FURCHTLOS. INKLUSIV. ECHT.

ME/CFS

ME/CFS: Ein Leben zwischen Hoffnung und Stillstand

Ich bin fußläufig in die Reha gegangen und als Pflegefall wieder herausgekommen.

ME steht für Myalgische Enzephalomyelitis, CFS für das Chronische Fatigue-Syndrom. Und da fängt das Problem bereits an, denn es geht dabei um so viel mehr als »chronische Müdigkeit«. ME/CFS ist eine schwere neuroimmunologische Multisystemerkrankung, die oft nach viralen Infektionen auftritt. Allein in Deutschland gibt es mehr als 650.000 Betroffene – viele davon sind arbeitsunfähig und bettlägerig. Julia ist eine von ihnen. Um Diana das folgende Interview geben zu können, hat sich die ehemalige Rettungssanitäterin im Vorfeld über eine Woche isoliert, um Kraft zu sammeln: Kraft für die Anreise, für das Gespräch und all die äußeren Reize, denen sie sich im Alltag entziehen muss. Doch es war ihr wichtig, ihre Geschichte sichtbar zu machen, um auch für alle Betroffenen zu sprechen, die dazu nicht mehr in der Lage sind.

Triggerwarnung:

Chronische Erkrankung, Medical Gaslighting, Depression und assistierte Sterbehilfe

Frau mit Tattoos sitzt in einem grauen Pullover vor einem blauen Hintergrund und schaut nachdenklich zur Seite.

Interview: Diana Ringelsiep

ME/CFS und Long COVID: Wenn Erschöpfung keine Müdigkeit ist

Liebe Julia, ich freue mich wahnsinnig, dass du – aller Strapazen zum Trotz – heute hier bist, um mit mir über deine Erkrankung zu sprechen.

Liebe Diana, ich freue mich sehr, hier sein zu dürfen. Leider sind solche Projekte aufgrund meiner ME/CFS-Erkrankung ein Riesenkraftakt für mich. Ich bin auch etwas angeschlagen, weil in der letzten Woche viel passiert ist, umso mehr freue ich mich, heute hier sitzen zu können.

Wie geht es dir heute?

Ich bin müde und habe Schmerzen, aber grundsätzlich ist es okay heute. Das sind natürlich viele Reize an so einem Tag, weshalb ich zwischendurch manchmal rausgehen und durchatmen muss – aber gleichzeitig ist da natürlich auch viel Freude und Aufregung darüber, hier bei Picky Talk über meine Erkrankung sprechen zu dürfen.

ME/CFS erkennen: mehr als Müdigkeit

  • Post-Exertionelle Malaise (PEM) nach geringer Belastung
  • Starke körperliche und kognitive Erschöpfung
  • Brain Fog, Wortfindungsstörungen und Konzentrationsprobleme
  • Schmerzen, Schlafstörungen und Kreislaufbeschwerden
  • Reizempfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen oder Berührung
  • Zustandsverschlechterung nach Aktivität, Stress oder Infekten

Wichtig: ME/CFS ist keine normale Müdigkeit und keine Einbildung. Bei Verdacht sollten Betroffene ernst genommen und möglichst an erfahrene Anlaufstellen verwiesen werden.

Dann legen wir doch direkt los! Du hast im Alter von 30 Jahren beschlossen, noch mal ganz von vorne anzufangen und einen neuen Beruf erlernt, nämlich Rettungssanitäterin. Wie kam es dazu?

Ich bin gelernte Kauffrau für Dialogmarketing und habe damals in einer Agentur für Verlagsdienstleistungen gearbeitet. Später habe ich fast anderthalb Jahre in der Schweiz gelebt und als Projektmanagerin gearbeitet, aber dann habe ich zwei sehr heftige Schicksalsschläge innerhalb von drei Monaten erlebt: Erst hatte meine Mama einen schweren Schlaganfall während der Autofahrt und drei Monate später hatte mein Vater – ebenfalls während der Autofahrt – einen schweren Krampfanfall, woraufhin ein Glioblastom bei ihm festgestellt wurde (Anmerkung der Redaktion: ein aggressiver bösartiger Hirntumor). Vom Tag der Diagnose bis zu dem Tag, an dem er gestorben ist, sind bloß sieben Wochen vergangen. Sieben Wochen, in denen ich meinen Vater intensiv begleitet habe, auch auf Intensivstation – diese Einblicke fand ich sehr spannend. Danach bin ich in meinen Alltag zurückgekehrt und habe zunächst einfach weitergemacht. Doch was meinen Eltern passiert ist, hat mich natürlich eingeholt, weshalb ich eine Therapie gemacht habe. Und dann stellte ich fest: Ich werde bald 30 und alle anderen bauen Häuser, haben Bausparverträge und kriegen Kinder – aber ich habe das alles nicht. Ich war irgendwie lost. Also habe ich beschlossen, ein Praktikum im Rettungsdienst zu machen. Ich war dann über zwei Wochen in der Notfallrettung und danach habe ich die Ausbildung zur Rettungssanitäterin gemacht.

Dieser Job hat dein Leben von Grund auf verändert. Welche Erinnerungen hast du an die Anfangszeit?

Ich musste für die Ausbildung umziehen und hatte eigentlich nicht vor, dort lange zu bleiben, weil ich langfristig zurück in meine Heimat wollte. Doch dann lernte ich bei der Arbeit meinen Herzmann kennen und dachte nur: »Oh Gott. Echt jetzt?« Ich war anfangs noch etwas zurückhaltend, obwohl bei ihm schon ganz viele Schmetterlinge im Spiel waren, aber dann habe ich dem Ganzen eine Chance gegeben. Es stellte sich heraus, dass wir beruflich wie privat ein großartiges Team sind – also sind wir von da an auch als festes Team zusammen auf dem Rettungswagen (RTW) gefahren.

Das heißt, ihr wart rund um die Uhr zusammen?

Ja, 24/7. Aber privat war privat und sobald wir unsere Uniformen anhatten, waren wir Kollegen. 2020 haben wir dann beschlossen, zu heiraten. Ich weiß noch, dass wir beim Standesamt waren, um einen Termin zu machen und die Beamtin packte ihre ganzen Kataloge aus. Da haben wir gesagt: »Das brauchen wir alles nicht, das muss ratzfatz gehen. Wir kommen im Dienst mit dem RTW.« Und das haben wir dann auch gemacht.

