FURCHTLOS. INKLUSIV. ECHT.

Frau mit langen Haaren im Jeanshemd sitzt vor einem blauen Dreieck auf schwarzem Hintergrund und spricht.

KÖRPERAKZEPTANZ

Selbstliebe lernen: Der Weg zur Body Positivity

Ich habe jede andere Frau verurteilt, die nicht genauso diszipliniert war wie ich.

Bin ich schön? Diese Frage haben sich wahrscheinlich die meisten Menschen schon mal gestellt. Aber was, wenn der Blick in den Spiegel mit wachsenden Selbstzweifeln verbunden ist? In Zeiten von Social Media, Beautyfiltern und Schönheits-OPs wird es immer schwieriger, sich im eigenen Körper wohlzufühlen. Die Body-Positivity-Bewegung will dem etwas entgegensetzen. Aber müssen wir unsere Speckröllchen und Falten gleich lieben? Oder reicht es auch, sie zu akzeptieren? Sabine hat jahrelang unter einer Essstörung gelitten. Wie sie diese überwunden hat und wie sie heute zu ihrem Körper steht, darüber hat sie mit Diana im Interview gesprochen.

Triggerwarnung:

Esstörung, Bulimie + Sportsucht

Interview: Diana Ringelsiep

Vom toxischen Schönheitsideal zur Essstörung

Hallo Sabine. Schön, dass du da bist. Du blickst inzwischen auf einen 20-jährigen Kampf in puncto Selbstakzeptanz zurück. Das heißt, die Sozialen Medien haben dabei anfangs wahrscheinlich noch keine große Rolle gespielt. Welche optischen Vorbilder haben dich damals geprägt?

Stimmt, ich bin ja schon jenseits der 40, das heißt, ich bin vor allem in den 80er- und 90er-Jahren geprägt worden. Damals gab es kein Social Media, wir haben im Fernsehen Serien geguckt und Magazine gelesen. Für mich war zum Beispiel die Serie Baywatch sehr prägend, aber auch die Supermodels der 90er-Jahre spielten eine große Rolle. Damals habe ich gedacht: Okay, das ist das perfekte Körperbild. Schlank, durchtrainiert, zierlich, perfekte Proportionen, blonde Haare – das war Perfektion für mich. Das war das Schönheitsideal, das ich mir infolgedessen auch selbst auferlegt habe. Durch meinen Job als Make-up Artist wurde das sogar noch verstärkt, weil ich mich in dieser Fashion- und Beauty-Bubble bewegt habe.

Und was hast du unternommen, um diesem Schönheitsideal zu entsprechen?

Wie viel Zeit hast du mitgebracht? Ich habe sehr viel gemacht. Zuerst habe ich mein Essverhalten als Hebel genutzt, um mein Gewicht zu reduzieren. Dann bin ich ins Fitnessstudio gegangen und habe mit Gewichten trainiert, um diesen athletischen Körper zu bekommen. Und das hat auch gut geklappt, aber ich bin trotzdem nie an diese Perfektion herangekommen. Wer sieht schon so aus? Also habe ich mich unters Messer gelegt. Mit 23 Jahren habe ich zum ersten Mal meine Brust vergrößern lassen. Und als ich die erste kleine Falte gesehen habe, habe ich sofort panisch die nächsten Maßnahmen ergriffen und mir Botox und Hyaluron spritzen lassen.

Hast du dich dadurch deinem Ziel näher gefühlt? Und wenn ja, wie lange hat diese Befriedigung angehalten?

Das ist in Wellen verlaufen. Ich hatte auch immer starke Gewichtschwankungen. Rückwirkend betrachtet, weiß ich, dass ich eine Essstörung hatte. In manchen Phasen war ich näher an diesem Ideal dran als in anderen – dann habe ich mich natürlich besser gefühlt. Aber richtig gut habe ich mich nie gefühlt. Nie! Ich war immer fixiert auf das, was ich nicht gut fand. Und nach den OPs habe ich mich zwar besser gefühlt, aber ich hatte mir eigentlich mehr davon erhofft. Ich dachte immer: Wenn ich so aussehe, wenn ich dieses Gewicht habe, diesen Körper, diese Körbchengröße, dann werde ich mich gut fühlen. Dann kommt auch dieses erhoffte friedliche Gefühl, wenn ich in den Spiegel gucke. Aber das passierte nicht. Wenn ich in den Spiegel schaute, dachte ich: Nee, nee… Du musst noch, du musst, du musst, du musst. Und wenn ich nah dran war, ging es über in: Du darfst nicht mehr. Dann hatte ich panische Angst davor, wieder zuzunehmen und mich von diesem Idealbild zu entfernen. Rückwirkend weiß ich, diese ganzen Maßnahmen konnten mir den erhofften Frieden nicht gegeben. Dieses Gefühl kam erst später durch die Heilung.

