuschauern, die wir beantwortet haben. Letztes Jahr ist Julian dann mit eingestiegen. Das ist ja auch viel Arbeit, aber inzwischen haben wir eine Routine entwickelt. Es gibt viele Menschen, die sich für unsere Themen interessieren und vielleicht können wir so tatsächlich zu mehr Aufklärung beitragen. Wir retten damit vielleicht nicht die Welt, aber wir können zumindest bei einigen Leuten das Bewusstsein für psychische Erkrankungen schärfen.

Ihr habt ja auch eine sehr große Reichweite. Habt ihr nicht manchmal Angst, dass eine der Personen online etwas erzählt, über das die anderen am nächsten Tag die Hände über dem Kopf zusammenschlagen?

Bei Live-Videos ja, das dürfen auch nicht alle von uns machen. Und für die normalen Videos gibt es klare Regeln. Es dürfen zum Beispiel nur ein paar ausgewählte Personen daran mitwirken – ein Bruchteil unseres Systems. Diese Personen können Verantwortung übernehmen und auch ihr Verhalten reflektieren. Für den Schnitt und das Hochladen sind sowieso ausschließlich Alltagspersonen verantwortlich. Außerdem guckt sich auch unser Partner jedes Video an, bevor es veröffentlicht wird – denn vier Augen sehen mehr als zwei.

Könnt ihr ihr innerhalb eures Systems auch untereinander kommunizieren? Welche Wege gibt es dafür?

Verschiedenste. Einige können innerlich kommunizieren, wie zwei Personen, die sich unterhalten. Aber inzwischen ist auch unser Partner ein wichtiges Kommunikationswerkzeug. Er bekommt regelmäßig Nachrichten übermittelt, die er weitergeben muss. Das berühmte Stille-Post-Prinzip. Teilweise kann man auch etwas aufschreiben und Notizen hinterlegen, aber das ist manchmal schwierig, weil eben nicht alle Lesen und Schreiben können. Für manche Personen ist es aber wichtig, ihre Gedanken aufzuschreiben. Julian darf das meist auch lesen, dadurch hat er viel über uns gelernt. Mit manchen Themen oder Problemen wären wir damals nie zu ihm gegangen, aber wenn wir es aufgeschrieben haben, hat er uns ein bisschen besser verstanden.

Dissoziative Identitätsstörung: Was Betroffene und Angehörige wissen sollten

Abschließend würde ich euch gerne beide noch fragen, was ihr anderen Betroffenen und Angehörigen mit auf den Weg geben möchtet?

Betroffenen, die gerade erst ihre Diagnose erhalten haben, können wir nur sagen: Lasst euch Zeit. Es ist okay, Zweifel zu haben. Es ist okay, damit nicht klarzukommen. Und es ist okay, überfordert zu sein. Setzt euch nicht unter Druck, jeder Heilungsweg verläuft anders und es gibt an der Stelle kein Richtig oder Falsch. Und vor allem: Vergleicht euch nicht zu viel mit anderen Betroffen auf Social-Media. Jedes System ist individuell und es ist okay, wenn euer Weg vielleicht ganz anders ist als der von anderen.

Und an die Angehörigen: Hört zu und fragt aktiv nach. Vielen Persönlichkeitsanteilen fällt es schwer, von sich aus etwas zu erzählen. Man muss aktiv nachfragen, ob alles in Ordnung ist, ob es Probleme gibt oder ob irgendwo eine Hürde steht, die man gemeinsam aus dem Weg räumen kann. Unterstützt die betroffene Person in allen Belangen. Begleitet sie zu Arztbesuchen, lasst euch nichts gefallen und steht für eure Partnerin oder euren Partner ein. Aber der wichtigste Part ist das Zuhören und Ernstnehmen – macht euch zum Beispiel nicht darüber lustig, wenn plötzlich ein kleines Kind auftaucht.

Angehörige unterstützen: Was helfen kann

  • Zuhören und nachfragen, statt vorschnell zu bewerten
  • Persönlichkeitsanteile ernst nehmen und nicht lächerlich machen
  • Klare Absprachen, Routinen und Terminstruktur anbieten
  • Bei Triggern ruhig bleiben und Sicherheit vermitteln
  • Die betroffene Person zu Arzt- oder Therapieterminen begleiten, wenn gewünscht
  • Eigene Grenzen wahrnehmen und sich selbst Unterstützung holen
  • Bei akuter Gefahr den Notruf oder einen Krisendienst kontaktieren

Tipp: Unterstützung bedeutet nicht, alles allein tragen zu müssen. Auch Angehörige dürfen Beratung, Entlastung und professionelle Hilfe nutzen.