Corona im Rettungsdienst: Wie Long COVID begann

Dann brach die Corona-Pandemie über uns herein und als Rettungskräfte wart ihr dem beide an vorderster Front ausgesetzt. Wie ging es dir damit, warst du eher entspannt oder hast du dir Sorgen in Hinblick auf eine mögliche Infektion gemacht?

In unserem Beruf ist Angst der falsche Begleiter. Aber ich hatte wahnsinnig großen Respekt vor der Situation, weil ich wusste, dass wir bittere Sachen sehen und erleben werden. Und genau das ist dann auch eingetroffen.

Was hat das psychisch mit dir gemacht?

Es war natürlich eine enorme Belastung, von jetzt auf gleich in Vollschutz und mit FFP2-Maske in Einsätze reinzugehen. Ich konnte plötzlich die Gesichter der zu behandelnden Menschen nicht mehr sehen und sie mich ja auch nicht. Auf der Intensivstation habe ich die Infizierte in Bauchlage liegen sehen und ich habe mitgekriegt, wenn es auf einmal ganz schnell gehen musste, weil sie keine Luft mehr gekriegt haben. Wir haben auch selbst Patienten ins Krankenhaus gebracht, von denen wir dachten, dass sie es schaffen – und später haben wir mitbekommen, dass es leider nicht so war.

Wie war die Stimmung bei euch im Kollegium?

Irgendwann kam ja dann der erste Impfstoff, der alles irgendwie richten sollte und von da an nahmen die meisten es ein bisschen lockerer. Plötzlich hieß es: »Jetzt können wir uns ja wieder in den Arm nehmen, wir sind doch alle geimpft!« Irgendwann wurden auch die Autos nicht mehr so gründlich desinfiziert, denn: »Wir sind ja alle geimpft!« Aber mir war das nicht geheuer, es wusste ja schließlich keiner, was passiert, wenn wir es trotzdem kriegen.

Und dann hast du dich infiziert. Kannst du rückblickend noch rekonstruieren, in welcher Situation das passiert ist?

Das werde ich nie vergessen. Das war an einem Samstag im November, es war kalt und die Sonne schien. Ein schöner Wintertag. Der Einsatzort, zu dem wir gefahren sind, lag nicht mal in unserem Gebiet, aber wir waren eben gerade vor Ort. Wir haben das immer so gehandhabt, dass nur einer von uns reingegangen ist, wenn wir von der Leitstelle wussten, dass möglicherweise eine Corona-Infektion vorlag. Das habe ich dann meistens übernommen. Also hat mein Teampartner, mein Ehemann, mich draußen angezogen: komplette Vollmontur, zwei Paar Handschuhe und zum Schluss noch Tape drumgewickelt, sodass nichts zu mir durchdringen konnte.

Was ist dann passiert?

Ich bin rein in die Situation und habe mir die Patientin angeguckt. Sie saß in ihrem Sessel und hatte Schnupfen und Fieber, war aber soweit okay. Sie hatte zumindest keine Luftnot oder ähnliches, weshalb ich sie dann auch darum gebeten habe, zu meinem Schutz eine Maske aufzusetzen. Doch ihre Antwort war: »Nö!« Sie meinte, sie bräuchte das nicht, schließlich hätte sie das Virus ja schon. Aber draußen standen ihre Kinder, die nicht zu ihr reindurften und mich gebeten hatten, ihrer Mutti was zu trinken hinzustellen. Also habe ich das noch schnell gemacht, ist doch klar. Jedenfalls wollte die Dame warmen Holundersaft. Ich sagte: »Okay, dann bleiben Sie bitte in ihrem Sessel sitzen und ich mache Ihnen den warm.« Plötzlich stand sie hinter mir und hat erzählt und erzählt, weil sie endlich jemanden zum Reden hatte. Da war ich echt wütend.

Zumal du sie ja vorher konkret darauf angesprochen hattest und sie die Maske verweigert hat.

Genau, sie hat sich einfach geweigert. Und draußen stand auch noch ihre Nachbarin, die ebenfalls Corona-positiv war und mit meinem Mann über ihre Quarantäne diskutierte. Ich war so wütend und habe damals gesagt: Wenn ich noch mal in die Situation komme, dass jemand Hilfe braucht – und ich helfe gern – aber mein Schutz ignoriert wird, dann gehe ich rückwärts wieder raus. Eigenschutz geht vor.

Das war die Konsequenz, die daraus gezogen hast, aber da war es bereits passiert. Du hast dich trotz Maske, Handschuhen und dreifacher Impfung infiziert.

Genau.

Long COVID oder ME/CFS?

Nicht jede Long-COVID-Erkrankung führt zu ME/CFS. Halten Beschwerden jedoch über längere Zeit an oder verschlechtern sie sich nach körperlicher oder geistiger Belastung deutlich, sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen.

Typische Symptome können sein:

  • anhaltende Erschöpfung und starke Belastungsintoleranz
  • Brain Fog (Konzentrations- und Gedächtnisprobleme)
  • Geruchs- und Geschmacksverlust
  • Atemnot, Herzrasen oder Kreislaufprobleme
  • Muskel-, Gelenk- oder Nervenschmerzen
  • deutliche Verschlechterung nach körperlicher oder geistiger Belastung (Post-Exertional Malaise, kurz PEM)

Wichtig: Die sogenannte Post-Exertional Malaise (PEM) gilt als Leitsymptom von ME/CFS. Dabei verschlechtern sich die Beschwerden oft erst Stunden oder sogar Tage nach einer körperlichen, geistigen oder emotionalen Anstrengung erheblich.

Wie ist deine akute Infektion verlaufen? Was waren die ersten Symptome?

Also erst mal muss ich dazu sagen, dass alle Schnelltests negativ waren. Ich hatte danach noch einen Dienst, in dem ich schon sehr müde war und mir alles weh tat. Das war im Dezember 2021, danach hatte ich vier Wochen Urlaub, weil ich noch so viel Resturlaub hatte. Fünf Tage später habe ich dann einen Freund besucht. Ich weiß noch, dass er sagte: »Also irgendwie gefällst du mir nicht. Du bist total neben der Spur, irgendwas ist komisch.«

Und selbst da waren die Tests noch negativ?