Gab es bestimmte Körperregionen, auf die du es abgesehen hattest oder sind immer wieder neue „Baustellen“ dazugekommen?

Ja, ich hatte ein paar Problemzonen, aber es gab auch Stellen an meinem Körper, die mir unheimlich gut gefallen haben. Ich habe mich nicht in Gänze abgelehnt, aber ich fand beispielsweise, dass ich zu dicke Beine und zu dicke Ärmchen habe, also habe ich mir da später Fett absaugen lassen. Irgendwann bin ich zu einem Arzt gelaufen und habe gesagt: „Sie müssen mir das Fett hier am Oberarm abschneiden, schauen Sie mal!“ Und er antwortete. „Hör mal Mädchen, wenn du meine Tochter wärst, würde ich dich rausschmeißen. Das mache ich nicht.“ Und ich dachte: „Wieso sieht der Mann das nicht? Das sieht man doch, das muss weg.“ Heute weiß ich natürlich, der Mann hatte recht.

Wenn Essen zum Problem wird
Diese Anzeichen können auf eine Essstörung hinweisen:

  • Ständige Beschäftigung mit Essen und Gewicht
  • Extreme Diäten oder Essanfälle
  • Zwanghaftes Sporttreiben
  • Soziale Isolation
  • Heimliches Essen
  • Starke Stimmungsschwankungen

Wichtig: Du bist nicht allein. Sprich mit Menschen, denen du vertraust, und hole dir professionelle Hilfe. Eine frühe Behandlung erhöht die Heilungschancen.

War dir das damals vielleicht schon bewusst oder ist das eine Erkenntnis gewesen, die erst später kam?

Nee, das kam später. Ich habe jede andere Frau verurteilt, die nicht genauso diszipliniert war wie ich. In meinem Freundeskreis gab es ja auch ganz normale Frauen, die einfach ihr Leben gelebt haben. Das waren richtige Aliens für mich. Ich dachte: Die essen am Abend und gehen dann ins Bett? Was stimmt nicht mit denen? Ab und zu kam es auch zu Konflikten, weil ich mit manchen Frauen einfach nicht mehr auf einen Nenner gekommen bin. Da war oft ein Unverständnis zu spüren und manchmal habe ich gemerkt, dass sie genervt davon sind. Aber für mich waren das ja reale Probleme. Meine Freunde konnten das einordnen, aber lockere Bekanntschaften haben dann oft gesagt: „Du willst abnehmen? Guck dich an, das ist doch Quatsch!“ Das hat mich zutiefst getriggert, weil diese Menschen ihre Meinung über meinen Körper über meine eigene gestellt haben. Auch, wenn es gut gemeint war, das war die Message, die bei mir angekommen ist. Rückwirkend betrachtet, war ich sehr einsam, weil niemand Verständnis dafür hatte.

Zwischen Diät und Binge Eating: Wenn Essen zur Sucht wird

Wie sah deine Essstörung aus? Da gibt es ja verschiedene Formen.

Ich habe meine Nahrungsaufnahme extrem kontrolliert und war im Grunde dauerhaft auf Diät. Doch dieses asketische Essverhalten war auch immer an krasse Binge-Eating-Anfälle gekoppelt. Wenn das passierte, habe ich sofort Gegenmaßnahme ergriffen – manchmal bin ich noch in der Nacht eine Stunde um den Häuserblock gejoggt, an anderen Tagen habe ich Abführmittel genommen. Ich wusste damals nicht, dass das eine Form der Bulimie ist. Ich dachte immer, Bulimie heißt, dass man viel isst und sich anschließend übergibt. Aber das ist nur eine Ausprägung der Erkrankung. Die eigentliche Charakteristik der Bulimie ist, dass man isst und anschließend versucht, es ungeschehen zu machen.

Diese Binge-Eating-Anfälle fühlten sich für mich an, als würde ich mir einen Schuss setzen. Ich habe dieses ungesunde Essen einfach gebraucht.

Wann ist dir bewusst geworden, dass du ein Problem hast?

