Ich habe 24.000 Euro aus eigener Tasche bezahlt, weil die OP keine Kassenleistung war.
Ein Lipödem ist eine chronische Fettverteilungsstörung, die hauptsächlich an Armen und Beinen auftritt und für Betroffene meist mit starken Schmerzen, Schwellungen und einem Schweregefühl in den Gliedmaßen verbunden ist. Schätzungsweise zehn Prozent der weiblich gelesenen Bevölkerung ist von der Erkrankung betroffen. Das sind rund vier Millionen Menschen allein in Deutschland. Doch das Lipödem ist nicht nur unterdiagnostiziert, es wird auch häufig fehldiagnostiziert, was den Leidensdruck der Betroffenen verstärkt. Anna hat sich ihre krankhaften Fettzellen operativ entfernen lassen und mit Diana über den langen Weg zur Diagnose und ihren Alltag gesprochen.
Lipödem einfach erklärt:
Lipödem = chronische, schmerzhafte Fettverteilungsstörung (Beine, oft auch Arme). Typisch: Druckschmerz, Neigung zu blauen Flecken, Disproportion Rumpf/Beine. Keine reine „Gewichtssache“.

Triggerwarnung:
Schmerzen, Operationserfahrungen, Gewicht/Stigmatisierung.

Interview: Diana Ringelsiep
Lipödem Symptome: Warum die Erkrankung oft lange unerkannt bleibt
Liebe Anna, ich freue mich, dass du da bist, um mit mir über deine Geschichte zu sprechen. Woran liegt es, dass Betroffene ihre Symptome oft nicht richtig zuordnen können?
Ich glaube, dass viele Betroffene ihre Symptome gar nicht aktiv wahrnehmen. Oft fängt es in der Pubertät an und man weiß gar nicht mehr, wie es vorher war. Also lebt man mit den Symptomen und glaubt, dass es anderen genauso geht. Viele kommen gar nicht an den Punkt, sich zu fragen, ob das normal ist, weil es schleichend passiert. Das macht das Lipödem so wahnsinnig kompliziert.

Wie hat es bei dir angefangen?
Rückblickend würde ich sagen, dass mir mit 13 oder 14 Jahren die ersten optischen Veränderungen aufgefallen sind. Irgendwie waren meine Beine immer dicker als die meiner Freundinnen. Dazu muss ich sagen: Ich war nie dick, auch nicht als Kind. Aber ich habe sehr früh in meiner Pubertät bemerkt, dass meine Beine nicht zum restlichen Körper passen. Das ist ja sowieso eine schwierige Zeit, in der man sich viel mit anderen vergleicht und dann kam auch noch Social Media dazu. Plötzlich wollten alle immer am besten aussehen. Das war das erste Mal, dass ich eine Unsicherheit bei mir bemerkt habe. Lange Zeit war es für mich nur die Optik, die nicht gepasst hat. Aber für mich war klar, dass der Fehler bei mir liegen musste, weil ich mich zu schlecht ernährte oder zu wenig Sport machte. Die Symptome, die ich damals definitiv schon hatte, habe ich lange nicht als solche wahrgenommen. Das hat mich jahrelang nicht nur körperlich, sondern auch mental fertig gemacht.
In dem Alter verändert sich unser Körper ja ohnehin sehr stark: Wir wachsen in Schüben und zu unterschiedlichen Zeiten, das macht es noch schwieriger, sich zu vergleichen und daraus einen »Normalzustand« abzuleiten…
Genau, für mich war das einfach so: »Gut, dann hab ich halt dicke Beine.« Aber ich habe nie hinterfragt, woran das liegt. Für mich stand fest: »Selbst Schuld«, und deswegen schämte ich mich dafür.
Stichwort »selbstverschuldet«: Welche Konsequenzen hast du für dich daraus gezogen?