Ja, alles negativ. Ich hatte auch kein Fieber, ich kriege nie Fieber. Aber am 6. Dezember habe ich dann abends zu meinem Mann gesagt: »Ich bin Corona positiv.« Er antwortete: »Sagt wer?«, denn die Schnelltests waren ja negativ. Aber mir taten die Lymphknoten extrem weh, obwohl sie nicht geschwollen waren. Am nächsten Tag hatte er Dienst und da es mir immer noch nicht besser ging, habe ich noch einen Test gemacht. Doch beim Warten auf das Ergebnis bin ich eingeschlafen. Als ich ihn dann später entsorgen wollte, dachte ich: »Okay, vielleicht bilde ich mir das ein, aber da ist doch ein zweiter Strich.« Also habe dann meinen Mann angerufen und ihm erzählt, dass ich vielleicht Corona habe, weil es bei genauem Hinschauen ein bisschen so aussieht. Aber er sagte: »Da wird schon nichts sein. Vielleicht schwanger gibt es auch nicht.« Abends sind wir dann gemeinsam zu meiner Hausärztin gefahren, wo mein Mann mich vor der Tür abgestrichen hat. Meine Hausärztin kam sogar noch raus und sagte ebenfalls: »Da ist nichts.« Tja, und abends kam dann die Nachricht, dass ich Corona-positiv bin. Da dachte ich nur: »Scheiße.«

Dein Bauchgefühl vom Anfang war richtig.

Ja, das war die ganze Zeit da. Ich habe dann so ein fünfseitiges Schreiben bekommen, wie ich mich zu verhalten habe. Darin stand zum Beispiel auch, dass ich in einem gesonderten Raum schlafen muss. Aber das wollte mein Mann nicht, aufgrund meiner rezidivierenden Depression. Aber er hat sich nicht angesteckt.

Long-COVID-Symptome: Brain Fog, Schmerzen und neurologische Beschwerden

Wie ging es dann weiter?

Es fing mit dem typischen Geruchs- und Geschmackverlust an. Außerdem hatte ich diese Müdigkeit, Schnupfen und Gelenk- und Gliederschmerzen. Sowas hatte ich noch nie in meinem Leben. Ich habe zwei Nächte auf der Sofakante gesessen, weil ich keine Luft gekriegt habe. Zwischendurch dachte ich auch mal, dass es wahrscheinlich sinnvoll wäre, ins Krankenhaus zu fahren. Aber ich hatte ja bereits viel schlimmere Fälle gesehen und den Gedanken dann wieder verworfen.

Brain Fog ist ja auch ein sehr typisches Symptom. Hattest du den auch?

Ja, sogar bereits während der Akutinfektion. Ich habe ständig irgendwelche Sachen gesucht. Einmal haben wir zum Beispiel das Festnetztelefon nicht gefunden. Ich hatte es zuletzt, aber ich konnte mich nicht daran erinnern, wo ich es hingelegt hatte – bis wir es im Kühlschrank gefunden haben. Ich bin auch mitten in Gesprächen aufgestanden, weil ich inhaltlich nicht mehr folgen konnte. Auffällig wurde es dann aber erst, als ich wieder negativ war und der Brain Fog blieb. Denn bis dahin hatte ich ja gedacht, dass ich wieder gesund werde. Vor Weihnachten kam es dann noch zu einer Situation im Supermarkt, die mir besonders in Erinnerung geblieben ist. Ich sollte irgendetwas holen, aber ich stand einfach nur da – total lost – und habe mich gefragt, in welchem Supermarkt ich mich befinde und was mein Auftrag ist. Ich kam nicht drauf und war völlig verzweifelt, weil mir das richtig Angst gemacht hat. Ab da war klar, dass da wirklich etwas nicht stimmt. Auf dem Heimweg habe ich meinen Mann im Dienst angerufen und gesagt: »Ähm, ich bin mit dem Auto unterwegs, aber ich weiß nicht, wo ich bin und wie ich nach Hause komme.« Seitdem fahre ich kein Auto mehr.

Welche körperlichen Symptome kamen noch dazu und wie sind deine behandelnden Ärzte damit umgegangen?

Ich hatte von Anfang an Glieder-, Gelenk- und Kopfschmerzen. Außerdem zuckte mein rechtes Bein immer. Das fühlte sich an wie Stromschläge oder Nervenschmerzen. Damals konnten wir noch gar nicht einordnen, was in meinem Körper passierte. Kurz bevor ich wieder arbeiten gehen wollte, bin ich dann im Supermarkt umgekippt und ins Krankenhaus gekommen. Die haben dann gesagt: »Montag arbeiten? Nee, du nicht.« Kurz darauf kam dann auch der Punkt, an dem ich nicht mehr richtig sprechen konnte, sondern stark gestottert habe.

Mein Brain Fog war so schlimm, dass ich plötzlich den Heimweg vom Supermarkt nicht mehr kannte. Seit dem Tag fahre ich kein Auto mehr.

ME/CFS-Diagnose: Medical Gaslighting und der lange Weg zur richtigen Hilfe

Weil dir die Worte nicht eingefallen sind oder weil dir die Kraft fehlte?

ME/CFS ist eine schwere neuroimmunologische Erkrankung, das heißt, da flammt ständig etwas in dir auf, weil es immer wieder zu neuen Entzündungen kommt. Der Körper ist auf Dauersendung – also in ständiger Alarmbereitschaft, weil das Nervensystem völlig durcheinander ist. Im MRT sieht man bei mir auch Läsionen, also Entzündungsherde. Als ich damals mit meinem rechten Bein erstmals bei einem Neurologen war, wurde ich nicht ernst genommen. Und ich muss dazu sagen: Zu dem Zeitpunkt hatte ich diese Symptome bereits seit anderthalb Jahren, aber aufgrund des Medical Gaslightings, das ich zuvor erfahren hatte, habe ich mich nicht getraut, zu einem Neurologen zu gehen – offenbar zu Recht. Auch später in der Reha haben sie diese Symptome nicht ernst genommen.

Das heißt, die Ärzte dachten, dass sei…

Psychisch! Der Neurologe hat mich angeguckt und gesagt: »Das gibt es alles nicht, das ist psychisch. Nehmen Sie dreimal am Tag eine Tavor, dann haben Sie keine Probleme mehr.«

Na Bravo! Ein starkes Beruhigungsmittel mit hohem Abhängigkeitspotenzial.