Das Thema Gesundheit hat damals für mich keine Rolle gespielt. Ich habe meine Gesundheit als selbstverständlich angesehen. Wenn ich vor einer Operation zum Beispiel die Seiten mit den möglichen Risiken durchgeblättert und unterschrieben habe, hat mich das überhaupt nicht interessiert. Für mich zählte nur das Endergebnis. Und irgendwann bekam ich die Risiken zu spüren. Ich habe durch den Stress der letzten Operation kreisrunden Haarausfall bekommen und zum ersten Mal gemerkt, dass meine Gesundheit nicht selbstverständlich ist. Ich wollte einfach meine Haare wiederhaben, egal, ob ich Falten bekomme oder nicht. An diesem Punkt habe ich gemerkt, dass es falsch ist, was ich mit meinem Körper mache. Von da an habe ich die Energie, die ich vorher in das perfekte Aussehen investiert habe, in die Heilung umgelenkt.

Selbstliebe statt Selbstoptimierung: Der Heilungsprozess

Schritte zur Selbstliebe

  • Akzeptiere, dass dein Körper mehr ist als sein Aussehen
  • Fokussiere dich auf das, was dein Körper kann
  • Umgib dich mit Menschen, die dich unterstützen
  • Setze Grenzen bei toxischen Kommentaren
  • Finde deine eigene Definition von Schönheit

Tipp: Selbstakzeptanz ist ein Prozess. Sei geduldig mit dir und hole dir bei Bedarf professionelle Unterstützung.

Welche Auswirkungen hatte dieser Veränderungsprozess auf dein Umfeld?

Durch diesen Wertewandel hat sich mein ganzes Leben verändert. So eine Entwicklung passiert ja nicht nur auf der privaten Ebene, sondern dehnt sich auch auf alle anderen Lebensbereiche aus. Dann kam Corona – das war für mich perfektes Timing. Mit den Jobs als Make-up Artist war dann erstmal Feierabend und ich war ich gezwungen, zu Hause zu bleiben und mich meiner Genesung zu stellen. In dieser Zeit habe ich mich körperlich verändert, weil ich irgendwann keine Kraft mehr hatte, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Ich ließ die Binge-Eating-Anfälle geschehen und dann war es auch offensichtlich, dass ich eine Essstörung habe. Ich nahm viel zu und mit der Zeit hat sich auch mein Freundeskreis verändert. Einige habe ich nach zwei, drei Jahren Abend mal wiedergetroffen und gemerkt, dass ich mich echt entfernt und weiterentwickelt habe.

Wie ging es dir mit der Gewichtszunahme nach all den Jahren, die von strikten Diäten und exzessivem Sporttreiben geprägt waren?

Ich habe Frieden mit meinem Körper geschlossen. Das war das Hauptgefühl. Ich wollte gesund sein und habe das plötzlich auch verstanden, wenn ich in den Spiegel geguckt habe. Ich habe mir damals immer wieder gesagt: Ich gehe jetzt in die Heilung und lasse los. Und wenn ich fünf Jahre bei diesem Gewicht bleibe, dann ist das eben so. Total krass. Ich habe dann auch mit dem Botox aufgehört und von heute auf morgen gar nichts mehr gemacht. Ich wollte sehen, wer ich wirklich bin und das einfach mal aushalten – weil ich mir das selbst zum Geschenk machen wollte. Ich fand das nicht gut, das wäre gelogen. Aber es war okay, weil ich auf einmal diesen Frieden hatte und erkannt habe, dass mein Selbstwert nichts mit meinem Körper zu tun hat.

Body Neutrality: Eine neue Perspektive auf den Körper

Inzwischen gibt es ja die sogenannte Body-Positivity-Bewegung. Allerdings muss ich sagen, mich persönlich hat der Anspruch, alles gut an sich finden zu müssen, auch schon unter Druck gesetzt. Wie stehst du dazu?

Ich glaube, das hat alles seine Daseinsberechtigung, aber man muss sich das genauer anschauen. Verglichen mit dem Körperwahn, der hinter mir liegt, ist die Body-Positivity-Bewegung das andere Extrem. Dort heißt es: Wir dürfen sein wie wir sind und lassen uns nichts mehr erzählen – wir lassen uns die Achselhaare wachsen, nehmen zu, ziehen an, was wir wollen und finden das alles gut und positiv. Und es ist ja auch wichtig, dass alle Körperformen gesehen werden und machen können, was sie wollen, ohne ausgegrenzt zu werden. Aber ich glaube, wenn man 50 Kilo Übergewicht hat, ist das auch nicht gesund. Was nicht heißt, dass man sich deswegen nicht am Strand in Bikini zeigen darf – das sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Um von diesem toxischen Körperwahn wegzukommen, müssen wir einmal über die Body-Positivity-Bande spielen – hin zu einer Körperneutralität. Body-Neutrality wäre mein Wunsch für die Zukunft. Wir müssen uns von alten Zwängen befreien, ohne plötzlich unter dem neuen Zwang zu stehen, alles toll an sich finden zu müssen, denn das kann auch Druck erzeugen.