Vielen, vielen Dank euch beiden, beziehungsweise euch allen, dass ihr heute extra angereist seid. Ich wünsche euch alles Gute für die Zukunft und finde, ihr leistet wirklich wahnsinnig gute Aufklärungsarbeit. Weiter so!

Dissoziative Identitätsstörung-Glossar

Wichtige Begriffe erklärt

Buchstabe A

Amnesie

Amnesie bedeutet, dass Erinnerungen zeitweise fehlen oder nicht zugänglich sind. Bei einer Dissoziativen Identitätsstörung können solche Erinnerungslücken den Alltag betreffen, etwa Gespräche, Termine oder Handlungen. Betroffene erleben dann, dass Zeit vergangen ist, ohne dass sie wissen, was passiert ist. Das kann stark verunsichern und wird von Außenstehenden manchmal fälschlich als Vergesslichkeit verstanden.

Buchstabe B

Blackout

Ein Blackout beschreibt eine Zeitspanne, an die sich eine Person später nicht erinnern kann. Im Zusammenhang mit DIS kann ein Blackout auftreten, wenn ein anderer Persönlichkeitsanteil vorne war oder das Bewusstsein durch Dissoziation abgespalten wurde. Für Betroffene kann das beängstigend sein, besonders wenn sie anschließend auf Dinge angesprochen werden, die sie selbst nicht erinnern.

Buchstabe C

Coping

Coping beschreibt Strategien, mit denen Menschen belastende Situationen bewältigen. Bei DIS können dazu Routinen, Skills, Notizen, sichere Orte, therapeutische Techniken oder Unterstützung durch vertraute Personen gehören. Coping bedeutet nicht, dass alles leicht wird, sondern dass Betroffene Wege finden, mit Triggern, inneren Konflikten, Zeitlücken oder Stress im Alltag besser umzugehen.

Buchstabe D

Dissoziation

Dissoziation bedeutet, dass Erleben, Erinnerung, Körpergefühl oder Identität zeitweise voneinander getrennt wirken. Viele Menschen kennen leichte Formen, etwa Tagträumen. Bei einer DIS ist Dissoziation jedoch deutlich stärker ausgeprägt und kann mit Amnesien, Wechseln, inneren Stimmen oder dem Gefühl verbunden sein, den eigenen Körper nicht vollständig steuern zu können.

Buchstabe E

EMDR

EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing. Dabei werden belastende Erinnerungen in einem geschützten therapeutischen Rahmen neu verarbeitet. Bei komplexen Traumafolgen und DIS kann EMDR hilfreich sein, sollte aber sehr vorsichtig und nur durch erfahrene Fachpersonen eingesetzt werden. Stabilisierung und Sicherheit sind dabei besonders wichtig, damit Betroffene nicht überfordert werden.

Buchstabe F

Flashback

Ein Flashback ist ein intensives Wiedererleben traumatischer Erfahrungen. Betroffene können sich plötzlich fühlen, als wären sie wieder in der damaligen Situation, obwohl sie sich objektiv in Sicherheit befinden. Flashbacks können durch Trigger ausgelöst werden, etwa Geräusche, Gerüche, Worte oder Körperempfindungen. Sie sind keine Einbildung, sondern eine belastende Traumareaktion.

Buchstabe G

Gewalt

Viele Betroffene mit DIS berichten von schwerer, wiederholter Gewalt oder Vernachlässigung in der Kindheit. Die Dissoziative Identitätsstörung kann als Schutzreaktion entstehen, wenn ein Kind überwältigende Erfahrungen nicht anders verarbeiten kann. Wichtig ist eine sensible Sprache: Details von Gewalterfahrungen müssen nicht öffentlich erzählt werden, damit das Leid ernst genommen wird.

Buchstabe H

Heilungsweg

Der Heilungsweg bei DIS ist individuell und verläuft nicht geradlinig. Für manche Betroffene steht mehr Zusammenarbeit im inneren System im Vordergrund, für andere Stabilisierung, Traumabearbeitung oder ein sicherer Alltag. Heilung bedeutet nicht zwingend, dass alle Persönlichkeitsanteile verschwinden. Wichtiger kann sein, dass weniger Leid, mehr Sicherheit und mehr Selbstbestimmung möglich werden.