Ich habe schon sehr früh mit den ersten Diäten angefangen, aber schnell gemerkt, dass das nichts bringt. Klar, ich habe Gewicht verloren – an allen anderen Stellen – aber nicht an den Beinen. Das hat mich schon ein bisschen irritiert. Aber dann habe ich gedacht: »Naja, vielleicht habe ich auch einfach viele Muskeln.« Schließlich komme ich aus Bayern, da wurde halt gesagt: »Du warst viel wandern und hast stramme Waden.« Das habe ich lange als Ausrede angenommen. Aber ich bin trotzdem von einer Diät in die nächste gerutscht, weil ich irgendwann richtig verzweifelt war. Ich habe nicht verstanden, wie andere Menschen es schaffen, durch eine Diät abzunehmen. Für mich stand immer fest, dass ich etwas falsch mache.
Wann hast du zum ersten Mal vom Lipödem gehört?
Das war wahrscheinlich vor vier oder fünf Jahren. Doch damals hatte ich noch das Bild im Kopf, an das die meisten Menschen denken, wenn sie »Lipödem« hören: Stadium 3, also wahnsinnig weit fortgeschritten, mit starken optischen Ausbeulungen. Und da habe ich mich natürlich überhaupt nicht gesehen, das passte einfach nicht.
Stadien und Typen im Überblick
- Stadium 1: feinknotig, glatte Haut, weiches Gewebe Stadium
- 2: grobknotig, wellige Haut, zunehmend fester
- Stadium 3: starke Gewebevermehrung, Hautlappen/Überhänge
Typen (Verteilung am Körper):
- Typ 1: Gesäß und Hüfte
- Typ 2: Gesäß bis Knie
- Typ 3: Gesäß bis Knöchel
- Typ 4: Arme zusätzlich betroffen
- Typ 5: ausschließlich Arme
Lipödem Diagnose – warum Tests und Fachwissen entscheidend sind
Wann ist es schließlich zur Diagnose gekommen?
Das war im Frühjahr 2022. Ich hatte immer noch sehr mit meiner Optik zu kämpfen und war an dem Punkt angekommen, an dem ich bereit war, wirklich alles auszuprobieren, um diese Beine wegzubekommen. Und dann habe ich rausgefunden, dass mein Hausarzt die Fettwegspritze anbietet. Also habe ich einen Termin gemacht und bin da angetanzt. Er sagte dann etwas, was mich sehr aus der Bahn geworfen hat: »Das können wir schon machen, aber das wird die Ursache nicht beheben, weil das ein Lipödem ist.«
Wie hat er das denn so schnell festgestellt?
Er hatte schon einige Lipödem-Patientinnen vor mir in der Praxis, das war mein Glück. Die Aufmerksamkeit für die Erkrankung war 2022, zumindest bei Ärzten, auch schon etwas mehr gegeben als zuvor. Und ich habe natürlich auch ein wenig über mich erzählt und da hat dann eins und eins zusammengezählt.
Dazu muss man sagen, dass du sehr schlank bist und dennoch bereit warst, dir die Abnehmspritze verschreiben zu lassen. Würdest du rückblickend sagen, dass es einen Gap gab, zwischen deiner Selbstwahrnehmung und dem Eindruck, den andere Menschen von dir hatten?
Auf jeden Fall. Ich hatte ein total verzerrtes Selbstbild, weil ich gar nicht mehr einordnen konnte, wie ich tatsächlich aussehe. Ich merkte ja, dass etwas nicht stimmt, aber habe von außen oft gesagt bekommen, so schlimm sei das doch alles nicht. Meine stärkste Kritikerin war ich daher immer selbst. Deswegen bin ich unglaublich dankbar, dass ich bei meinem Arzt zufällig diese Diagnose bekommen habe, weil ich dadurch Antworten auf viele meiner Fragen erhalten habe.
Aber du bist ja gar nicht in der Hoffnung auf eine Diagnose dort hingegangen, sondern weil du eine schnelle Lösung gesucht hast. War das nicht ein Schock?
Ich war erst mal komplett überrollt und habe die Praxis schnellstmöglich verlassen, weil ich da raus musste. Mein Partner war damals zur Unterstützung dabei, weil dieser Termin ja sowieso ein superemotionales Event für mich war. Als wir wieder draußen waren, habe ich eine ganze Weile nichts mehr gesagt und schließlich angefangen zu weinen. Zuhause habe ich die Erkrankung gegoogelt, was in dem Moment natürlich keine gute Idee war und zu einer großen Überforderung führte. Es hat dann ein paar Tage gedauert, bis ich einen Umgang damit gefunden habe.