Unser Schönheitsempfinden ist ja nachweislich komplett antrainiert, da müssen wir uns nur in anderen Kulturen umschauen oder in einem anderen Jahrzehnt. Was glaubst du, wie wir toxische Schönheitsideale im Alltag verlernen können?

Ich würde einfach mal ein Geschichtsbuch aufschlagen und nachschauen, was die letzten 100 Jahre alles angesagt war. Dann werden wir schnell merken, dass die Kardashians vor 30 Jahren noch nichts zu melden hatten. Und dass wir Frauen an der Nase herumgeführt werden, weil die Körperideale von superdünn, wie Twiggy, bis hin zu den Rundungen der Kardashians, einfach nur Trends sind. Es ist ja auch absurd, wie schnell sich diese Ideale verändern. Da lässt du dir einen Brazilian-Butt-Lift machen und in fünf Jahren heißt es dann wieder Heroin-Chic. Nee danke, das geht nicht. Wir müssen uns fragen: Wer bin ich denn eigentlich? Ich glaube, wir müssen dieses Narrativ selbst verändern, das heißt, wir müssen die Vorbilder für die nächste Generation sein. Egal, wie wir aussehen wollen, es gibt so viele Tools, um uns individuell in Szene zu setzen: Tätowierungen, Kleidung, Make-up. Wir müssen sie bloß nutzen.

Apropos Brazilian-Butt-Lift: Ich habe neulich gelesen, dass es sich dabei um die gefährlichste Schönheits-OP der Welt handelt, weil dabei wirklich viele Menschen sterben. Dabei ist es eigentlich die unsinnigste Operation von allen. Da sieht man mal wieder, dass die Risiken oft nicht ernst genommen werden.

Ich bin einfach nur dankbar, dass Pamela Anderson das damals nicht hatte und mir das erspart geblieben ist. Ich finde es auch so stark, dass sie ihr Make-up inzwischen abgelegt hat. Ich bin wirklich ein großer Fan von ihr. Sie war damals mein Vorbild, und heute ist sie es wieder, weil sie als Frau die Kurve gekriegt hat und aus der Spirale ausgestiegen ist. Sie versucht nicht, für immer jung zu sein, denn diese Jugendlichkeit können wir uns sowieso nicht erhalten. Und Schönheit hat für mich nichts mit Jugendlichkeit zu tun. Schönheit ist, wenn wir wir selbst sind und von innen heraus groß werden – das macht Schönheit aus. Pamela Anderson kommt aus der Zeit der operierten Sexsymbole. Dass nun ausgerechnet sie diese Natürlichkeit und dieses Selbstbewusstsein repräsentiert, feiere ich sehr ab.

Ich habe meine Gesundheit als selbstverständlich angesehen.

Wir können ja alle unseren Beitrag leisten, indem wir gewisse Schönheitsideale nicht länger stärken. Gibt es Komplimente, die du als toxisch bezeichnen würdest?

Ja, da fällt mir direkt folgendes ein: „Nimm mal nicht noch weiter ab, das gefällt den Männern sowieso nicht.“ Ja Mensch, Dankeschön, dass ich von dir die Absolution kriege, bei diesem Gewicht bleiben zu dürfen. Hätte ich das mal eher gewusst, hätte ich mir die Essstörung ersparen können. Es gibt viele Gründe für Gewichtsverlust: Vielleicht hat dein Gegenüber auch eine Krankheit oder ist es jemand gestorben. Das weiß man in der Regel nicht und deshalb sollte man am besten gar keine Komplimente auf Basis des Körpers machen. Stattdessen könnte man sagen: „Du hast heute eine schöne Ausstrahlung“ oder „eine tolle Energie“. Oder ganz anders: „Unser Gespräch hat mich richtig inspiriert!“ Ich kann mich da allerdings selbst nicht von ausnehmen, da wir es alle verinnerlicht haben, Komplimente fürs Äußere zu machen – vor allem bei Frauen.