Buchstabe I

Innenpersonen

Innenpersonen oder Persönlichkeitsanteile sind Begriffe, mit denen viele Betroffene die unterschiedlichen Anteile ihres Systems beschreiben. Diese Anteile können verschiedene Erinnerungen, Gefühle, Aufgaben, Vorlieben oder Altersgefühle haben. Nicht alle wissen voneinander oder teilen dieselben Informationen. Ein respektvoller Umgang hilft, Stigmatisierung zu vermeiden und die Lebensrealität von Betroffenen ernst zu nehmen.

Buchstabe J

Jugend

Viele Betroffene erleben bereits in der Jugend psychische Beschwerden wie Depressionen, Ängste, Selbstverletzung, starke innere Anspannung oder das Gefühl, anders zu sein. Die DIS selbst wird jedoch oft erst später erkannt. Das liegt auch daran, dass Betroffene gelernt haben, im Alltag zu funktionieren und Symptome zu verbergen. Frühes Ernstnehmen kann helfen, passende Unterstützung zu finden.

Buchstabe K

Kindheitstrauma

Ein Kindheitstrauma kann entstehen, wenn Kinder über längere Zeit Gewalt, Vernachlässigung, Missbrauch oder andere überwältigende Erfahrungen erleben. Bei DIS geht es häufig nicht um ein einzelnes Ereignis, sondern um wiederholte Traumatisierungen in einer frühen Entwicklungsphase. Die Aufspaltung in verschiedene Anteile kann dann eine Überlebensstrategie sein, um Unerträgliches psychisch zu bewältigen.

Buchstabe L

Lähmungserscheinungen

Lähmungserscheinungen oder Bewegungsstörungen können bei schweren dissoziativen Zuständen auftreten. Betroffene können dann Körperteile zeitweise nicht richtig steuern, obwohl medizinisch nicht immer eine körperliche Ursache gefunden wird. Solche Symptome sind real und belastend. Sie sollten ärztlich und therapeutisch abgeklärt werden, besonders wenn sie plötzlich auftreten, Schmerzen verursachen oder den Alltag stark einschränken.

Buchstabe M

Maskieren

Maskieren bedeutet, Symptome oder innere Vorgänge nach außen zu verbergen. Viele Menschen mit DIS lernen früh, unauffällig zu funktionieren, damit Wechsel, Zeitlücken oder innere Konflikte nicht bemerkt werden. Das kann im Alltag schützen, ist aber anstrengend und kann dazu führen, dass die Belastung unterschätzt wird. Aufklärung kann helfen, diese unsichtbare Anstrengung sichtbar zu machen.

Buchstabe N

Notizen

Notizen können im Alltag eines Systems eine wichtige Hilfe sein. Sie ermöglichen Kommunikation zwischen Persönlichkeitsanteilen, erinnern an Termine oder halten wichtige Informationen fest. Manche Betroffene nutzen Tagebücher, Handy-Notizen, Kalender oder Nachrichten an vertraute Personen. Gleichzeitig funktioniert diese Strategie nicht für alle Anteile gleich gut, etwa wenn manche nicht lesen oder schreiben können.

Buchstabe O

Organisierte Gewalt

Organisierte Gewalt beschreibt Gewalterfahrungen, die nicht nur von einer einzelnen Person ausgehen, sondern von Gruppen, Netzwerken oder strukturierten Täterkreisen. Betroffene berichten häufig von massiver Kontrolle, Einschüchterung und schwerer Traumatisierung. Das Thema ist extrem belastend und sollte sensibel behandelt werden. Wichtig ist, Betroffene nicht zu drängen, Details zu erzählen, sondern Hilfe und Schutz ernst zu nehmen.

Buchstabe P

Persönlichkeitsanteile

Persönlichkeitsanteile sind unterschiedliche innere Zustände oder Identitäten, die bei einer DIS getrennt voneinander erlebt werden können. Sie können eigene Erinnerungen, Aufgaben, Gefühle, Stimmen, Körperempfindungen oder Vorlieben haben. Die Anzahl der Anteile sagt nichts darüber aus, wie „schwer“ ein Trauma war. Jedes System ist individuell und entwickelt eigene Formen des Zusammenlebens.

Buchstabe Q

Qualifikation

Qualifikation ist bei der Behandlung von DIS besonders wichtig. Betroffene brauchen Fachpersonen, die sich mit Trauma, Dissoziation und komplexen Schutzmechanismen auskennen. Nicht jede Psychotherapie ist automatisch für DIS geeignet. Hilfreich sind traumasensible Haltung, Stabilisierung, Geduld und Erfahrung mit dissoziativen Symptomen. Eine gute therapeutische Beziehung kann entscheidend für Sicherheit und Fortschritte sein.