Wie ging es dann weiter?
Ich wurde zu einem Facharzt überwiesen, einem Phlebologen, von dem ich die endgültige Diagnose erhalten habe: Lipödem, Stadium 1, Typ 4. Die Krankheit wird in Stadien und Typen kategorisiert. Das Stadium bestimmt, wie weit das Lipödem optisch fortgeschritten ist. Die Typen sagen aus, welche Körperstellen betroffen sind. Klassischerweise tritt ein Lipödem an Armen und Beinen auf. Die medizinischen Leitlinien klammern andere Körperregionen sogar offiziell aus. Betroffene klagen aber durchaus auch über Probleme in anderen Bereichen. Wichtig ist, dass es sich bei dieser Kategorisierung nur um eine optische Beurteilung handelt. Das Stadium sagt beispielsweise nichts darüber aus, wie viele Schmerzen eine Person hat oder wie eingeschränkt sie im Alltag ist. Patientinnen in einem frühen Stadium haben beispielsweise oft noch mehr Schmerzen als Betroffene im dritten Stadium. Das liegt daran, dass die Hautelastizität irgendwann nachlässt und die Gewebsflüssigkeiten, die unter der Haut sitzen, dann mehr Platz haben. Es ist daher ein Irrglaube, zu denken, dass ein frühes Stadium halb so schlimm sei. Dahingehend ist noch viel Aufklärungsarbeit notwendig.
Welche Untersuchungen werden – jenseits der optischen Bewertung – in einer fachärztlichen Praxis gemacht?
Zunächst ist es wichtig, die Venen zu kontrollieren, um andere Probleme auszuschließen. Und dann werden mittels Ultraschall die Fettschicht-Dicken gemessen. Bei mir sah man sofort, dass deutlich mehr Fettgewebe vorhanden war als dort sein sollte. Außerdem gibt es einen Kneif-Test, der Auskunft über die Schmerzempfindlichkeit gibt, und nach der optischen Beurteilung wird natürlich auch die Symptomatik abgefragt. So kommt es in der Regel sehr schnell zu einer Diagnose.
Du hast gerade einen Kneif-Test erwähnt. Sind Betroffene schmerzempfindlicher oder weniger empfindlich als gesunde Personen?
Sehr viel empfindlicher! Für uns Lipödem-Betroffene ist es wahnsinnig schmerzhaft, wenn ins Gewebe gekniffen oder gedrückt wird. Da zuckt man dann schon mal gerne, während gesunde Menschen das kaum wahrnehmen. Die Schmerzintensität ist einfach eine andere.
Lipödem Behandlung: Zwischen konservativer Therapie und OP
Konservative Behandlung
- Kompressionsstrümpfe (flachgestrickt, maßgefertigt)
- Manuelle Lymphdrainage bei Bedarf
- Bewegung (z. B. Aquafitness)
- Hautpflege
Ziel: Schmerzen lindern, Alltag erleichtern – aber keine Heilung.
Welche Behandlungswege wurden dir aufgezeigt und wofür hast du dich entschieden?
Das Lipödem ist eine chronische Erkrankung, weshalb es leider nicht den einen Weg gibt, der zur Genesung führt. Letztendlich gibt es zwei Optionen: Die konservative Therapie und den operativen Weg, für den ich mich entschieden habe. In der konservativen Therapie wird mit Kompressionskleidung, manueller Lymphdrainage und verschiedenen Ernährungsformen gearbeitet. Da muss man individuell schauen, was am besten für einen selbst funktioniert. Jedoch handelt es sich dabei bloß um Möglichkeiten, die Symptome zu lindern. Das Fortschreiten der Erkrankung kann durch eine konservative Behandlung nicht aufgehalten werden. Das heißt, die Schmerzen werden nicht verschwinden und auch die Optik wird sich nicht verändern. Wählt man hingegen den operativen Weg, werden die betroffenen Areale abgesaugt, wodurch man – wenn es richtig gemacht wird – wieder schmerzfrei leben und natürlich auch die Optik anpassen kann. Das Wichtigste ist jedoch, dass durch eine Fettabsaugung das Fortschreiten des Lipödems in den betroffenen Arealen eingedämmt und sogar verhindert werden kann.