Stimmt, wenn mir auf der Straße eine fremde Person ein Kompliment für meine Jacke macht, freue ich mich auch auf eine andere Art. Denn im Gegensatz zu bestimmten Körperteilen kann ich die Jacke ja wieder ausziehen – da wird mein Geschmack gelobt. Ein Kompliment für die Form meiner Beine fände ich in der Situation hingegen übergriffig.

Ja, das fände ich auch übergriffig. Aber das müssen wir erst verlernen. Ich merke es ja selber, das ist wie ein Muskel, oder ein Impuls. Meine Zunge formt diese oberflächlichen Komplimente oft bereits, ohne dass ich drüber nachgedacht habe. Manchmal muss ich richtig aufpassen, sie nicht versehentlich auszuspucken. Aber ich will jetzt auch gar nicht mit dem erhobenen Zeigefinger dastehen, es geht mir lediglich um ein Bewusstsein dafür, dass „nett gemeint“ nicht immer mit „gut gemacht“ gleichzusetzen ist.

Wenn du heute auf deine Heilung so zurückschaust, was waren für dich die wichtigsten Erkenntnisse auf deiner Reise?

Der Zenit der Jugendlichkeit ist ja irgendwann überschritten und an dem Punkt habe ich plötzlich gedacht: Scheiße, ich habe mein Leben gar nicht gelebt. Wo ist denn mein Leben hin? Ich wünschte, dass ich damals schon den Zugang zu guten Formaten und Podcasts, oder zu Mentorinnen gehabt hätte. Denn diese Themen muss man mit jemandem bearbeiten, der weiß, wie das geht. Das schafft man nicht alleine.

Wie groß ist der Stellenwert, den emotionales Essen heute noch in deinem Leben hat?

Oh, das ist eine schöne Frage. Diese Binge-Eating-Anfälle fühlten sich damals für mich an, als würde ich mir einen Schuss setzen. Ich habe dieses ungesunde Essen einfach gebraucht. Und später ist das in ein emotionales Essen übergegangen. Dann habe ich auch gesunde Sachen zu mir genommenh, aber einfach immer ein bisschen mehr. Oft aß ich auch aus anderen Gründen als Hunger. Deshalb lohnt es sich, da mal genauer hinzugucken und sich zu fragen, woher der Heißhunger gerade wirklich kommt. Ist es die gute Gesellschaft? Ist das Essen besonders lecker? Oder gibt es vielleicht Emotionen, die man gerade nicht fühlen möchte?

Sabine, was möchtest du den Menschen sagen, die den Weg der Heilung noch vor sich haben?

Ich weiß, wenn ihr euch gerade in dieser Situation befindet, könnt ihr euch wahrscheinlich nicht vorstellen, dass es mal anders sein könnte. Und ich weiß auch, dass man in diesen Momenten dazu neigt, sich Selbstvorwürfe zu machen. Aber es ist nicht eure Schuld. Ein falsches Körperbild ist etwas, was man heilen kann. Und wenn ihr euch für die Heilung entscheidet, also für euch, dann wird alles, was ihr dafür braucht, zu euch kommen. Ihr werdet die richtigen Mentoren und euren eigenen Weg finden. Und ich kann euch garantieren: Ihr könnt heilen und ein komplett neues Leben führen.

KÖRPERAKZEPTANZ-Glossar

Wichtige Begriffe erklärt

Buchstabe A

A wie Ableismus

Ableismus bezeichnet die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer (vermeintlichen) körperlichen oder geistigen Fähigkeiten. Im Kontext von Body Positivity wird betont, dass jeder Körper – unabhängig von Behinderung oder Einschränkung – wertvoll ist und Respekt verdient. Die Bewegung kämpft gegen gesellschaftliche Vorurteile und fordert Inklusion sowie Sichtbarkeit für alle Körperformen und Fähigkeiten.

Buchstabe B

B wie Body Shaming

Body Shaming beschreibt das Herabsetzen oder Bloßstellen von Menschen wegen ihres Aussehens, sei es wegen Gewicht, Haut, Größe oder anderer Merkmale. Es kann überall passieren – im Alltag, in den Medien oder online. Body Positivity setzt sich aktiv gegen Body Shaming ein und fordert einen respektvollen Umgang miteinander. Jeder Körper verdient Wertschätzung, unabhängig von äußeren Merkmalen.