Buchstabe R

Routinen

Routinen geben vielen Betroffenen mit DIS Sicherheit. Feste Abläufe, Kalender, wiederkehrende Rituale, klare Absprachen und vertraute Orte können helfen, den Alltag zu strukturieren. Gerade bei Zeitlücken, Triggern oder inneren Konflikten kann Struktur entlastend wirken. Gleichzeitig dürfen Routinen flexibel bleiben, weil unterschiedliche Anteile unterschiedliche Bedürfnisse haben können.

Buchstabe S

System

Viele Menschen mit DIS bezeichnen sich als System. Gemeint ist das Zusammenspiel verschiedener Persönlichkeitsanteile, die denselben Körper teilen und auf unterschiedliche Weise am Alltag beteiligt sind. Ein System kann sehr komplex sein und innere Kommunikation, Konflikte oder Kooperation erleben. Der Begriff hilft vielen Betroffenen, ihre Lebensrealität wertfrei und selbstbestimmt zu beschreiben.

Buchstabe T

Trigger

Trigger sind Reize, die traumatische Erinnerungen oder Körperreaktionen auslösen können. Das können Gerüche, Geräusche, Farben, Worte, Berührungen oder Situationen sein. Für Außenstehende wirken Trigger oft alltäglich, für Betroffene können sie jedoch Dissoziation, Flashbacks, Angst oder einen Wechsel auslösen. Hilfreich ist, Trigger ernst zu nehmen und gemeinsam nach Sicherheit zu suchen.

Buchstabe U

Unterstützung

Unterstützung kann viele Formen haben: Psychotherapie, Krisenhilfe, Fachberatung, Selbsthilfe, Begleitung zu Terminen oder praktische Hilfe im Alltag. Auch Angehörige können stabilisieren, wenn sie zuhören, nachfragen und Betroffene ernst nehmen. Wichtig ist, dass Unterstützung nicht bevormundet. Betroffene sollten möglichst selbst mitentscheiden, was ihnen hilft und welche Grenzen gewahrt bleiben müssen.

Buchstabe V

Verantwortung

Verantwortung spielt in Beziehungen und im Alltag mit DIS eine große Rolle. Angehörige übernehmen manchmal Termine, Struktur oder Krisenunterstützung. Gleichzeitig bleibt wichtig, die betroffene Person nicht zu entmündigen und auch eigene Grenzen zu achten. Verantwortung sollte möglichst verteilt werden: auf das System, das Umfeld und professionelle Unterstützung, damit niemand allein überfordert wird.

Buchstabe W

Wechsel

Ein Wechsel bedeutet, dass ein anderer Persönlichkeitsanteil nach vorne kommt und den Körper stärker steuert. Das kann plötzlich passieren oder fließend wirken. Manche Betroffene erinnern sich später nicht an die Zeit, andere bleiben im Bewusstsein, können aber nicht eingreifen. Wechsel sind nicht immer sichtbar und unterscheiden sich von System zu System.

Buchstabe Z

Zeitlücken

Zeitlücken gehören zu den besonders belastenden Symptomen einer DIS. Betroffene merken zum Beispiel, dass Stunden vergangen sind, Dinge erledigt wurden oder Gespräche stattgefunden haben, an die sie sich nicht erinnern. Das kann Scham, Angst und Erklärungsdruck auslösen. Zeitlücken sind mehr als normale Vergesslichkeit und sollten fachlich ernst genommen werden.

Hilfreiche Anlaufstellen und Informationen zur DIs

Ernstnehmen ist der erste Schritt
Wenn du dich über Dissoziative Identitätsstörung, Dissoziation, Trauma, Therapie oder Unterstützung für Angehörige informieren möchtest, gibt es zuverlässige Stellen mit fachlichen Informationen und Beratungsangeboten. Gerade bei starken Belastungen, Selbstverletzung oder akuter Gefahr gilt: Nicht allein bleiben, sondern Hilfe holen.

LWL Klinik Paderborn: Dissoziative Störungen
https://www.lwl-klinik-paderborn.de/de/fuer-patienten-angehoerige/informationen-zu-erkrankungen-erwachsenenpsychiatrie/dissoziative-stoerungen/

Therapie.de: Ursachen und Verlauf
https://www.therapie.de/psyche/info/index/diagnose/dissoziative-stoerungen/entstehung-haeufigkeit-und-verlauf/

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