Allerdings sprechen wir von einem großen Eingriff, der mit starken Schmerzen verbunden ist und auch nicht garantieren kann, dass die Erkrankung gestoppt wird, oder?
Die Garantie kann dir niemand geben. Und ich musste auch die Kosten selbst tragen.
War für dich trotzdem sofort klar, dass du dich operieren lässt?
Ich habe die Entscheidung schnell getroffen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt ja bereits seit vielen Jahren mental drunter gelitten und mir war klar, dass sich nicht ändern wird, wenn ich mich gegen die OP entscheide. Ich hätte zwar eine Diagnose gehabt, aber die Einschränkungen wären geblieben. Außerdem hat mich die Angst, dass es jederzeit schlimmer werden kann, sehr belastet.
Wie offen bist du in dieser Phase in deinem Familien- und Freundeskreis mit deiner Diagnose umgegangen?
Ich habe sehr schnell mit meinen Eltern und meinen engsten Freundinnen darüber gesprochen. Das war rückblickend unglaublich schön. Ich bin sehr dankbar, weil da so viel Verständnis war und ich immer den nötigen Rückhalt hatte. Es gab einfach keinen Zeitpunkt, in dem ich mich nicht unterstützt gefühlt habe. Das ist nicht selbstverständlich und dafür bin ich unfassbar dankbar.
Welche Ängste sind dir kurz vor der OP durch den Kopf gegangen?
Boah, das ist ganz schön viel, was einem da vorher durch den Kopf geht. Ich musste ja auch erst mal einen Arzt finden, bei dem ich mich gut aufgehoben fühlte. Allein diese Suche hat einige Zeit in Anspruch genommen, ganz abgesehen von der finanziellen Last. Kurz vor der OP war ich an einem Punkt, an dem ich dachte: »Was mach ich hier eigentlich? Das ist ja völlig bekloppt!« Aber ich glaube, es ist normal, dass diese Zweifel hochkommen. Ich habe noch mit keiner Person gesprochen, die vor der Operation gesagt hat: »Das ist genau das, was ich schon immer machen wollte.« Man weiß ja auch noch nicht, was auf einen zukommt.
Lipödem-OP: Ängste vor dem Eingriff und die hohen Kosten
Nun werden sich wahrscheinlich viele fragen, was so ein Eingriff kostet. Magst du darüber sprechen?
Da sind wir von-bis überall dabei. Um ganz offen zu sprechen, ich habe für meine beiden Operationen knapp 24.000 Euro bezahlt. Das geht günstiger, das geht aber auch teurer. Das Problem ist, dass sich das viele nicht leisten können und deshalb zum Beispiel im Ausland nach günstigeren Alternativen suchen. Da ist inzwischen ein richtiger Markt entstanden, weil es viele Kliniken gibt, die sich bloß daran bereichern wollen. Die Gefahr, dabei an einen unqualifizierten Arzt zu geraten, ist gar nicht mal so klein. Und schlimmstenfalls nimmt man dann all das auf sich und hat im Endeffekt mehr Probleme als vorher. Die Hürde zu einer Kostenübernahme durch die Krankenkasse ist leider unglaublich hoch. (Anmerkung der Redaktion: Das Interview fand statt, bevor eine Ausweitung der Leistungen für Lipödem-Betroffene durch die gesetzlichen Krankenkassen beschlossen wurde. Vgl. Infokasten.)
Lässt sich diese Summe im Voraus überhaupt abschätzen? Oder ist der Endbetrag ein Überraschungspaket?
Ich wusste zu dem Zeitpunkt in etwa, was ich pro OP und was ich für den Klinikaufenthalt bezahlen werde. Was dann noch on top kam, waren die Anästhesiekosten. Da wurde mir im Vorfeld bloß es ein grober Rahmen genannt und es hieß: »Wenn wir länger brauchen, wird es noch mal teurer.« Und es war ja auch noch nicht klar, ob sie in den beiden Operationen fertig werden oder ob es noch eine dritte geben wird. Außerdem weiß man nie, ob es bei diesen ersten Eingriffen bleiben wird oder ob man in ein paar Jahren noch mal wiederkommen muss. Daher können die Beträge sehr variieren.