Buchstabe C

C wie Cellulite

Cellulite, medizinisch auch als Lipodystrophie bezeichnet, ist die typische Dellenstruktur an Oberschenkeln und Po, die durch Fettablagerungen im Unterhautfettgewebe entsteht. Sie ist vollkommen normal, betrifft die Mehrheit aller Frauen und ist gesundheitlich unbedenklich. Body Positivity macht deutlich: Cellulite ist kein Makel, sondern ein natürlicher Teil des Körpers.

Buchstabe D

D wie Diversität

Diversität steht für die Vielfalt menschlicher Körperformen, Hautfarben, Geschlechter und Fähigkeiten. Die Body Positivity-Bewegung feiert diese Unterschiede und fordert, dass alle Menschen unabhängig von gesellschaftlichen Normen oder Schönheitsidealen akzeptiert und wertgeschätzt werden. Vielfalt ist schön und bereichert unser Zusammenleben.

Buchstabe E

E wie Essstörung

Essstörungen wie Anorexie oder Binge Eating sind ernsthafte psychische Erkrankungen, die oft mit einem gestörten Körperbild einhergehen. Body Positivity möchte dem entgegenwirken, indem sie zu einem freundlichen, realistischen Umgang mit dem eigenen Körper und Essverhalten ermutigt. Sie fördert das Bewusstsein für psychische Gesundheit und Selbstfürsorge.

Buchstabe F

F wie Fat Acceptance

Fat Empowerment ist ein Begriff, der über reine Akzeptanz hinausgeht: Es geht um die Stärkung und Selbstermächtigung dicker Menschen, ihre Körper mit Stolz zu leben – unabhängig von gesellschaftlichen Vorurteilen. Die Bewegung fordert nicht nur Respekt, sondern auch Repräsentation und Raum in einer oft gewichtsdiskriminierenden Gesellschaft. Body Positivity unterstützt diesen Ansatz, indem sie dicke Körper sichtbar macht, sie nicht marginalisiert und für Gleichberechtigung in Medizin, Medien und Mode eintritt.

Buchstabe G

G wie Gendernormen

Geschlechternormen bezeichnen die traditionellen Vorstellungen darüber, wie Männer, Frauen oder nicht-binäre Menschen aussehen und sich verhalten sollten. Diese gesellschaftlichen Erwartungen beeinflussen Körperbilder stark und können zu Druck und Ausgrenzung führen. Body Positivity kritisiert diese starre Einteilung und setzt sich für eine freie Entfaltung aller geschlechtlichen Identitäten ein – unabhängig von Aussehen, Kleidung oder Rollenverhalten.

Buchstabe H

H wie Hyperpigmentierung

Hyperpigmentierung bezeichnet die verstärkte Einlagerung von Melanin in der Haut, was zu dunkleren Flecken oder Arealen führen kann. Diese Veränderungen entstehen oft durch hormonelle Schwankungen, Sonneneinstrahlung oder als Folge von Entzündungen. Im Rahmen von Body Positivity wird Hyperpigmentierung nicht als Makel betrachtet, sondern als eine natürliche Variation der Haut. Die Bewegung ermutigt dazu, solche Merkmale nicht zu verstecken, sondern sie als Teil der individuellen Schönheit und Einzigartigkeit zu akzeptieren. Sichtbare Hautveränderungen sind normal und erzählen die Geschichte eines jeden Körpers.

Buchstabe I

I wie Identitätsvielfalt

Identitätsvielfalt meint die Anerkennung der unterschiedlichen körperlichen, geschlechtlichen und kulturellen Identitäten, die jeder Mensch mit sich bringt. Statt einem einheitlichen Idealbild nachzueifern, fördert Body Positivity das Bewusstsein dafür, dass wahre Schönheit in der Individualität liegt. Jeder Mensch hat das Recht, sich selbst zu definieren und in seinem Körper authentisch zu leben.

Buchstabe J

J wie Judgement Detox

Judgement Detox bedeutet, sich bewusst von der ständigen Bewertung und dem inneren wie äußeren Verurteilen anderer und des eigenen Körpers zu lösen. Viele Menschen sind geprägt von gesellschaftlichen Schönheitsnormen und vergleichen sich ständig mit anderen. Body Positivity lädt dazu ein, diesen Kreislauf zu durchbrechen, Selbstmitgefühl zu üben und sich von negativen Glaubenssätzen zu befreien. Ein Judgement Detox kann helfen, mehr Gelassenheit und Freude im Umgang mit dem eigenen Körper zu entwickeln und auch anderen mit mehr Toleranz zu begegnen.

