Die Diagnose Körperdysphorie hat alles verändert.
Wir leben in einem binären Geschlechtersystem, in dem Neugeborenen bei der Geburt – anhand äußerer Merkmale – entweder das weibliche oder männliche Geschlecht zugewiesen wird. Doch nicht bei allen Menschen stimmt diese Zuordnung mit ihrem empfundenen Geschlecht überein. Jona identifiziert sich weder als männlich noch als weiblich und nutzt daher die Neopronomen dey und deren anstelle von sie/er beziehungsweise ihr/sein. Im Interview hat Jona über den schweren Weg zum Outing gesprochen und erzählt, inwiefern die Mastektomie zu deren Heilung beigetragen hat.

Triggerwarnung:
Körperdysphorie, Transfeindlichkeit, psychische Belastungen, missbräuchlicher Alkoholkonsum.

Interview: Diana Ringelsiep
Non binary Personen im Alltag: Erfahrungen & Outing
Hi Jona, ich freue mich sehr, dass du da bist. Wir möchten ja heute über das Thema Geschlechtsidentität sprechen. Du bist selbst non-binary, das heißt, du identifizierst dich weder mit dem weiblichen noch mit dem männlichen Geschlecht. War das schon immer so, oder welche Erinnerungen hast du dahingehend an deine Kindheit?
Ich war als Kind auf jeden Fall an verschiedenen Sachen interessiert. Da war von Ballett bis Fußball alles dabei. Ich glaube, das hat sich damals noch nicht abgezeichnet. Schwierig wurde es in meiner Pubertät, aber ich glaube, das lag auch einfach daran, dass ich als weiblich gelesene und weibliche sozialisierte Person die ganze Zeit sexualisiert wurde. Rückblickend habe ich damals viel mit Alkohol kompensiert, weshalb ich einfach keine schönen Erinnerungen an diese Zeit habe.

Wie blickst du auf deine Freundschaften zurück? Hattest du eine Clique oder warst du eher ein Underdog?
Ich hatte schon immer irgendwie Freunde, aber ich habe mich auch gerne zu den Underdogs gesellt. Gegen die beliebteren Kids habe ich immer eher angekämpft.
Wann hast du realisiert, dass es eventuell mehr als nur zwei Geschlechtsidentitäten gibt?
Das war 2015, also vor zehn Jahren, ganz klischeehaft in Berlin. Ich habe dort mit ganz verschiedenen Menschen abgehangen und irgendwann kam dieses Thema auf. Es waren vielleicht fünf oder sechs Leute im Raum, die sich darüber unterhalten haben. Und ich saß als stiller Beobachter und Zuhörer im Hintergrund – und war total fasziniert. Das Gespräch hat mich dann noch tagelang beschäftigt, wobei das noch untertrieben ist: Ich habe selbst Wochen und Jahre später noch regelmäßig daran zurückgedacht. Mir sind verschiedene Momente aus meinem Leben wieder eingefallen, und auf einmal machte es total Sinn für mich, dass es mehr gibt als nur männlich und weiblich.
Nicht binär einfach erklärt
Nicht binär bedeutet, sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht eindeutig zuordnen zu können. Stattdessen verstehen sich non binary Personen als Teil eines Geschlechterspektrums.
Pronomen für non binary Menschen
Deutsch: dey/deren
Englisch: they/them
Weitere Varianten: xier, sier, per u.a.
Welche Rolle hat das Internet in dieser Findungsphase für dich gespielt?
Ich war tatsächlich sehr viel im Internet unterwegs, einfach weil es für mich die Informationsquelle Nummer eins war. Außerdem hatte ich online sehr viele Kontakte und konnte zum Beispiel auch trans Menschen folgen. Ich weiß noch, dass Tumblr damals relativ groß war, da habe ich viele Informationen bekommen und auch YouTube war total erfrischend für mich, weil es in meinem realen Umfeld bis dahin nur wenig Kontaktpunkte mit dem Thema gab.
Du hast mir im Vorgespräch erzählt, dass du kurz darauf als Au-pair in die USA gegangen bist und dass deine Gastfamilie eine wichtige Rolle bei deiner Identitätsfindung gespielt hat. Inwiefern wurdest du dort unterstützt?
Ich habe mich tatsächlich dort geoutet und auch erstmals einen Wunschnamen geäußert, der für die amerikanische Familie leichter auszusprechen war. Meine Gastmutter hat sogar eine kleine »Geburtstagsparty« für mich gegeben und ihre Freundinnen eingeladen, weil ich dort ja noch niemanden kannte. Es gab eine Torte mit Kerze – alles irgendwie Einhorn-themed – und sogar ein Banner. Das war total süß. Sie hat auch immer versucht, die anderen Familienmitglieder daran zu erinnern, dass ich jetzt anders heiße und dass ich mir eine neutrale Ansprache wünsche. Das war total schön.