Das habe ihm auch gesagt, aber er meinte, davon kriegt er mich schon wieder runter, er sei ja schließlich auch Psychiater. Ich habe ihm ihm dann immerhin ein Kopf-MRT aus den Rippen geleiert, weil wir eben wissen wollten, was los ist, bevor ich in die neurologische Reha gehe.

Medical Gaslighting: Wenn Beschwerden nicht ernst genommen werden

  • Körperliche Symptome werden vorschnell als psychisch abgetan
  • Betroffene zweifeln an ihrer eigenen Wahrnehmung
  • Diagnostik oder passende Versorgung verzögert sich
  • Angehörige, Arbeitgeber oder Behörden können den Druck verstärken
  • Symptomtagebücher und Befunde können helfen, Beschwerden sichtbar zu machen

Wichtig: Psychologische Unterstützung kann entlasten. Sie darf aber nicht dazu führen, körperliche Beschwerden zu entwerten oder notwendige Abklärung zu ersetzen.

Reha bei ME/CFS: Warum Belastung zum Crash führen kann

Mit welchen Hoffnungen bist du diese Reha gegangen?

Ich habe gedacht, dass ich da reingehe und harte Arbeit machen muss, aber dass ich dafür auch Gleichgesinnte treffen werde, mit denen ich mich austauschen kann. Stattdessen war ich in einer neurologischen Reha, in der ich die einzige war, deren Zustand auf einer Corona-Infektion beruhte. Ich habe viel Sport machen müssen und wurde kränker und kränker. Irgendwann konnte ich nicht mal mehr im Speisesaal sitzen oder meine Gabel halten. Außerdem bin ich ständig gestürzt, weil mein Bein nicht hinterhergekommen ist. Ich war völlig verzweifelt und habe die Welt nicht mehr verstanden. Da waren MS-Patienten und Menschen, die gerade einen Schlaganfall oder einen Gehirntumor hatten – und alle haben Sport gemacht und sagten: »Das tut mir voll gut.« Und ich saß daneben und mir ging es von Tag zu Tag schlechter.

Das müssen die Ärzt*innen doch bemerkt haben.

Ich habe den Oberärzten bei der Visite natürlich Bescheid gesagt, aber die wussten auch nicht weiter und haben es auf meine Psyche geschoben. Zum Glück wurde ich dort auch von einem guten Neuropsychologen begleitet – das war der einzige Arzt, der gesagt hat, dass das nicht geht mit dem Sport. Ich habe das erst nicht verstanden, schließlich war ich doch deswegen da. Doch dieser Neuropsychologe war der erste, der den Verdacht ME/CFS geäußert hat. Kurz darauf bin ich eher aus der Reha entlassen worden, weil sie dort mit ihrem Latein am Ende waren. Da brach meine Welt zusammen. Ich bin fußläufig in die Reha gegangen und als Pflegefall wieder rausgekommen.

PEM und Pacing: Belastungsgrenzen schützen

  • PEM bedeutet eine deutliche Zustandsverschlechterung nach Belastung
  • Auslöser können körperlich, kognitiv, emotional oder sensorisch sein
  • Ein Crash kann zeitverzögert nach Stunden oder Tagen auftreten
  • Pacing hilft, Energie einzuteilen und Überlastung zu vermeiden
  • Ruhepausen, Reizreduktion und Hilfsmittel können den Alltag stabilisieren
  • Training nach dem Motto „immer mehr schaffen“ kann bei PEM schaden

Ziel: Die eigene Belastungsgrenze erkennen, Crashs vermeiden und vorhandene Energie so einsetzen, dass der Zustand möglichst stabil bleibt.

Leben mit ME/CFS: Pflegegrad, Isolation und Alltag im Dunkeln

Zurück zuhause, sah dein Alltag komplett anders aus. In welcher Verfassung warst du zu dem Zeitpunkt?

Als ich nach Hause kam, war ich sehr enttäuscht und wütend. Auf einmal drehte sich alles um eine Pflegestufe und einen Grad der Behinderung. Ich musste tagelang im Dunkeln liegen – manchmal auch Wochen. Plötzlich gab es Tage, an denen ich es nicht mehr geschafft habe, auf einem Stuhl zu sitzen. Alle waren überfordert. Mein Mann war überfordert. Meine Familie war überfordert. Wir sind von Arzt zu Arzt gefahren, haben sogar eine Privatklinik aufgesucht. Irgendwann konnte ich nicht mal mehr einen Stift halten. Ich habe Buchstaben verkehrt herum geschrieben und bis heute hängen bei uns überall Post-its, weil ich alles vergesse. Aber es wird besser. Damals wurde ich von einem Professor in Bremen neuropsychologisch getestet und das Ergebnis ist wirklich furchtbar ausgefallen. In dem Bericht stand, dass meine kognitive Leistung ein demenzielles Syndrom zeigt, obwohl ich nicht demenzkrank bin.

Du hast gerade schon erwähnt, dass dein Umfeld mit der Situation überfordert war. Wurde dir von anderen das Gefühl vermittelt, dass du dich mehr anstrengen musst?

Von meinem Arbeitgeber wurde ich zum Beispiel nie ernst genommen. Mir wurde sogar unterstellt, dass ich schauspielere. Und für meine Familie und meinen Mann war das natürlich auch eine Umstellung. Vor der Erkrankung habe ich den Laden zuhause geschmissen. Ich habe eingekauft, gekocht und wenn es mir in den Kopf kam, habe ich noch schnell einen Kuchen gebacken. Ich bin regelmäßig zum Sport gegangen, habe Freunde getroffen und vier Bücher in einer Woche gelesen. Und neben dem Rettungsdienst, habe ich aus Spaß an der Freude auch noch auf einer geschlossenen Station in der Psychiatrie gearbeitet. Nicht, weil ich musste, oder das Geld brauchte, sondern weil ich über den Tellerrand schauen wollte. Und dann war das plötzlich alles weg. Umso trauriger, dass ME/CFS-Betroffene nicht nur Medical Gaslighting erleben, sondern auch vom eigenen Umfeld gegaslightet werden.

Darf ich dich fragen, welche Auswirkungen das auf deine Freundschaften hatte?