Buchstabe K

K wie Körperrespekt

Körperrespekt bedeutet, dem eigenen Körper mit Achtung zu begegnen – unabhängig davon, wie er aussieht oder funktioniert. Statt sich ständig zu optimieren, geht es darum, auf die Bedürfnisse des Körpers zu hören, ihn zu pflegen und wertzuschätzen. Body Positivity lädt dazu ein, Körperrespekt als Grundhaltung zu entwickeln – für sich selbst und für andere.

Buchstabe L

L wie Lebensfreude

Lebensfreude ist ein Ausdruck von gelebter Selbstakzeptanz und einem positiven Verhältnis zum eigenen Körper. Wenn man sich nicht von gesellschaftlichen Schönheitsnormen einschränken lässt, entsteht Raum für mehr Leichtigkeit, Genuss und Selbstentfaltung. Body Positivity erinnert daran, dass Freude am eigenen Körper keine Belohnung für ein Ideal, sondern ein Menschenrecht ist.

Buchstabe M

M wie Medienvielfalt

Medienvielfalt meint nicht nur den kritischen Umgang mit medialen Bildern, sondern auch die bewusste Förderung vielfältiger Repräsentationen. Body Positivity setzt sich für die Sichtbarkeit unterschiedlicher Körper in Werbung, Film, Social Media und Mode ein – jenseits von Stereotypen und Photoshop. Wer Medienvielfalt fordert, stärkt realistische Vorbilder und fördert Selbstakzeptanz.

Buchstabe N

N wie Neuanfang

Neuanfang steht für die bewusste Entscheidung, den eigenen Körper und das Selbstbild aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten – losgelöst von alten Glaubenssätzen und gesellschaftlichem Druck. Body Positivity lädt dazu ein, neue Wege der Selbstannahme zu gehen und mit Mitgefühl statt mit Kritik auf sich selbst zu schauen. Jeder Tag kann ein Neuanfang sein, sich selbst mehr zu lieben.

Buchstabe O

O wie Offenheit

Offenheit bedeutet, sich selbst und andere ohne Vorurteile wahrzunehmen – unabhängig von Gewicht, Aussehen, Herkunft oder Identität. Sie ist die Grundlage für Empathie und ein respektvolles Miteinander. Im Sinne von Body Positivity fördert Offenheit nicht nur Toleranz, sondern auch einen Perspektivwechsel: hin zu mehr Verständnis für Lebensrealitäten, die sich von der eigenen unterscheiden.

Buchstabe P

P wie Perfektionsdruck

Perfektionsdruck beschreibt den inneren und äußeren Zwang, einem Ideal entsprechen zu müssen – sei es im Aussehen, Verhalten oder Lebensstil. Dieser Druck wird durch soziale Medien, Werbung und gesellschaftliche Erwartungen ständig verstärkt. Body Positivity stellt sich diesem Druck entgegen und lädt dazu ein, Fehler, Ecken und Kanten als menschlich und liebenswert anzunehmen.

Buchstabe Q

Q wie Queerness

Queerness steht für die Vielfalt geschlechtlicher Identitäten und sexueller Orientierungen, die nicht den traditionellen binären Vorstellungen entsprechen. Im Zusammenhang mit Body Positivity bedeutet Queerness, sich von gesellschaftlichen Normen und Erwartungen zu befreien und die eigene Identität und den eigenen Körper selbstbestimmt zu leben. Die Bewegung setzt sich für Sichtbarkeit, Akzeptanz und Gleichberechtigung aller Menschen ein, unabhängig von ihrer geschlechtlichen oder sexuellen Identität. Queerness erweitert den Blick auf Körpervielfalt und fördert die Anerkennung individueller Lebensentwürfe.

Buchstabe R

R wie Rückbesinnung

Rückbesinnung meint das bewusste Zurückkehren zu einem liebevollen, achtsamen Umgang mit dem eigenen Körper – fernab von Selbstoptimierung und Vergleich. Es geht darum, sich wieder mit sich selbst zu verbinden, eigene Grenzen zu spüren und innere Bedürfnisse wahrzunehmen. Body Positivity unterstützt diese innere Haltung und zeigt Wege auf, wieder in den eigenen Körper "einzuziehen".

Buchstabe S

S wie Selbstmitgefühl

Selbstmitgefühl bedeutet, sich selbst in schwierigen Momenten mit Freundlichkeit statt Härte zu begegnen. Besonders dann, wenn Selbstzweifel oder gesellschaftlicher Druck überhandnehmen, hilft diese Haltung, sich selbst wie einen guten Freund bzw. eine gute Freundin zu behandeln. Body Positivity stärkt das Selbstmitgefühl, weil sie Wertschätzung statt Selbstkritik ins Zentrum rückt.