Wie hat sie dir denn überhaupt signalisiert, dass das ein safer Ort für ein Outing ist?
Sie war einfach von Anfang an eine sehr offene Person. Wir haben über alles Mögliche miteinander gesprochen und für mich war das eigentlich gar keine Frage – ich konnte und wollte ihr alles erzählen. Rückblickend glaube ich, dass auch der räumliche Abstand zu meinem Umfeld in Deutschland ein großer Faktor gewesen ist. Es war einfach der richtige Moment für mich, so weit weg von zuhause.
Inwiefern hat sich die positive Reaktion deiner Gastfamilie auf den Anspruch gegenüber deiner eigenen Familie ausgewirkt?
Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, welches Outing zuerst stattgefunden hat. Aber ich kann definitiv sagen, dass meine Familie daheim nicht so gut reagiert hat. Die haben das gar nicht verstanden und hatten tausend Fragen. Das ging so weit, dass sie erst mal den Kontakt zu mir abgebrochen haben, weil sie total überfordert waren. Das war schlimm für mich, weil ich zu dem Zeitpunkt ja allein im Ausland war und gerne Rückhalt von zuhause gehabt hätte.
Transfeindlichkeit und innere Kämpfe
So ein Outing ist ja ein jahrelanger Prozess und nicht an einem Tag abgeschlossen. Welche Rolle hat deine eigene internalisierte Transfeindlichkeit dabei gespielt?
Eine große, glaube ich. Ich habe bis heute mit verinnerlichter Transfeindlichkeit zu kämpfen. Wenn ich früher nicht-binäre Menschen gesehen habe, fand ich sie seltsam und komisch. Ich konnte sie nicht einordnen und wollte nichts mit ihnen zu tun haben. Das ist natürlich absurd, ich bin ja selbst so, aber ich habe immer versucht, mich anders zu geben. Letztens habe ich ein schönes Zitat in dem Buch »Never not changing« von Gialu und Gazelle gelesen, in dem es darum ging, dass man als trans Person ständig mitansieht, wie schlecht andere trans Personen in der Gesellschaft behandelt werden und deshalb grenzt man sich von ihnen ab, weil man diese Erfahrungen nicht teilen möchte. Das trifft meine damalige Situation sehr gut, weil ich tief in mir drin auch nicht zu dieser ausgestoßenen Gruppe gehören wollte. Aber nun ist es so und damit muss ich irgendwie klarkommen.
Wie lange hat es gedauert, bis du dich an den Gedanken gewöhnen hast, ein Teil dieser Gruppe zu sein?
Also ich habe mich ja 2016 das erste Mal geoutet. Und erst letztes oder vorletztes Jahr konnte ich sagen: »Ich bin trans.« Das war ein langer Prozess, weil ich immer glaubte, nicht trans genug zu sein. Das war auch der Grund dafür, dass ich das für ein paar Jahre komplett weggedrückt habe. Denn es hätte ja Konsequenzen mit sich gebracht, mir das einzugestehen und weiter daran zu arbeiten.
Was ist Gender Dysphorie?
Gender Dysphorie bezeichnet das Leiden, wenn das körperliche Geschlecht nicht mit der empfundenen Geschlechtsidentität übereinstimmt.
Gender Dysphorie und Körperdysphorie: Wenn Körper und Identität nicht übereinstimmen
Du hast dann schließlich eine Therapie gemacht und eine Transberatung. Was hat das für dich verändert?
Die Transberatung war für mich ein elementarer Prozess, zumal das eine Person war, die ebenfalls nicht-binär und mindestens zehn Jahre älter war als ich. Zu sehen, dass ich so alt werden kann, hat mir vor Augen geführt, dass es nicht bloß um eine Phase ist, sich nicht-binär zu fühlen. Auch das Mastektomie-Thema war ein wichtiger Teil meiner Transberatung, weil ich dabei gemerkt habe, dass ich das wirklich will. Bis dahin hatte ich meine Brüste komplett ignorieren wollen, aber das geht auf Dauer eben nicht. In der Therapie wurden meine Empfindungen erstmals als Dysphorie bezeichnet – und genau das war es für mich.
Damit bekam der große Leidensdruck, den du verspürt hast, weil dein Körper nicht mit deiner Geschlechtsidentität übereinstimmte, endlich einen Namen. Was hat das mit dir gemacht?