Kommen wir nun zu der Operation an sich. Was genau ist in deinem Fall gemacht worden?
Wir haben es glücklicherweise in zwei Operationen geschafft, auch wenn das sehr knapp war. Zur Orientierung gibt es eine 10-Prozent-Regel: Das ist der Anteil des Körpergewichts, der in einer Operation an Volumen entfernt werden kann, ohne die Patientin kreislauftechnisch in eine schwierige Situation zu bringen. Bei mir wurden die kompletten Beine gemacht, die kompletten Arme, der untere Rücken und der Unterbauch. Und das waren ganze 16 Liter in zwei Operationen. Klar, da war auch noch ein bisschen von der eingespritzten Lösung dabei, aber selbst mein Arzt war sehr erstaunt darüber, wie viel da rausgekommen ist. Deswegen sind wir da schon sehr an die Grenzen gekommen. Eigentlich hätte ich noch eine dritte OP gebraucht, aber wir haben’s dann in zwei Etappen durchgezogen – das war nicht ohne.
Nachbehandlung beim Lipödem: Heilungsphase nach der OP
Das ist ja wirklich eine Menge. Wie ging es dir, als du aus der Narkose aufgewacht bist?
Nach der ersten OP war ich sehr müde und mir war schlecht, aber ich habe direkt gemerkt, wie viel leichter meine Beine sind. Dieses schwere Gefühl, was da immer da war, diese anstrengende, ziehende Schwere, war einfach weg, und das lag nicht an den Schmerzmitteln. Ich habe sofort meinen Stiefpapa angerufen und bin da überhaupt nicht drauf klargekommen, weil dieser Unterschied für mich so stark war. In dem Moment wusste ich, das ich die richtige Entscheidung getroffen hatte.
Ich stelle mir das gerade ein bisschen vor, wie den Moment, wenn man den ganzen Tag schwere Plateauschuhe anhatte und sie abends auszieht. Dann fühlt man sich ja auch so…
Leichtfüßig! Genau, so ähnlich, als würde man nach einem Tag auf der Piste die schweren Skischuhe ausziehen. Diese Leichtigkeit war total faszinierend.
Und wie lange musstest du stationär im Krankenhaus bleiben?
Jeweils eine Nacht. Ich wurde einmal morgens und einmal mittags operiert. Danach wurde ich für einen Nachmittag und eine Nacht überwacht und dann konnte ich nach Hause gehen. In erster Linie wird dabei auf den Kreislauf geachtet, weil so ein Eingriff wahnsinnig anstrengend für den Körper ist und man direkt im Anschluss noch gar nicht in der Lage wäre aufzustehen.
Das habe ich mir tatsächlich länger vorgestellt. Wie ging weiter, als du wieder zu Hause warst?
Der Weg von der Tiefgarage in die Wohnung war für mich der längste meines Lebens. Ich hätte nicht gedacht, dass das so anstrengend wird. Die ersten Tage gingen gar nicht. Mein Kreislauf war völlig im Keller, weil er die Operation und die Vollnarkose erst mal verarbeiten musste und dann darf man ja auch die unsichtbaren, großen Wundflächen unter der Haut nicht vergessen. Die ersten Tage lag ich eigentlich nur auf der Couch, habe geschlafen und zwischendurch versucht, meinen Kreislauf wieder anzukurbeln. An Hund und Haushalt war da gar nicht zu denken. Ich war komplett auf Hilfe angewiesen.
Du hast gerade die Wundflächen unter der Haut erwähnt, aber wie sah es mit den äußeren Wunden aus?
Das waren so zwischen acht und zwölf, würde ich sagen. Diese Wunden sind bei mir tatsächlich offengeblieben. Das macht jede Klinik anders. Manche nähen die Einstichstellen zu, bei mir wurden die offen gelassen. Das kam dann noch dazu: Diese Einstichstellen laufen in den ersten Tagen noch aus, weil man Wundwasser, Blut und Reste der injizierten Tumeszenzlösung verliert. Ich lag in meinem eigenen Wundwasser, das hat sich nicht so toll angefühlt.
In welchen Bereichen warst du auf Hilfe angewiesen?