Buchstabe T

T wie Triggerbewusstsein

Triggerbewusstsein geht über das Setzen von Warnhinweisen hinaus. Es bedeutet, sensibel mit Themen umzugehen, die emotional belastend sein können – etwa rund um Körper, Essverhalten oder Traumata. Body Positivity setzt sich für einen achtsamen, respektvollen Diskurs ein, der niemanden ausschließt oder retraumatisiert, sondern Schutzräume bietet.

Buchstabe U

U wie Unvergleichtheit

Unvergleichtheit ist ein Gegenentwurf zum ständigen Vergleichen mit anderen. In einer Gesellschaft, die Körper, Leistungen und Aussehen permanent gegenüberstellt, lädt Body Positivity dazu ein, die eigene Einzigartigkeit zu feiern. Statt sich minderwertig zu fühlen, darf man lernen: Es gibt keine richtige oder falsche Art, einen Körper zu haben – nur die eigene.

Buchstabe V

V wie Verkörperung (Embodiment)

Verkörperung beschreibt die bewusste Erfahrung des eigenen Körpers als Quelle von Wissen, Emotion und Identität. Body Positivity fördert Embodiment, indem sie Körper nicht nur als Objekt von Bewertung sieht, sondern als Subjekt des Fühlens, Handelns und Erlebens. Ein verkörperter Zugang stärkt die Verbindung zu sich selbst – jenseits von äußeren Erwartungen.

Buchstabe W

W wie Würde

Würde ist das Recht jedes Menschen, respektvoll behandelt zu werden – unabhängig von Aussehen, Fähigkeiten oder Herkunft. Body Positivity fordert die bedingungslose Anerkennung der Würde jedes Körpers und setzt sich gegen jede Form von Abwertung oder Ausgrenzung ein. Ein würdevoller Umgang beginnt mit einem achtsamen Blick auf sich selbst und andere.

Buchstabe X

X wie Xenophobie

Xenophobie – also die Angst oder Ablehnung gegenüber allem „Fremden“ – äußert sich nicht nur in Bezug auf Herkunft, sondern oft auch durch Ablehnung von ungewohnten Körperformen, Kulturen oder Ausdrucksformen. Body Positivity stellt sich gegen jede Form von Ausgrenzung und fordert: Jeder Mensch, jeder Körper verdient Respekt – unabhängig von kulturellem Hintergrund, Aussehen oder Zugehörigkeit.

Buchstabe Y

Y wie Your Body, Your Rules

„Your Body, Your Rules“ ist ein Leitsatz der Body Positivity-Bewegung. Er bedeutet: Du allein entscheidest, wie du mit deinem Körper umgehst, ihn zeigst, kleidest, bewegst oder veränderst – frei von gesellschaftlichen Erwartungen. Diese Haltung stärkt Selbstbestimmung und macht deutlich: Körperliche Autonomie ist ein Menschenrecht.

Buchstabe Z

Z wie Zugehörigkeit

Zugehörigkeit beschreibt das menschliche Grundbedürfnis, sich angenommen und verbunden zu fühlen – auch mit einem Körper, der nicht dem gängigen Ideal entspricht. Body Positivity schafft Gemeinschaften, in denen Menschen sich nicht anpassen müssen, um dazuzugehören. Sie schafft Räume, in denen Vielfalt nicht nur akzeptiert, sondern gefeiert wird.

Hilfreiche Anlaufstellen bei Essstörungen und Körperbildproblemen

Du bist nicht allein.
Der Weg zu einem gesunden Körperbild und zur Selbstakzeptanz ist oft nicht einfach. Wenn dich Sabines Geschichte berührt hat oder du selbst mit deinem Körperbild kämpfst: Es gibt viele Menschen und Organisationen, die dir mit Rat und Unterstützung zur Seite stehen. Der erste Schritt in Richtung Heilung mag schwer sein, aber du musst ihn nicht allein gehen. Unter den folgenden Links findest du weitere Informationen und professionelle Unterstützung:

Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit
hier erfährst du mehr.

Deutsche Adipositas Gesellschaft: »„BODY NEUTRALITY“ STATT „BODY POSITIVITY“«
hier erfährst du mehr.

ARD-Mediathek: Doku-Serie »Bin ich schön?«
hier erfährst du mehr.

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