Da ich nicht mehr so kann, wie ich gerne möchte, ist es weniger geworden. Sehr viel weniger. Ich bin isoliert und einsam. Es gibt Menschen, die sind da und die kommen, wenn ich anrufe. Das weiß ich auch. Aber ich wünschte, manchmal würde einfach so mal jemand vorbeikommen und meine Hand halten. Eine Freundin, die neben mir auf dem Sofa liegt und ein Buch liest oder eine Serie guckt, während ich was auf den Ohren habe. Die Geste zählt.

Das glaube ich.

Ich habe es nicht mal auf der Hochzeit meines Bruders geschafft. Letztes Jahr ist meine kleine Nichte geboren, doch ich konnte sie bisher nur per Facetime kennenlernen, weil die weite Fahrt einen Crash auslösen könnte. Das ist eine sehr emotionale Geschichte für mich. Ich frage meine Mutter, meinen Mann und meinen Bruder immer wieder, ob ich sie wohl jemals im Arm halten werde. Oder ob sie irgendwann ein Bild von mir sieht und sich fragt: »Wer ist die denn?« Ich gehe jetzt ins fünfte Jahr – und durch das anhaltende Medical Gaslighting und den Kampf mit Behörden habe ich das Gefühl, mich gibt es gar nicht mehr. Also, ich bin da. Die Hülle ist da. Ich atme. Aber ich bin ans Haus und ans Bett gebunden, deshalb gibt es mich an anderen Orten – wie beispielsweise der Arbeit – nicht mehr. Und ich glaube, bei Menschen ist das genauso. Wenn du tagelang in einem dunklen Raum liegst. Isoliert mit Kopfhörern und Schlafbrille, dann bist du lebendig begraben. Es gibt mich nicht mehr.

Ich gehe jetzt ins fünfte Jahr und durch das anhaltende Medical Gaslighting und den Kampf mit Behörden habe ich das Gefühl, mich gibt es nicht mehr.

ME/CFS ist keine psychische Erkrankung: Stigma und Versorgungslücken

ME/CFS ist älter als COVID, aber aufgrund der vielen neuen Fälle wird inzwischen häufiger darüber gesprochen. Trotzdem wissen nur die Wenigsten, was das für Betroffene wirklich bedeutet. »Erschöpfungssyndrom« klingt eben nach »ein bisschen müde«, dabei ist es so viel mehr als das. Warum schauen so viele Menschen weg?

Die Menschen sind in dem Irrglauben, dass ME/CFS nur durch Corona ausgelöst werden kann. Deswegen ist es für viele nicht präsent. Die Erkrankung kann aber durch verschiedenste Viruserkrankungen ausgelöst werden – unter anderem auch durch Influenza, Herpes Zoster oder das Epstein Barr Virus, auch bekannt als Pfeiffersches Drüsenfieber. Doch die Erkrankung wird nicht ernst genommen, weil die Deutsche Gesellschaft für Neurologie sagt, ME/CFS sei kein neurologisches, sondern ein psychiatrisches Problem. Die Psychiater sagen wiederum etwas anderes. Die WHO hat ME/CFS bereits 1969 als organisch-neurologische Erkrankung anerkannt und trotzdem wurde seitdem nicht geforscht – wir sind heute auf dem Stand, auf dem wir in den 1980ern mit HIV waren. Gleichzeitig haben die Psychiater auch etwas damit zu tun, weil das Krankheitsbild sich ja auch negativ auf die psychische Verfassung auswirkt und depressiv macht. Es macht lebensmüde, nichts mehr von all dem zu können, was das Leben einmal ausgemacht hat. Wenn du eine Krebsdiagnose kriegst, hast du ein Team von Onkologen an deiner Seite, die wissen, was zu tun ist. Diese Menschen werden selbstverständlich auch psychologisch begleitet und betreut. Doch wenn ME/CFS-Erkrankte sich psychologische Hilfe holen, wird ihnen das negativ ausgelegt.

Off-Label-Use bei ME/CFS und Long COVID: Wenn Betroffene selbst zahlen

Auch in puncto Kostenübernahme werden viele Betroffene im Stich gelassen. Gibt es Behandlungen, die dir helfen, aber deren Kosten du selbst tragen musst?

Alles, was mir ein bisschen Lebensqualität zurückgibt und mir hilft, fällt unter die Kategorie Off-Label-Use. Das heißt, diese Dinge zahlen wir selbst. Ich kriege zum Beispiel seit einem Jahr die Abnehmspritze von meiner Ärztin verschrieben, die auch Diabetologin ist. Denn es gibt Berichte über Studien, in denen Parkinson- und Alzheimer-Patienten mit dem Wirkstoff Semaglutid geholfen werden konnte. Ich habe also angefangen, mir auf eigene Kosten einmal die Woche eine sehr niedrige Dosis zu spritzen – und schon nach sechs Wochen fing ich wieder an zu riechen.

Wirklich, nach all den Jahren? Das ist ja der Wahnsinn.

Ja, ich erinnere mich noch sehr genau: Ich hatte einen ganz schlechten Tag und lag im Dunkeln. Am späten Nachmittag versuche ich immer, auf der Bettkante zu sitzen und danach ziehe ich – wenn möglich – ins Wohnzimmer um, wo ich mich dann mit Kopfhörern und Augenmaske hinlege. Aber an dem Tag konnte ich nicht richtig sitzen und mein Mann hat mir eine Cola gebracht. Ich habe einen Schluck genommen und musste weinen, weil diese Cola in meinem Mund explodiert ist. Da habe ich zu meinem Mann gesagt: »Ich kann die nicht trinken, die ist mir zu süß.« Und er fragte fassungslos: »Du schmeckst Cola?!« Kurz darauf wurde auch meine Sprache besser. Erst nur ein bisschen und dann wurden die Fortschritte immer größer. Als ich meinem Neurologen später ganz begeistert davon erzählte – denn irgendwas muss ja in meiner Birne stattgefunden haben – antwortete er: »Wenn die Psyche dran glaubt, dann wird es wohl so sein.«

Unglaublich. Dennoch sind diese Erfolgserlebnisse nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Du erfährst noch immer Medical Gaslighting und durchlebst immer wieder sehr düstere Phasen. Nun bist du den Schritt gegangen und hast dich im Verein für Sterbehilfe angemeldet. Inwiefern verschafft dir das Frieden?