Das hat schon mit dem Weg zur Toilette angefangen. Von der Couch aufstehen, irgendwie ins Bad kommen, hinsetzen, wieder aufstehen – das war in den ersten Tagen gar nicht so einfach. Und man muss ständig zur Toilette! Deshalb brauchte ich jemanden, der sich um mich kümmern und mich alle halbe Stunde ins Bad bringen konnte. Und natürlich: Essen kochen, Haare waschen, all solche Dinge.
Es ist ein Irrglaube, dass ein frühes Stadium halb so schlimm sei. Patientinnen im ersten Stadium haben oft mehr Schmerzen als Betroffene im dritten Stadium.
Wie lange hat es gedauert, bis du wieder die Alte warst?
Nach zwei, drei Wochen war das Schlimmste geschafft. Die ersten fünf bis sieben Tage sind am heftigsten. Danach hat man nur noch mit Schwellungen zu kämpfen, aber es wird dann von Tag zu Tag besser. Nach zwei oder drei Wochen war ich wieder in der Lage, am Alltag teilzunehmen, mich mit Freunden zu treffen und Unternehmungen außerhalb meiner Wohnung zu machen.
Ein Leben mit Lipödem: Alltag und psychische Herausforderunge
Jetzt müssen wir aber auch noch mal auf den mentalen Aspekt eingehen. Was hat die optische Veränderung mit dir gemacht?
Das war heftig. Ich bin mit einem Körper in die OP gegangen, den ich seit Jahren kannte und dann kam ich da raus und sah plötzlich ganz anders aus. Wenn man eine klassische Diät macht, ist das Abnehmen ja ein Prozess über mehrere Wochen und Monate. Das heißt, man kann sich Spiegel langsam daran gewöhnen und das neue Aussehen verinnerlichen. Das hat mir gefehlt. Mit diesem verzerrten Körperbild hatte ich wahnsinnig zu kämpfen, teilweise habe ich das bis heute. Wenn ich in den Spiegel geguckt habe, stand da für mich immer noch die alte Anna und ich dachte: »Warum hab ich das gemacht? Ich sehe ja aus wie vorher.« Das hat seine Zeit gebraucht.
Gab es vielleicht irgendwelche Tricks, mit denen du dir vor Augen führen konntest, dass sehr wohl etwas passiert ist?
Ja, was für mich sehr gut funktioniert hat, waren alte Kleidungsstücke. Zum Beispiel, wenn eine alte Jeans nicht mehr passte und ich mir eine Größe kleiner kaufen musste. Ein absolutes Schlüsselerlebnis war es, das erste Mal Stiefel anzuziehen. Das ging nämlich vorher nicht, weil ich sie nicht zu bekommen habe. Selbst Stiefletten haben oben eingeschnitten. An dem Tag habe ich da gar nicht drüber nachgedacht und als ich sie schließlich anhatte, hat sich das ganz falsch angefühlt, weil ich so viel Platz in den Schuhen hatte. Das sind so die Momente, in denen ich realisiert habe: »Krass, da ist wirklich was passiert.« Mittlerweile sind zwei Jahre seit den Operationen vergangen und ich würde sagen, ich bin wieder zu 95 Prozent bei mir. Doch es gibt immer noch Tage, an denen ich die alte Anna im Spiegel sehe und mich frage, wer ich jetzt eigentlich bin. Doch das ist kein Vergleich mehr zum ersten Jahr, das übrigens auch das »Heiljahr« genannt wird – mental und körperlich.
Inzwischen durftest du ja eine ganz besondere Erfahrung machen und die OPs anderer Menschen begleiten. Das heißt, du warst live im OP-Saal dabei und konntest dir anschauen, was zuvor mit dir gemacht worden ist. Wie kam es dazu und wie war das für dich?