Ich habe meine Brust, die mir in der Pubertät gewachsen ist, schon von Anfang an ignoriert. Ich habe mir aber nichts dabei gedacht, schließlich mögen die meisten Frauen ihre Brüste nicht, weil die Gesellschaft uns einredet, wie perfekte Brüste auszusehen haben. Ich dachte, dass ich mich schon irgendwann daran gewöhnen würde. Doch ab dem Zeitpunkt, als die Körperdysphorie beim Namen genannt wurde, hatte ich plötzlich eine so starke Awareness für meine Brust, dass ich gar nicht mehr klarkam. Von da an war jeder einzelne Tag schwierig: Sport-BH ausziehen, duschen, schwimmen gehen. Ich war gedanklich die ganze Zeit bei meiner Brust.
Mastektomie bei non binary Personen: Kosten & Herausforderungen
Und dann wurde in der Therapie quasi erstmals die Option einer Mastektomie, also eine chirurgische Entfernung des Brustgewebes, in den Raum geworfen. Allerdings ist so eine Operation ja mit sehr hohen Kosten verbunden, weil geschlechtsangleichende Maßnahmen bei nicht-binären Personen leider keine Kassenleistungen sind. Wie bist du damit umgegangen?
Ich war lange Zeit sehr wütend auf die Krankenkassen. Aber dann habe ich gemerkt, dass ich es trotzdem irgendwie durchziehen muss. Ich dachte mir: »Das Geld kriege ich schon irgendwo her.« Das war rückblickend eine sehr naive, aber auch eine sehr gute Entscheidung. Und dann habe ich einfach einen Termin in der Chirurgie gemacht.
Von wie viel Geld reden wir da? Kriegst du das zusammen?
Ja, ich habe es hochgerechnet, mit allem drum und dran, waren es so um die 8.000 Euro.
Es soll ja auch nicht-binäre Menschen geben, die bei der Antragstellung lügen und vorgeben, trans-männlich zu sein, da die Chancen dann wiederum nicht so schlecht stehen, dass die Krankenkasse die Kosten übernimmt. Warum hast du dich dagegen entschieden?
Ich wurde auf diese Option hingewiesen und meine Therapeutin hätte mir bestimmt auch geholfen, diesen Weg zu gehen. Aber ich hatte nicht die Kraft, einen Kampf mit der Krankenkasse zu führen. Das hätte ich psychisch nicht gepackt und ich hatte auch keinen Bock zu lügen. Ich wollte es auf die ehrliche Art durchziehen.
Und dann bist du kreativ geworden. Erzähl doch mal, wie du du die OP finanziert hast.
Ich habe meinen Instagram-Account genutzt, der damals gerade mal 240 Follower hatte. Ich habe ein Video aufgenommen, in dem ich erklärt habe, wer ich bin, was ich brauche und warum die Krankenkassen die Kosten für meine Mastektomie nicht übernehmen. Und dann habe ich es gepostet und gehofft, dass es viral geht. Und tatsächlich ist daraus ein kleiner Selbstläufer geworden, das hat relativ gut funktioniert. Ich habe dann zum Beispiel auch auf CSDs Flyer verteilt, das hat auch noch mal geholfen. Das war mir schon alles irgendwie unangenehm, weil ich kein Mensch bin, der sich gerne zeigt. Mein erstes Video habe ich sogar von hinten aufgenommen, darin war nur mein Rücken zu sehen, weil ich mein Gesicht nicht zeigen wollte. Aber am Ende hat der Plan funktioniert. Sogar Linus Gieser hat eins meiner Videos geteilt. Das war eine Riesenehre.
Wie ging es dir vor dem näherrückenden OP-Termin?
Richtig beschissen, auf gut Deutsch gesagt. Ich hatte einfach Panik und musste das ganz alleine durchziehen. Ich habe dann auch noch mal eine Transberatung dazugeholt, um darüber zu reden: »Ist das normal, dass ich so eine Panik bekomme?« Aber die haben mir alle gut zugeredet und gesagt, dass diese Ängste im Vorfeld normal sind.
Wie ging es dir, als du schließlich aus der Narkose aufgewacht bist?
Erst mal ziemlich gut, weil ich dank der Schmerzmittel das Gefühl hatte, völlig schwerelos im Raum zu schweben. Aber ich habe leider die Narkose nicht gut vertragen. Die hatten ziemlich viel Arbeit damit, mich zu stabilisieren. Das war jetzt nicht die schönste Erfahrung, aber die Hälfte davon habe ich schon wieder vergessen.
Wenn ich früher nicht-binäre Menschen sah, fand ich sie seltsam und komisch, weil ich tief in mir drin nicht zu dieser ausgestossenen Gruppe gehören wollte.
Und dann gibt es natürlich noch die mentale Seite. Wie ist es dir im Nachhinein mit der Entscheidung gegangen?