Ich habe immer gesagt, wenn der Tag kommt, an dem ich im Liegen esse und die Gabel nicht mehr halten kann, dann möchte ich das nicht mehr. Ich will nicht, dass mein Mann neben mir sitzt und sagt: »Du musst kauen, du musst schlucken.« Oder wenn der Tag kommt, an dem wir Opiate ausprobieren müssen, weil nichts mehr an Schmerzmitteln greift – das möchte ich nicht. Diese Situationen sind bereits alle eingetreten, aber dann habe ich Pausen eingelegt und weitergegessen, denn sterben wollte ich nicht. Doch irgendwann ging es mir so schlecht, dass auch mein Mann eine Pause zum Luftholen brauchte. Ich war dann bei meiner Mama und eines Tages lag ich bei ihr im Badezimmer auf dem Boden und habe alles vollgespuckt. Ich war von oben bis unten voll mit Erbrochenem und habe gesagt: »Lass mich einfach auf der Fußbodenheizung liegen, bis ich es schaffe, alleine aufzustehen. Ich zieh mich dann um und mache das weg.« Aber sie sagte: »Du bist doch mein Kind. Ich helfe dir und wasche dich.« Aber ich habe den Gedanken nicht ertragen, dass sie gerade Oma geworden ist und ihre erwachsene Tochter waschen muss, anstatt Zeit mit ihrer Enkelin zu genießen. Meine Mama sagte: »Das machen Mütter eben so.« In dem Moment wollte ich nicht mehr, weil das für mich kein Leben ist. Da habe ich beschlossen, mich im Verein für Sterbehilfe anzumelden und diese Selbstbestimmtheit hat mir Frieden verschafft. Mein Mann und meine Mutter haben wir versichert, dass sie meine Entscheidung mittragen werden. Das heißt, ich bin dort nun registriert und sollte es irgendwann so weit sein, stellen Sie den Antrag für mich.

Psychische Krise: Hol dir Unterstützung

  • Schwere chronische Erkrankungen können Hoffnungslosigkeit auslösen
  • Sterbewünsche sollten ernst genommen und professionell begleitet werden
  • Vertrauenspersonen, Hausarztpraxis oder Psychotherapie können erste Anlaufstellen sein
  • Telefon-Seelsorge: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123
  • Bei akuter Gefahr: 112 oder die nächste psychiatrische Notaufnahme

Wichtig: Diese Hinweise ersetzen keine Notfallhilfe. Wer akut gefährdet ist oder Angst hat, sich etwas anzutun, sollte sofort Hilfe holen.

Leben mit ME/CFS: Hoffnung, Pacing und kleine Kraftmomente

Was gibt dir im Alltag die nötige Kraft, um durchzuhalten?

Ich liebe Bücher. Am liebsten hätte ich ein Buchcafé auf der Insel Föhr, das ist der schönste Ort für mich. Es gibt mir immer Kraft, wenn ich ein paar Seiten lesen kann – dann habe ich Schmetterlinge im Bauch. Außerdem geben mein Mann und meine Familie mir ganz viel Kraft. Oft sind es auch kleine Dinge. Ich habe zum Beispiel ein Murmelglas, und abends liegen immer welche drin. Selbst wenn es nur eine einzige Murmel ist, die es ins Glas schafft – einen besonderen Moment gibt es immer. Manchmal reicht es schon, mal richtig die Tränen rauszulassen, anstatt sie runterzuschlucken. Ich sage immer: Morgen kommt ein neuer Himmel.

Du hast dich lange hierauf vorbereitet und Kraft gesammelt, um dieses Interview möglich zu machen. Und jetzt sitzt du ihr, als Sprachrohr für all die Betroffenen, die niemand hört und die nicht gesehen werden. Gibt es etwas, was du diesen Menschen sagen möchtest?

Ich werde jetzt keine Durchhalteparolen aufsagen und euch etwas von einem guten Mindset erzählen. Der Weg wird hart, denn es liegt an der Forschung, Medikamente zu entwickeln, die uns mehr Lebensqualität verschaffen. Es muss ja auch nicht gleich eine Steigerung von 100 Prozent sein, selbst 5 und 20 Prozent könnten schon eine große Verbesserung für viele von uns darstellen. Ich werde bald 44 und ich durfte schon viel Gutes erleben. Ich habe nachts unterm Sternenhimmel getanzt, aber auch viele nicht so schöne Sachen erlebt. Dennoch sind meine Gedanken bei den Eltern der betroffenen Kinder, weil diese Kinder noch gar nichts erlebt haben. Die Kinder sind die großen Kämpferherzen und deshalb möchte ich euch sagen: Auch für euch wird ein neuer Himmel kommen und ich wünsche euch von Herzen, dass ihr eines Tages eure Freunde in der Schule wiedersehen werdet.

Liebe Julia, ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass ich dich kennenlernen durfte. Ich war schon nach unserem Vorgespräch voller Liebe für dich und ich bin wahnsinnig stolz auf dich, weil du das heute durchgezogen hast.

Und ich bin euch sehr dankbar für die Möglichkeit. Wenn ich nur eine Person damit erreiche, die sagt: »Geil, ich ziehe da mit. Auch wenn heute alles Scheiße ist, morgen kann es schon wieder anders aussehen«, dann haben wir bereits gewonnen.

ME/CFS wurde 1969 von der WHO als organisch-neurologische Erkrankung anerkannt und gilt bis heute als unheilbar. Am 26. Februar 2020 hat das Bundesverfassungsgericht das »Selbstbestimmungsrecht am Lebensende« zum Grundrecht erklärt und somit den assistierten Suizid legalisiert.

ME/CFS-Glossar

Wichtige Begriffe erklärt

Buchstabe A

Aktivitätsmanagement

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Aktivitätsmanagement bedeutet, die vorhandene Energie bewusst einzuteilen und Belastungen zu planen. Bei ME/CFS und Long COVID ist das besonders wichtig, weil zu viel Aktivität eine deutliche Zustandsverschlechterung auslösen kann. Dabei geht es nicht um Training, sondern um Schutz vor Überlastung. Hilfreich können Pausen, Reizreduktion, Hilfsmittel, Herzfrequenzmessung und ein Symptomtagebuch sein.