Ich habe nach meinen Operationen angefangen, meine Geschichte bei Social Media zu teilen, um das alles zu verarbeiten. Ich wollte privat nicht ständig irgendwelche Bilder verschicken und sagen: »Guckt mal, wie krass das ist!« Aber ich musste diese Gedanken loswerden und so habe ich schnell an Reichweite gewonnen. Irgendwann bin ich dann gemeinsam mit meinem Arzt auf die Idee gekommen, dass es doch toll wäre, wenn ich mal zuschauen könnte, wie so eine OP abläuft. Daraufhin durfte ich die erste Patientin begleiten. Das war eine krasse Erfahrung, denn vor meiner eigenen OP wollte ich gar nicht so genau wissen, was da passiert, weshalb ich mich mit dem eigentlichen Vorgang nie im Detail befasst hatte. Dann plötzlich selbst bei der OP einer anderen Patientin dabei zu sein, war auf der einen Seite ein bisschen einschüchternd, aber andererseits auch faszinierend. Man kann sehen, wie sich dieser Körper langsam verändert und versteht, was in diesen Stunden passiert. Das hat mir geholfen, meine eigenen Eingriffe zu verarbeiten, weil ich seitdem besser nachvollziehen kann, was mit mir passiert ist, als ich aufgrund der Narkose nicht da war.
Wie sieht dein Leben heute aus?
Mein Leben jetzt hat in den letzten zwei Jahren eine 360-Grad-Wende hingelegt. Ich habe keine Schmerzen mehr im Alltag und kann auch im Sportbereich alles machen, worauf ich Lust habe. Und es gibt auch sonst keine Einschränkungen mehr, wenn ich eine kurze Hose oder einen Rock anziehen will, mache ich das einfach. Es gibt jedoch Tage, an denen ich das Lipödem noch in den Armen und Beinen spüre. Allerdings in einem sehr abgeschwächten Modus, sodass die Erkrankung für mich kein Problem mehr ist. Wahrscheinlich reagiere ich auch sehr sensibel darauf, weil ich darauf getrimmt bin. Aber was natürlich immer da ist, ist die Angst, dass es zurückkommt.
Wie groß ist denn überhaupt das Risiko, dass das passiert?
Eine richtige Statistik gibt es dazu nicht. Aber dir wird kein Arzt der Welt versprechen, dass du nie wieder Probleme haben wirst. Es ist ja so: Jeder Mensch hat eine fixe Anzahl an Fettzellen und wenn wir zu- oder abnehmen, quellen diese Zellen auf oder werden kleiner. Wir kriegen keine neuen dazu. Bei einer Operation werden viele dieser Fettzellen entnommen – nicht nur Lipödemfettzellen, auch gesundes Fettgewebe. So genau lässt sich das ja nicht abgrenzen, aber die entnommenen Zellen sind dann weg. Die Gefahr, dass es in den operierten Bereichen wieder zu Wucherungen kommt, sinkt dadurch enorm. Aber deshalb ist es wichtig, dass bei dem Eingriff gleichmäßig gearbeitet wird. Denn wenn in einigen Bereichen mehr zurückbleibt als in anderen, besteht das Risiko, dass es zu Ausbuchtungen kommt. Das ist ein großes Problem, das vor allem Patientinnen haben, bei denen nicht sauber gearbeitet oder zu wenig abgesaugt wurde. Das geht dann meist eine Weile gut, doch beim nächsten Schub fängt man von vorne an. Die Angst bleibt, denn es ist nun mal eine chronische Erkrankung und man weiß nie, wie der eigene Körper reagiert – vor allem im Hinblick auf hormonelle Umstellungen.
Auf unsere Hormone haben wir leider keinen Einfluss. Klar, wir können uns gegen hormonelle Verhütung entscheiden, aber es gibt ja Hormonschwankungen, die sich nicht vermeiden lassen – das reicht von der Pubertät über eine eventuelle Schwangerschaft bis zu den Wechseljahren. Wie gehst du mit dieser Unsicherheit um?
Ich versuche natürlich alles, was eine hormonelle Auswirkung auf mich haben könnte, aus meinem Alltag zu verbannen. Das fängt schon mit Wimpernserum an. Vielleicht ist das auch übertrieben, aber ich möchte jeglichen zusätzlichen Einfluss vermeiden. Und wie du schon sagst: Das Thema Schwangerschaft steht ja auch noch im Raum und ich habe keine Ahnung, was passiert, wenn es mal dazu kommt. Ich versuche, diese Gedanken zu verdrängen und mich darauf zu konzentrieren, wie gut es mir geht. Aber die Angst ist da.
Gibt es denn irgendwelche Prophylaxe-Maßnahmen, auf die du achten kannst?