Mit der Entscheidung zur Mastektomie geht es mir bis heute megagut. Sobald ich den Eingriff hinter mir hatte, war ich einfach nur erleichtert, dass es voran geht.
Gab es, nachdem alles verheilt war, irgendwelche Meilensteine, die du zelebriert hast?
Eine der ersten Aktionen, die ich gemacht habe, war Eisbaden. Ich liebe Eisbaden, aber leider war das eine richtig dumme Idee, weil mir niemand gesagt hat, dass das extrem wehtut. Das Narbengewebe ist anfangs nämlich noch super empfindlich. Im Wasser war es noch okay, da tut einem eh alles weh. Aber als ich rauskam, waren das echt heftige Schmerzen. War vielleicht nicht meine schlauste Idee, aber es hat trotzdem Spaß gemacht. Und jetzt kommt mein erster Sommer und ich freue mich schon sehr darauf, im See zu baden – das ist für mich das Allergrößte. Letztes Jahr habe ich dort noch noch Videos mit Brust aufgenommen und davon geträumt, wie es ohne wäre. Und diesen Sommer ist es endlich soweit.
Wir können uns Geschlecht ja als ein großes Spektrum vorstellen, mit einem weiblichen und einem männlichen Pol – und ganz viel dazwischen. Hast du jetzt, nach der Mastektomie, das Gefühl, mit deinem Körper im Einklang zu sein oder willst du noch weiter gehen?
Ich habe im Sommer tatsächlich einen Termin in einer Hormonklinik, um mich beraten zu lassen. Aber ich bin da gar nicht festgelegt. Du hast gerade gesagt, es gibt noch viel dazwischen. Ich sehe das eher so, dass noch ganz viel außenrum existiert. Ein Riesenuniversum und ich habe selbst keinen Plan, was es da noch alles gibt. Daher ist es für mich komplett legitim, dass alles möglich sein kann. Letztendlich befinde ich mich auf einer Reise, allein der Weg hierhin hat ja schon viel länger gedauert, als gedacht.
Non binary und Gesellschaft: Rechtliche Lage & Sichtbarkeit
Seit Ende 2018 besteht nun auch in Deutschland die Möglichkeit, seinen Namen und seinen Geschlechtseintrag offiziell anpassen zu lassen – also in weiblich, männlich oder divers. Hast du das gemacht?
Ich habe mich wahnsinnig für alle trans Menschen gefreut, dass das jetzt einfacher möglich ist. Gleichzeitig habe ich mich aber auch geärgert, weil manche Namen abgelehnt wurden. Ich selbst habe es noch nicht gemacht, weil ich meinen endgültigen Namen noch nicht gefunden habe. Ich gehe seit drei Jahren als Jona durchs Leben, merke aber, dass da noch ein anderer Name fehlt. Wenn ich ihn gefunden habe, würde ich es eventuell ändern lassen. Aber da die politische Lage gerade so angespannt ist, bin ich mir gar nicht sicher, ob ich das überhaupt möchte, aus Sicherheitsgründen. Das ärgert mich sehr, denn jetzt ist die Möglichkeit endlich da, und dann kackt die Politik rein.
Wovor hast du Angst? Kannst du da Beispiele nennen?
Dass man quasi auf einer Liste landet, auf der alle Personen stehen, die ihren Namen und ihr Geschlecht geändert haben. Damit sind trans Personen sehr einfach zu verfolgen. Ich will mir gar nicht ausmalen, was dahingehend alles passieren könnte, denn eine Zielscheibe sind wir ja bereits.
Wie kann man non binary Personen unterstützen?
Was können wir als cis-geschlechtliche Mehrheitsgesellschaft tun, um euch zu supporten und in diesen schwierigen Zeiten die nötigen Safe Spaces zu bieten?
Ich glaube, es fängt einfach damit an, dass man offen bleibt und dass man den Menschen zuhört, was in diesem Interview ja auch gerade passiert. Mir wird zugehört und das finde ich total schön. Und natürlich den Mund aufmachen, wenn man sieht, dass trans Personen nicht mitgedacht oder diskriminiert werden. Außerdem ist es wichtig, Menschen auch einfach mal in Ruhe zu lassen und nicht ständig die Körper, Looks oder Outfits von anderen zu kommentieren. Es macht halt keinen Spaß, zu allem blöde Rückmeldungen zu bekommen.
Jona, ich finde es wirklich bewundernswert, dass du nach allem, was du schon erlebt hast, für Sichtbarkeit von queeren und nicht-binären Personen kämpfst. Danke, dass du dich mir anvertraut hast und viel Spaß bei deinem ersten Schwimmbad- oder Seebesuch dieses Jahr.
Danke für die Einladung.