Buchstabe B

Brain Fog

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Brain Fog beschreibt kognitive Beschwerden wie Konzentrationsprobleme, Wortfindungsstörungen, Vergesslichkeit oder das Gefühl, gedanklich wie benebelt zu sein. Bei Long COVID und ME/CFS kann Brain Fog den Alltag massiv einschränken. Betroffene verlieren zum Beispiel den Faden im Gespräch, vergessen Termine oder können einfache Aufgaben nicht mehr zuverlässig ausführen.

Buchstabe C

Crash

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Crash ist ein häufig genutzter Begriff für eine starke Zustandsverschlechterung nach Belastung. Schon kleine körperliche, geistige oder emotionale Anstrengungen können ausreichen. Ein Crash kann Stunden oder Tage verzögert auftreten und mit Schmerzen, Erschöpfung, Brain Fog, Reizempfindlichkeit oder Bettlägerigkeit einhergehen. Medizinisch wird diese Reaktion oft als PEM bezeichnet.

Buchstabe D

Dysautonomie

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Dysautonomie bedeutet, dass das autonome Nervensystem aus dem Gleichgewicht gerät. Es steuert Funktionen wie Kreislauf, Herzfrequenz, Blutdruck, Temperatur, Verdauung und Atmung. Bei ME/CFS und Long COVID berichten viele Betroffene von Schwindel, Herzrasen, Kreislaufproblemen oder Beschwerden beim Stehen und Sitzen. Solche Symptome sollten ärztlich abgeklärt werden.

Buchstabe E

Epstein-Barr-Virus

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Das Epstein-Barr-Virus, kurz EBV, ist unter anderem als Auslöser des Pfeifferschen Drüsenfiebers bekannt. Virale Infektionen können bei manchen Menschen einer ME/CFS-Erkrankung vorausgehen. Dazu gehören neben EBV auch SARS-CoV-2, Influenza oder andere Infekte. Das bedeutet nicht, dass jede Infektion ME/CFS auslöst, aber anhaltende Beschwerden nach Infekten sollten ernst genommen werden.

Buchstabe F

Fatigue

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Fatigue bedeutet nicht einfach Müdigkeit. Gemeint ist eine krankhafte, oft überwältigende Erschöpfung, die durch Schlaf oder Ausruhen nicht ausreichend besser wird. Bei ME/CFS und Long COVID kann Fatigue körperlich, geistig und emotional spürbar sein. Viele Betroffene können dadurch nicht mehr arbeiten, soziale Kontakte halten oder alltägliche Aufgaben zuverlässig bewältigen.

Buchstabe G

Grad der Behinderung

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Ein Grad der Behinderung, kurz GdB, kann beantragt werden, wenn eine Erkrankung die Teilhabe am Alltag dauerhaft einschränkt. Bei ME/CFS oder Long COVID kann das relevant werden, wenn Betroffene nicht mehr arbeiten, das Haus kaum verlassen oder Hilfe im Alltag benötigen. Der Antrag ist oft belastend, kann aber Zugang zu Nachteilsausgleichen und Unterstützung ermöglichen.

Buchstabe H

Herzfrequenzmessung

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Die Herzfrequenz kann beim Pacing eine wichtige Rolle spielen. Manche Betroffene nutzen Pulsmesser oder Wearables, um Überlastung frühzeitig zu erkennen und unter ihrer Belastungsgrenze zu bleiben. Das ersetzt keine medizinische Diagnostik, kann aber helfen, Muster zu verstehen. Besonders bei Kreislaufproblemen, Herzrasen oder Schwindel sollte ärztlich abgeklärt werden, was dahintersteckt.

Buchstabe I

Infekt

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Viele ME/CFS-Erkrankungen beginnen nach einem Infekt. Auch Long COVID entsteht nach einer SARS-CoV-2-Infektion und kann mit ME/CFS-ähnlichen Symptomen einhergehen. Wenn Erschöpfung, Brain Fog, Schmerzen oder Kreislaufprobleme nach einer Infektion über längere Zeit bestehen bleiben, ist es wichtig, diese Beschwerden nicht als normale Erholungsphase abzutun.

Buchstabe J

Jobverlust

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ME/CFS und Long COVID können dazu führen, dass Menschen ihren Beruf nicht mehr ausüben können. Das betrifft nicht nur die finanzielle Sicherheit, sondern auch Identität, soziale Kontakte und Selbstwertgefühl. Viele Betroffene müssen Arbeitszeit reduzieren, lange ausfallen oder Erwerbsminderung beantragen. Umso wichtiger sind Verständnis, flexible Lösungen und eine realistische Einschätzung der Belastbarkeit.

Buchstabe K

Kreislauf

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Kreislaufprobleme gehören zu den häufigen Beschwerden bei ME/CFS und Long COVID. Betroffene berichten zum Beispiel von Schwindel, Schwäche, Herzrasen, Benommenheit oder dem Gefühl, nicht lange sitzen oder stehen zu können. Solche Beschwerden können mit Dysautonomie oder orthostatischer Intoleranz zusammenhängen. Sie sollten medizinisch ernst genommen und nicht vorschnell psychisiert werden.

Buchstabe L

Long COVID

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Long COVID beschreibt gesundheitliche Beschwerden, die nach einer Corona-Infektion anhalten oder neu auftreten. Die Symptome können sehr unterschiedlich sein und mehrere Organsysteme betreffen. Dazu gehören Fatigue, Brain Fog, Atembeschwerden, Schmerzen, Geruchs- und Geschmacksstörungen oder Kreislaufprobleme. Ein Teil der Betroffenen erfüllt die Kriterien für ME/CFS, insbesondere wenn PEM auftritt.

Buchstabe M

ME/CFS

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ME/CFS steht für Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom. Die Erkrankung betrifft unter anderem Immun- und Nervensystem und kann schwerste Einschränkungen verursachen. Charakteristisch ist die Post-Exertionelle Malaise, also eine Verschlechterung nach Belastung. ME/CFS ist nicht mit normaler Müdigkeit gleichzusetzen und kann Betroffene arbeitsunfähig, hausgebunden oder bettlägerig machen.