Ich versuche natürlich, mich möglichst gesund zu ernähren und mich ausreichend zu bewegen. In vielen Fällen funktioniert zum Beispiel auch eine antientzündliche Ernährung sehr gut, weil das Lipödem letzten Endes ja auch ein Entzündungsprozess im Körper ist. Aber es gibt leider nicht dieses eine Mittel oder diesen einen Weg, um auf der sicheren Seite zu sein.
Du leistest in den Sozialen Medien schon länger sehr wichtige Aufklärungsarbeit. Und nicht nur das: Du hast auch einen OP-Guide herausgebracht und ein Tagebuch, in dem du Einblicke in das erste Heilungsjahr gewährst. Inwiefern können Betroffene davon profitieren?
Den OP-Guide habe ich hauptsächlich geschrieben, weil mir immer wieder die gleichen Fragen gestellt wurden und ich diese Fragen damals auch selbst hatte. Natürlich gab es ein Aufklärungsgespräch mit meinem Arzt, aber das bezog sich ja auf den Eingriff. Zuhause bist du nach deiner Entlassung allein. Ich persönlich hätte mir damals gewünscht, dass es so ein zusammengefasstes Dokument gegeben hätte. Ich habe da quasi alles reingepackt, was man rund um die OPs wissen muss und was in den ersten Tagen danach auf einen zukommt. Das reicht von meinen persönlichen Erfahrungen, bis hin zu verschiedenen Tools und Hilfsmitteln. Der Guide hilft Betroffenen, sich besser vorstellen zu können, was nach dem Eingriff auf sie zukommt.
Und das Tagebuch geht dann wahrscheinlich mehr auf den langfristigen Heilungsprozess ein, oder?
Genau, im Austausch mit anderen Betroffenen, habe ich festgestellt, dass fast alle mit denselben mentalen Herausforderungen zu kämpfen haben. Das Tagebuch soll anderen dabei helfen, sich selbst zu reflektieren und sowohl die körperlichen als auch die mentalen Veränderungen wahrzunehmen, die in dieser Phase passieren. Vielen fällt es schwer, einen Schritt zurückzutreten und von außen draufzuschauen, weshalb sie glauben zu stagnieren. Genau da soll dieses Tagebuch ansetzen und die Aufmerksamkeit auf die kleinen Erfolge lenken: »Guck mal, gestern konntest du dein Bein nur um 70 Grad abwinkeln, heute sind es schon 90!« Es ist egal, wie klein die Schritte sind, aber es ist wichtig zu verstehen, dass es vorwärts geht.
Unterdiagnostiziert und unterschätzt: Ein Appell an Betroffene
Wir haben eingangs schon darüber gesprochen: Das Lipödem ist noch immer stark unterdiagnostiziert. Was möchtest du denen mit auf den Weg geben, die das Gefühl haben, dass etwas nicht stimmt, sich aber von ihren Ärzt:innen nicht ernstgenommen fühlen?
Nicht aufgeben! Egal, was dein Arzt sagt, im Endeffekt kennst du deinen Körper am besten. Und wenn du das Gefühl hast, dass etwas nicht stimmt, bleib dran und suche weiter, bis du die richtige Praxis gefunden hast. Und nicht verzweifeln, du bist nicht allein.
Liebe Anna, vielen Dank für dieses offene Gespräch. Ich glaube, dass du vielen Betroffenen da draußen Mut zugesprochen hast. Alles Gute für dich.
Vielen, vielen Dank. Ich habe mich sehr über die Einladung gefreut. Und ich freue mich, dass ich durch die Erkrankung mein Herzensprojekt gefunden habe und hoffentlich ganz vielen Frauen da draußen helfen kann.
Kostenübernahme durch die Krankenkasse – das hat sich geändert
Kurz nachdem Diana und Anna sich zum Interview getroffen haben, hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) einstimmig beschlossen, dass die operative Behandlung, in Form einer Liposuktion, künftig eine Regelleistung der gesetzlichen Krankenversicherung wird. Das Lipödem-Stadium spielt ab 2026 keine Rolle mehr, jedoch ist die Kostenübernahme an strenge Bedingungen geknüpft: u. a. muss die konservative Therapie über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten erfolglos bleiben und der BMI der Betroffenen darf nicht größer als 35 kg/m² sein.