Buchstabe N

Neuroimmunologisch

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Neuroimmunologisch bedeutet, dass Nervensystem und Immunsystem beteiligt sind. ME/CFS wird häufig als neuroimmunologische Multisystemerkrankung beschrieben, weil Beschwerden in mehreren Bereichen auftreten können: Energiehaushalt, Kognition, Kreislauf, Schmerzen, Schlaf, Reizverarbeitung und Immunsystem. Dieser Begriff macht deutlich, dass es nicht um fehlende Motivation oder normale Erschöpfung geht.

Buchstabe O

Off-Label-Use

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Off-Label-Use bedeutet, dass ein Medikament außerhalb seiner eigentlichen Zulassung eingesetzt wird. Bei ME/CFS und Long COVID greifen manche Ärzt*innen auf solche Behandlungsversuche zurück, weil es bislang keine ursächliche Standardtherapie gibt. Wichtig ist eine sorgfältige ärztliche Begleitung, da Nutzen, Risiken und Kosten individuell abgewogen werden müssen und Krankenkassen nicht immer zahlen.

Buchstabe P

PEM

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PEM steht für Post-Exertionelle Malaise und gilt als zentrales Leitsymptom von ME/CFS. Gemeint ist eine deutliche Verschlechterung nach körperlicher, geistiger, emotionaler oder sensorischer Belastung. PEM kann zeitverzögert auftreten und Tage oder Wochen anhalten. Genau deshalb kann Aktivierung oder zu intensives Training bei ME/CFS schaden, wenn Belastungsgrenzen überschritten werden.

Buchstabe Q

Quarantäne

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Quarantäne spielte während der Corona-Pandemie eine große Rolle, ist aber auch für Long-COVID-Erzählungen wichtig. Viele Betroffene erinnern sich genau an die akute Infektion, die Isolation und den Moment, in dem klar wurde: Die Beschwerden verschwinden nicht wieder. Nach einer Infektion kann Ruhe wichtig sein, besonders wenn der Körper ungewöhnlich stark reagiert oder Belastung Symptome verschlechtert.

Buchstabe R

Reha

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Reha kann bei vielen Erkrankungen hilfreich sein, muss bei ME/CFS aber sehr vorsichtig geplant werden. Wenn PEM vorliegt, kann ein klassisches Aufbauprogramm mit zu viel Sport oder Aktivierung den Zustand verschlechtern. Entscheidend ist, dass Einrichtungen ME/CFS kennen, Pacing berücksichtigen und Belastungsgrenzen respektieren. Betroffene sollten ernst genommen werden, wenn Übungen zu Crashs führen.

Buchstabe S

Schlafstörungen

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Schlafstörungen sind bei ME/CFS und Long COVID häufig. Viele Betroffene schlafen schlecht, wachen nicht erholt auf oder erleben einen verschobenen Schlafrhythmus. Erholsamer Schlaf stellt sich trotz Ruhe oft nicht ein. Schlafprobleme können Fatigue, Schmerzen und Brain Fog zusätzlich verstärken. Eine ärztliche Abklärung kann helfen, Begleitfaktoren zu erkennen und den Alltag besser zu stabilisieren.

Buchstabe T

Therapie

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Eine ursächliche Therapie für ME/CFS gibt es bislang nicht. Die Behandlung konzentriert sich daher auf Symptomlinderung, Pacing, Unterstützung im Alltag, Hilfsmittel und die Behandlung von Begleiterkrankungen. Bei Long COVID hängt die Versorgung von den dominierenden Beschwerden ab. Wichtig ist, dass Therapieziele realistisch bleiben und Betroffene nicht durch falsche Aktivierung weiter destabilisiert werden.

Buchstabe U

Unverträglichkeit

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Unverträglichkeit meint hier vor allem Belastungsunverträglichkeit. Bei ME/CFS kann der Körper selbst auf geringe Anstrengungen unverhältnismäßig stark reagieren. Das betrifft nicht nur Sport, sondern auch Gespräche, Licht, Geräusche, Termine, Körperpflege oder emotionale Belastung. Wer diese Grenzen missachtet, riskiert einen Crash. Deshalb ist Pacing kein Schonverhalten, sondern Krankheitsmanagement.

Buchstabe V

Versorgungslücken

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Versorgungslücken sind für viele Betroffene mit ME/CFS oder Long COVID ein großes Problem. Es gibt zu wenige spezialisierte Anlaufstellen, lange Wartezeiten, Unsicherheit bei Diagnostik und Therapie sowie häufige Probleme mit Behörden oder Kostenübernahmen. Wenn Beschwerden nicht ernst genommen werden, verstärkt das die Belastung zusätzlich. Gute Versorgung braucht Wissen, Zeit und Anerkennung der Erkrankung.

Buchstabe W

WHO

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Die WHO klassifiziert ME/CFS seit Jahrzehnten als Erkrankung des Nervensystems. Für Betroffene ist diese Einordnung wichtig, weil ME/CFS trotzdem immer wieder als rein psychisches Problem missverstanden wird. Psychische Unterstützung kann helfen, mit der Belastung umzugehen, ersetzt aber nicht die Anerkennung körperlicher Symptome, eine sorgfältige Diagnostik und angemessene medizinische Versorgung.

Buchstabe Z

Zustandsverschlechterung

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Zustandsverschlechterung ist bei ME/CFS und Long COVID ein zentraler Begriff. Sie kann nach Belastung, Infekten, Stress oder Reizüberflutung auftreten und Betroffene für Tage oder Wochen zurückwerfen. Besonders typisch ist die Verschlechterung nach Aktivität, also PEM. Wer solche Muster erkennt, kann besser planen, Pausen setzen und Unterstützung organisieren, um weitere Crashs möglichst zu vermeiden.

Hilfreiche Anlaufstellen zu ME/CFS und Long COVID

Nicht aus Kraftmangel allein bleiben

Wenn du dich über ME/CFS, Long COVID, PEM, Pacing oder Versorgung informieren möchtest, gibt es spezialisierte Stellen mit geprüften Informationen. Bei akuter psychischer Krise oder Suizidgedanken gilt: Bitte sofort Hilfe holen – über vertraute Menschen, medizinische Notdienste oder Krisenangebote.

Deutsche Gesellschaft für ME/CFS e. V.
https://www.mecfs.de

Charité Fatigue Zentrum:
https://cfc.charite.de/fuer_patienten/mecfs_sprechstunde

Verein Sterbehilfe
https://www.sterbehilfe.de

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